Fußball

Interview: Ferydoon Zandi

Ferydoon Zandi vom 1.FC Kaiserslautern ist in Norddeutschland geboren und aufgewachsen. Obwohl der 26-Jährige bislang ausschließlich für deutsche Vereine gespielt hat, wird er bei der WM im Heimatland seiner Mutter für das bereits qualifizierte Heimatland seines Vaters antreten. André Mailänder
Heft #49 11 / 2005
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11 Freunde: Ferydoon Zandi, waren Sie vor Ihrem ersten Länderspiel schon mal im Iran?
Ferydoon Zandi: Ja, aber nur zweimal mit meinen Eltern. Ich kannte das Land bloß vom Hörensagen, weil ich meinen Vater als Kind immer gelöchert habe. Eine Zeit lang war ein Besuch des Irans für mich auch nicht möglich, wegen den Militärs. Dann hätte ich dort zum Dienst antreten müssen.
11 Freunde: Haben Sie sich in ihrem Leben je als Iraner gefühlt?
Zandi: Ich bin zweisprachig aufgewachsen. Meine Mutter hat deutsch mit mir gesprochen, mein Vater persisch. Wir hatten viele Kontakte zur Familie meines Vaters. Deshalb habe ich mich schon immer auch als Iraner gefühlt. Ich habe viel Deutsches und viel Iranisches in mir, das finde ich positiv. Letztlich habe ich aber doch eher die iranische Mentalität, gerade was die Bedeutung von Freundschaften und Familie angeht.
11 Freunde: Sie hätten mit etwas Glück auch deutscher Nationalspieler werden können. Haben Sie sich für den Iran entschieden, weil Sie so sicherer bei der Weltmeisterschaft 2006 dabei sind?
Zandi: Nein. Das war eine Überzeugungstat. Ich hatte eine realistische Chance auf den Sprung in die deutsche Mannschaft, als ich zweimal in das „Team 2006“ berufen wurde. Ich habe damals aber abgelehnt, weil ich mir Hoffnungen auf Einsätze im Iran machte. Das war ja bis vor zwei Jahren nicht möglich, weil ich für Deutschland Juniorenländerspiele absolviert habe. Aber dann kam die neue Regelung, die einen Wechsel der Nationalmannschaften erlaubte.
11 Freunde: Wie muss man sich eine solche Berufung vorstellen? Haben Sie einen freundlichen Brief an den iranischen Verband geschrieben und ihm mitgeteilt, dass Sie ein deutscher Bundesligaspieler mit iranischen Wurzeln sind? Oder wurden die Iraner auf Sie aufmerksam?
Zandi: Bewerben musste ich mich nicht. Als die neue Regel in Kraft trat, haben Länder wie der Iran wohl den Erdball nach möglichen Spielern abgegrast.
11 Freunde: Hat man überprüft, ob Sie sich auch wirklich als Iraner fühlen?
Zandi: Nein. Der Trainer kam mit einem Vertreter des Verbandes, dann haben wir über die Nationalmannschaft und über mich gesprochen. Anschließend haben sie mir zweieinhalb Monate Bedenkzeit gegeben. Das war sehr fair, weil ich diese Zeit auch für meine Entscheidung brauchte.
11 Freunde: Wie wichtig war es, dass die nächste Weltmeisterschaft in Deutschland stattfindet?
Zandi: Das war ein netter Zufall, ein Bonbon. Aber ich werde sicher auch nach der WM für den Iran spielen.
11 Freunde: Was hätten Sie gemacht, wenn Jürgen Klinsmann kurz vor Ihrem ersten Spiel für den Iran angerufen hätte?
Zandi: Es hätte nichts mehr geändert, weil ich mich entschieden hatte. Das war eine prinzipielle Sache.
11 Freunde: Trotzdem ist die Chance, Weltmeister zu werden, als iranischer Nationalspieler quasi nicht existent. Was fasziniert Sie so sehr an diesem Land, dass Sie die Mühen von möglicherweise karrierehemmenden, beschwerlichen Länderspielreisen quer durch Asien auf sich nehmen?
Zandi: Im Iran herrscht eine unfassbare Sportbegeisterung. Das ist mit Deutschland nicht zu vergleichen. Auf der Straße kann man als Fußballer nicht unerkannt herumlaufen oder mal einen Kaffee trinken gehen, weil man ständig angequatscht wird. Das Leben mit der Mannschaft ist auf solch einer Reise sehr kurios und locker im Vergleich zur Bundesliga. Beim Essen quatscht jeder über den Tisch, alle sind total herzlich, das ist einfach wunderbar. Wichtig war natürlich, dass die FIFA die Termine mittlerweile weltweit mit den Liga-Spieltagen koordiniert. Im Übrigen sind wir nicht so schlecht. Wir können die Gruppenphase überstehen, auch wenn wir voraussichtlich nicht Weltmeister werden.
11 Freunde: Ihr erstes Länderspiel in Teheran, wie war das?
Zandi: Das war das wichtige Qualifikationsspiel gegen Japan. Um 19 Uhr war Anstoß, bereits um 12 Uhr war das Stadion voll mit 120 000 Zuschauern. Vor dem Stadion sollen noch einmal 50 000 gewesen sein. Das ganze Stadion hat uns 90 Minuten lang angefeuert, so laut, dass man seine eigene Stimme nicht hören konnte. Dann habe ich noch ganz ordentlich gespielt und ein entscheidendes Tor beim 2:0-Sieg vorbereitet. Das war genial.
11 Freunde: Ihre längste Länderspieltour hat 16 Tage gedauert. Eine Reise in eine andere Welt?
Zandi: Das ist teilweise Wahnsinn. Auch die Medien spielen noch mehr verrückt als bei der deutschen Mannschaft.
11 Freunde: Wie hat man sich das vorzustellen?
Zandi: Die Medien dürfen sich viel mehr erlauben. Die kommen mit in die Kabine und stellen ihre Fragen sogar in der Halbzeit. Sie sind ständig dabei, irgendwo ist immer eine Kamera. Mich stört das etwas, da bin ich eben deutsch. Andere gehen ganz locker damit um – bei der deutschen Mannschaft unmöglich.
11 Freunde: Sollte Klinsmann mal bei Ihnen mitfahren? Wir dachten gerade daran, wie kontrovers die Rolle des Filmemachers Sönke Wortmann im Tross der Nationalelf diskutiert wird.
Zandi: Gute Idee. Vielleicht sollte Jürgen Klinsmann mal ein Praktikum bei uns machen... Im Ernst, es gibt auch Grenzbereiche. In Nordkorea, bei diesem Spiel, das kurz vor Schluss beim Stand von 2:0 für uns beinahe abgebrochen worden wäre, war eine Kamera in der Kabine. Die Aufnahmen hat der Sportminister aber verboten, weil es sonst beim Rückspiel Racheakte iranischer Fans gegeben hätte.
11 Freunde: Was war passiert?
Zandi: Als wir nach dem Spiel aus der Kabine heraus wollten, wurden wir von Nordkoreanern verfolgt. Wir sind zurück in die Kabine und waren zwei Stunden lang eingesperrt.
11 Freunde: Haben Sie in diesem Moment Ihre Entscheidung bereut?
Zandi: Natürlich hatte ich Angst, wie alle meine Mitspieler. Andererseits: Das war schon ein Erlebnis der besonderen Art.
11 Freunde: Im Iran dürfen nur Männer ins Stadion. Ein seltsames Gefühl?
Zandi: Als Spieler kriegt man das nicht mit. Man weiß es, denkt aber während des Spiels nicht darüber nach. Außerdem sind ja weibliche Fans der gegnerischen Mannschaft erlaubt, und ein paar Iranerinnen schleichen sich mit großem Geschick auch ins Stadion.
11 Freunde: Können Sie eigentlich gut genug Persisch, um alles zu verstehen, was die zehn Sporttageszeitungen über Sie schreiben?
Zandi: Die persischen Schriftzeichen kann ich noch nicht so gut lesen, bin aber dabei, sie zu lernen. Weniger wegen Berichten über mich, ich würde gerne ganz allgemein mehr über den iranischen Fußball erfahren.
11 Freunde: Sie sind in Deutschland aufgewachsen. Gab es für Sie als einzigen westlich sozialisierten Akteur im Team Probleme?
Zandi: Als ich bei meinem ersten Länderspiel in Bahrain eintraf, hat mich erst einmal jeder Spieler auf dem Zimmer besucht und herzlich begrüßt. Das wäre in Deutschland undenkbar. Natürlich fragt auch mal einer, ob ich Moslem bin oder nicht...
11 Freunde: Und, sind Sie‘s?
Zandi: Ich bin weder Katholik noch Protestant. Nach der islamischen Lehre ist man Moslem von Geburt an. Fakt ist: Ich glaube an Gott, und was die Mentalität und viele Wertvorstellungen betrifft, passe ich sicher zum Islam.
11 Freunde: Spielt Religion eine wichtige Rolle in der iranischen Nationalelf?
Zandi: Früher soll noch gemeinsam gebetet worden sein. Heute sagen wir vor dem Spiel einen Gebetsspruch auf, das dauert eine Sekunde.
11 Freunde: Wie wirkt sich das angespannte Verhältnis des Gottesstaates zu einigen westlichen Ländern auf die Mannschaft aus?
Zandi: Politische Dinge bezüglich des Irans bekomme ich nur am Rande mit. Für mich ist wichtig, dass es im Team und auch in der Gesellschaft, wie ich sie miterlebe, viel lockerer zugeht, als man es in Deutschland vermutet.
11 Freunde: Aber manchmal tangiert Politik auch den Sport. Vahid Hashemian hat im vergangenen Jahr wegen politischen Drucks aus dem Iran auf eine Teilnahme am Champions-League-Spiel des FC Bayern im israelischen Tel Aviv verzichtet.
Zandi: Es gibt nun mal diesen Konflikt zwischen Israel und dem Iran. Vahid hätte niemals mehr in den Iran reisen können, wenn der israelische Stempel im Pass gewesen wäre. Ich persönlich bin mir sicher, dass alle iranischen Spieler zum sportlichen Wettkampf mit einer israelischen Mannschaft bereit wären. Es gibt aber politische Dinge, auf die wir Sportler keinen Einfluss haben.
11 Freunde: Selbst systemkritische Iraner, die in Deutschland leben, sind stolz auf ihre Nationalelf und zeigen dadurch ihre Bindung zur Heimat.
Zandi: Es ist schön, wenn man auf der Straße von hier lebenden Iranern angesprochen wird. Ich habe mich nicht aus politischen Gründen für den Iran entschieden, sondern für das Land selbst, für die Menschen und deren Mentalität.

Interview: Daniel Meuren
Foto: André Mailänder

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