Fußball

Pro&Contra: Eine Milliarde?

Fast so hysterisch wie um die Benzinpreise wird derzeit um den Marktwert der Bundesliga gestritten. Ist die höchste deutsche Spielklasse tatsächlich eine Milliarde Euro wert, wie der DFL-Geschäftsführer Christian Seifert vor den Verhandlungen mit den Fernsehen behauptet? Imago
Heft #49 11 / 2005
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49
PRO

Von Europas großen Fußballnationen gönnen nur wir Deutschen uns die nostalgische Perspektive: Fernsehgelder werden solidarisch aufgeteilt, die Zusammenfassung der Ligaspiele erfolgt eine Stunde nach Abpfiff, Anstoßzeiten sind so festgeschrieben, dass es leichter scheint, Ladenöffnungszeiten freizugeben als Fußball-Gewohnheiten zu ändern. Den Preis für die reaktionäre Haltung bejammern wir jeden Sommer und jedes Frühjahr, wenn die Ronaldinhos, Zidanes und Lampards in Europa hin- und hergeschoben werden, aber in Deutschland nur Mpenzas oder Hoflands landen. Weil Geld doch Tore schießt, wenn es nicht gerade von Real Madrid verjubelt wird, finden sich die deutschen Klubs mit der minderen finanziellen Ausstattung und dem schwächeren Kader ab den europäischen Viertelfinals als Zuschauer wieder, während Engländer, Spanier und Italiener Trophäen verteilen. In England kassiert die Liga 500 Millionen Euro von BSkyB pro Saison, in Italien zahlt Sky Italia 400 Millionen und Frankreichs Ligue 1 hat für diese Saison den Rekord von 600 Millionen Euro ausgehandelt, während die Bundesligisten mit 295 Millionen Euro konkurrieren sollen. Mit größerer Exklusivität für die Sender lassen sich die Erlöse leicht steigern: Was spricht dagegen, wie in England pro Wochenende vier Anstoßzeiten zuzulassen, um mehr einzelne Livespiele verkaufen zu können? Auch bei Auslandsrechten eröffnet sich Spielraum. Erlösen Europas fünf größte Ligen im internationalen Fernsehrechteverkauf 260 Millionen Euro, so liegt der deutsche Anteil bei nur fünf Prozent. Wer in Zukunft Weltstars auch in der Bundesliga sehen will und Siege gegen Barcelona, Milan und Chelsea, der wird Fernsehübertragungen teurer bezahlen müssen.

Jörg Winterfeldt


CONTRA

Warum sollte Premiere seinen halben Börsenwert für drei Jahre Bundesliga-Kick der DFL in den Rachen werfen? Sieht man sich die letztjährigen Einschaltquoten an und multipliziert diese mit den Abogebühren zwischen 5 und 15 EUR, stellt man fest, dass die darüber generierten Jahreseinnahmen mehr als nur ein, zwei Hand breit von den Seifert‘schen Dimensionen entfernt sind. Das Problem der DFL heißt „Angebot und Nachfrage“. Seiferts famose Zahl ignoriert das Abschmieren der Liga ins europäische Mittelmaß zwischen portugiesischen Melancholikern und holländischen Tulpenzüchtern. Die Leistungen werden schlechter, doch der Geschäftsführer der DFL will von Premiere 300 Prozent mehr Geld. Und das aus dem Mund einer Liga, die derzeit Spielerverträge mit leistungsbezogenen Klauseln überzieht. Was kann die DFL dem Kofler-TV sonst noch Geldwertes anbieten? Mehr Exklusivität durch Verknappung des Angebots im Free-TV? Der exklusive Champions-League-Deal von Premiere hat die Sponsoren so laut und vernehmlich hüsteln lassen, dass Karl-Heinz Rummenigge zum Vorkämpfer für Bildschirmpräsenz im freien Fernsehen mutiert ist. Und wo ist die Nachfrage? Kabel Deutschland will nicht. Axel Springer wird die Banken kaum von weiteren Frischgeld-Transfers für den Aufbau eines Pay-TV-Senders überzeugen können. Wenn die DFL nicht auf die Hälfte ihrer TV-Einnahmen verzichten will, bleibt nur der warme Schoß von Premieres Mahr-Hansi. Christian Seifert muss sich an seiner Lautsprecherei messen lassen. Und wenn der Deal nur bei der Hälfte der Latte „eine Milliarde“ landet, ist Seifert auf Jahre als Sandkastenbubi abgestempelt. Die richtigen Jungs spielen woanders.

Kai Pahl


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