Fußball

Ghana - Kongo

Dieser Sonntag ist gerade mal fünfeinhalb Stunden alt, als sich in unserer Bleibe an der ghanaischen Küste das Leben langsam in Gang setzt. Der Weg von Cape Coast nach Kumasi führt nach Norden und nimmt keine 200 km in Anspruch.
Heft #41 02 / 2005
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Dieser Sonntag ist gerade mal fünfeinhalb Stunden alt, als sich in unserer Bleibe an der ghanaischen Küste das Leben langsam in Gang setzt. Der Weg von Cape Coast nach Kumasi führt nach Norden und nimmt keine 200 km in Anspruch, aber seit dem ersten Überlandtrip ist klar, dass selbst kürzere Strecken eines ausgiebigeren Zeitkorridors bedürfen. Das Spitzenspiel in der afrikanischen WM-Qualifikationsgruppe 2 zwischen den Black Stars of Ghana und der Demokratischen Republik Kongo steht an. Der wohl härteste Konkurrent im Kampf um Platz 1, Südafrika, hat am Vortag ein 1:0 in Uganda vorgelegt und damit die Spitze der Tabelle übernommen. Das Spiel startet am Nachmittag um Drei, unser Bus bereits zwanzig Minuten nach sechs Uhr morgens. Unerwartet früh erreichen wir über eine vierspurige Einfallstraße Kumasi, die Hauptstadt der Ashantis. Obwohl es erst kurz vor zehn ist werden auf den verstopften Straßen an fast jeder Ecke Nationalflaggen für das Spiel angeboten. Noch ist das Stadion geschlossen, aber da es von kleinen Kneipen und Cafés eingerahmt ist, gelingt schon ein erster Blick ins Innere. Am Haupteingang schauen wir zunächst in Gewehrmündungen und grimmige Militärgesichter. Diese Prozedur wiederholt sich noch zweimal, ehe wir unsere Plätze im „Lower-VIP“-Bereich, noch unbehelligt von anderen wichtigen Menschen, einnehmen können. Es sind noch drei Stunden bis zum Anpfiff und während über die Anzeigetafel vor Aids gewarnt wird, ordern den inzwischen obligatorisch gewordenen „fried rice“. Im VIP-Bereich lässt es sich gut aushalten, es ist der einzige überdachte und somit Schatten spendende Teil des Ovals. Wohl auch deshalb füllt sich der Rest des Stadions nur langsam. Zudem ist „Just relax!“ die wohl häufigste Aufforderung eines Ghanaers an seine Mitmenschen. Als die ersten Black Stars zum Warmmachen auf dem Rasen erscheinen, schallen begeisterte Rufe durch das Rund. Währenddessen zelebrieren die buntesten Fans Ghanas ihren Weg durch den Innenraum zur gegenüberliegenden Tribüne. Kurz vorm Anstoß tun es ihnen die Fans der DR Kongo gleich. Nach beiden Hymnen kommt sofort Stimmung auf, das Spiel wogt hin und her, zwei Torschussversuchen des Kongo haben die Black Stars einen Pfostenschuss entgegenzusetzen. Ansonsten aber versuchen sich beide Teams an der englischen Grundvariante des Spiels. „Kick and Rush“ wie er nicht aussehen sollte. Überhaupt scheint bei den ghanaischen Legionären um Sammy Kuffour, Michael Essien und Steven Appiah und ihren Gegnern die kindliche Freude am Ballspiel die Oberhand zu gewinnen – ein geordnetes Spiel findet kaum statt. Und der Schiedsrichter aus Mali hat einen ganz schwachen Tag. Plumpe Schwalben werden mit Freistoß belohnt, harte Fouls dagegen gar nicht geahndet. Doch er ist nicht allein. Seine Assistenten sind begeisterte Fahnenschwinger, die bevorzugt dann wedeln, wenn kein Abseits vorliegt. Da sind die aufkommenden Meinungsverschiedenheiten in unserem Block doch unterhaltsamer. Eine Menschentraube stürzt sich auf den Provokateur, der nach einem kurzen Aufenthalt bei den Ordnungshütern reumütig auf seinen Platz zurückkehren darf. Kurz nach der Pause kommt doch noch mal Leben ins Spiel. Der Schiedsrichter pfeift Elfmeter für Ghana. Das Stadion steht Kopf. Nach einer knappen Unterredung mit seinem Assistenten nimmt der Referee seine Entscheidung aber wieder zurück. Freistoß Kongo. Am Ende ist man froh, dass Ghana nicht doch noch verloren hat. Und mit einem optimistischen „No Problem, we will win next time!“, verlassen die Einheimischen nur wenig geknickt das Stadion. Und wir brauchen für den Rückweg fünf Stunden. Rush Hour in Kumasi.

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