29.09.2005

Fußball

Adrion: Der Wasserspender

Für viele ist es die letzte Bastion des Sozialismus, andere nennen es euphemistisch „das Land von Rum und Revolution“. Gute Cocktails und schöne Frauen gibt es an jeder Ecke, Zigarren auch, aber nach etwas Essbarem sucht man oft stundenlang. Fastfood: Fehlanzeige.

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Außerdem gibt es auf Kuba keine Internetcafés, keine Fußgängerampeln, keine Reklame, keine Kugelschreiber und häufig kein sauberes Trinkwasser. Darunter leiden vor allem die Kinder. Benjamin Adrion, Mittelfeldspieler des FC St. Pauli, hat das mit eigenen Augen gesehen. Im Januar ist er mit dem Kader des Regionalligisten als erste westeuropäische Mannschaft zu einem Trainingslager ins Land von Fidel Castro geflogen. Nachdem er die Nöte der Menschen in Havanna hautnah miterlebt hatte, entschloss sich Adrion, zu helfen. Gemeinsam mit der Deutschen Welthungerhilfe entstand so die erfolgreiche Initiative „Viva con agua de Sankt Pauli“. In 120 Kindergärten werden demnächst Wasserspender installiert, die Behälter sind mit antibakteriellen Filtern und Kühleinrichtungen versehen. Das Leitungswasser ist wegen des schadhaften Wassersystems der kubanischen Hauptstadt häufig mit Keimen belastet und somit eine permanente Infektionsquelle. Bei der tropischen Hitze leiden die Kinder daher oft unter Fieber. Benjamin Adrion ist ein Abenteurer, der auch schon als Rucksacktourist auf Jamaika war. „In Deutschland versauen wir uns mit überflüssigen Negativitäten den Tag“, sagt der 24-Jährige in unorthodoxer Diktion, „viele Kubaner müssen in abgefuckten Wohnungen leben und strahlen dennoch über das ganze Gesicht – das imponiert mir.“ Sein Projekt (Internetadresse www.agua–sanktpauli.org) ist ein offenes Netzwerk, bei dem jeder mitmachen kann. Bereits geplant sind kulturelle Veranstaltungen auf dem Kiez, etwa Benefizkonzerte mit den Bands Fettes Brot und Kettcar. Überdies will der Klub vom Millerntor die Kubaner – derzeit 74. der FIFA-Weltrangliste – auch fußballerisch unterstützen. Bei seinem letzten Besuch hatte Adrion einen Sack fabrikneuer Bälle mit St.-Pauli-Emblem im Gepäck. Nur in Form bringen konnte er die Pillen nicht: Auf Kuba gibt es auch keine Ballpumpen.


Aus Heft 48, jetzt am Kiosk!

Text: Erik Wegener
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