22.11.2004

Fußball

Angst vor der Bundesliga

Im Juli 2003 wurde Marek Heinz beim Hamburger SV trotz Vertrages vom Hof gejagt. Auch kein anderer deutscher Verein wollte ihn haben. Bei der EM in Portugal wurde jedoch klar, dass der erlesene Techniker wichtige Spiele entscheiden kann. Im Interview mit Boris Herrmann erzählt er, warum er in die Bundesliga zurück gekehrt ist.

11 Freunde: Marek Heinz, warum geben Sie eigentlich so selten Interviews?

Marek Heinz: Ich will mich nicht in den Mittelpunkt drängen. Ich habe gerne meine Ruhe und muss nicht populär sein.

11 Freunde: Ist Ihnen klar, dass ihr Freistoß-Tor bei der Europameisterschaft gegen Deutschland Rudi Völler den Job gekostet hat?

Heinz: Darüber habe ich mir ehrlich gesagt noch nie Gedanken gemacht. Ich habe für Tschechien gespielt und wollte gewinnen, egal wie der Gegner heißt. Eigentlich wollte ich den Ball gar nicht aufs Tor schießen, sondern habe eher an eine Flanke gedacht. Aber Jaroslav Plasil vom AS Monaco stand bei mir und schlug vor, direkt abzuziehen. Ich habe mich umstimmen lassen.

11 Freunde: Sie galten in allen drei Vorrundenpartien der Tschechen als einer der Matchwinner und sind bei der EM durchweg positiv aufgefallen. Warum spielen Sie jetzt nicht in Barcelona oder beim FC Chelsea?

Heinz: Das weiß ich nicht. Es haben zwar einige Vereine Interesse bekundet, angeblich auch Celtic Glasgow und Sporting Lissabon, aber es gab kein klares, ernstzunehmendes Angebot. Mit Mönchengladbach habe ich schon vor der Europameisterschaft gesprochen.

11 Freunde: Nachdem Sie zwischen 2000 und 2003 in Bielefeld und in Hamburg gescheitert sind, haben Sie gesagt, dass Sie nie wieder in der Bundesliga spielen wollen.

Heinz: Ich war damals ziemlich enttäuscht von meinen Vereinen, von Deutschland und von mir selbst. Also habe ich zu meiner Frau und meinen Freunden gesagt, ich will so etwas nie wieder erleben, ich spiele lieber in Tschechien. Auch wenn ich dort weniger Geld verdiene.

11 Freunde: Bei Gladbach spielt mit Fukal, Ulich und Sverkos ohnehin eine kleine tschechische Auswahl zusammen. Hätten Sie auch ein Angebot von einem Bundesligaverein angenommen, bei dem keine Tschechen spielen?

Heinz: Es war jedenfalls nicht der entscheidende Grund. Der Kontakt zu Mönchengladbach bestand schon eine ganze Weile. Ich hatte aber Angst vor der Bundesliga, darum hat es ein bisschen länger gedauert, bis der Vertrag unterzeichnet war. Dennoch freue ich mich, dass meine Landsleute hier sind. Manchmal hilft es, Tschechisch zu sprechen.

11 Freunde: Woran lag es, dass Sie beim HSV und in Bielefeld nicht zurecht kamen?

Heinz: Als ich im Sommer 2000 in Hamburg ankam, war ich überglücklich. Das Umfeld, die Fans und das Stadion: alles war neu und aufregend für mich. In den ersten Spielen war ich auch gut. Das war wie ein Traum für mich. Aber dann musste ich nach Sydney zur Olympiade. Ich war gerade mal sechs Wochen in Hamburg und wollte mich auf den Verein konzentrieren. Der tschechische Trainer Karel Brückner hat mich damals jeden Tag angerufen und gesagt, dass ich mitkommen muss. Da konnte ich nichts gegen tun. Beim HSV haben wir zu dieser Zeit in der Champions League gegen Juventus, Deportivo und Panatinaikos gespielt. Und ich war weg. Nach der Olympiade war ich müde und habe meinen Stammplatz verloren. Das war der Anfang des Problems.

11 Freunde: Hat der HSV vielleicht kein Händchen für große Talente aus Tschechien? In der Saison 2001/02 wurde den Hamburgern für lächerliche 600 000 Euro auch Milan Baros angeboten. Aber den wollten der damalige Trainer Pagelsdorf und Sportchef Hyronimus erst gar nicht haben.

Heinz: Ich kann das nicht kommentieren. Damals hat man vielleicht noch nicht erkannt, was Milan drauf hat. Ich kann nur über mich sprechen. Es stimmt, dass ich mich in Hamburg nie so recht heimisch gefühlt habe. Ich war wohl einfach noch zu jung damals. Aber mir ist klar, dass ich auch selbst viele Fehler gemacht habe. Ich habe mich beispielsweise in einer Zeitung über den damaligen Trainer Kurt Jara beschwert. Damals habe ich immer gedacht, dass nur die Anderen Fehler machen.

11 Freunde: Wieso glauben Sie, dass in Mönchengladbach alles besser wird?

Heinz: Weil ich älter geworden bin und mehr Erfahrung mitbringe. Aber ich bin mir bewusst, dass am Ende nur der sportliche Erfolg zählt. Letzte Saison war ich in Tschechien Meister. Und wenn es im Fußball läuft, dann läuft es auch im Privatleben. So gesehen war das Jahr in Ostrau in jeder Hinsicht perfekt.

FRAGE FEHLT!

Heinz: Hier in Gladbach stimmt grundsätzlich alles. Wir haben eine starke Truppe und einen tollen Mannschaftsgeist. Aber zu wenige Punkte. Sportlich können wir nicht zufrieden sein.

11 Freunde: Fanden Sie insofern den Rausschmiss von Holger Fach gerechtfertigt?

Heinz: Es liegt nicht immer nur am Trainer. Auf dem Platz ist jeder Spieler selbst verantwortlich. Der Trainer kann dich zwar vorbereiten, aber er kann keine Tore für dich schießen. Wenn eine Mannschaft wirklich schlecht spielt, muss man sich fragen, was der Trainer falsch macht. Aber wir haben mit Ausnahme des Spiels gegen Hannover einfach nicht schlecht gespielt. Trotzdem haben wir die Punkte hergeschenkt.

11 Freunde: Tschechiens Nationaltrainer Karel Brückner hat in einem Interview gesagt, dass Marek Heinz ein Spieler sei, bei dem die Psyche eine große Rolle spiele. Ein Grund, warum es in der letzten Saison in ihrer Heimat gleich viel besser lief? Sie wurden mit Banik Ostrau Meister und mit 19 Treffern Torschützenkönig.

Heinz: Brückner hat Recht, ich überlege immer zuviel. Wer einfach gestrickt ist und über nichts nachdenkt während er durchs Leben geht, hat natürlich weniger Probleme.

11 Freunde: Sicherlich habe ich in Ostrau gut gespielt, weil ich sehr zufrieden war und genug Zeit für meine Freunde hatte. Auch in der Mannschaft hat alles gepasst. Wir sind nach den Spielen regelmäßig noch ein, zwei Bier trinken gegangen. Wenn wir gewonnen haben, hatten wir viel Spaß miteinander und wenn wir verloren haben, waren wir eigentlich trotzdem gut gelaunt. Aber das kam, zumindest in der Hinrunde, kein einziges Mal vor.

11 Freunde: Wie groß ist der Unterschied zwischen der tschechischen Liga und der Bundesliga?

Heinz: Das Niveau ist in Tschechien nicht viel schlechter als in der Bundesliga. Der einzige Unterschied sind die Zuschauerzahlen. In Deutschland spielst du fast immer vor 40 000 Leuten. In Tschechien kommen natürlich weniger. Aber in Ostrau war die Stimmung dennoch unglaublich. Wir hatten fast immer 20 000 Fans, obwohl offiziell nur 17000 ins Stadion passen.

11 Freunde: Wie tief war die Enttäuschung in der tschechischen Nationalmannschaft über das EM-Aus gegen Griechenland? Haben Sie wie die meisten zu diesem Zeitpunkt mit dem Titel gerechnet?

Heinz: Es gab zwei Lager in unserer Mannschaft. Diejenigen, die meinten wir haben uns gut verkauft, vielen Dank, tschüss. Und die zweite Gruppe, zu der ich gehörte. Ich war sehr enttäuscht darüber, die große Gelegenheit verpasst zu haben, Europameister zu werden. Wir waren in diesem Halbfinale definitiv besser als die Griechen. Und dann bekommen wir das entscheidende Tor kurz vor Schluss ausgerechnet nach einer Standardsituation. Das ist uns vorher drei Jahre lang nicht passiert.

11 Freunde: Warum hat Sie Brückner eigentlich im Spiel gegen Griechenland nicht gebracht? Sie haben zuvor hervorragende Spiele gemacht.

Heinz: In der 36. Minute hat sich Pavel Nedved verletzt. Und der Trainer gab mir ein Zeichen, dass ich gleich eingewechselt würde. Ich zog meine Jacke aus und Brückner erklärte mir meine Rolle auf dem Feld. Aus irgendwelchen Gründen hat er aber dann doch den Smicer gebracht. In der 70. Minute habe ich wieder gewartet, dann hat Brückner aber überhaupt nicht gewechselt. Und als ich in der Verlängerung endlich reinkommen sollte, war es zu spät. Da hatten die Griechen schon das 1:0 geschossen. Ich habe das übrigens erst gar nicht verstanden und dachte, es kommt noch eine weitere Verlängerung. Deshalb habe ich meine Mannschaft unmittelbar nach dem Treffer noch mal angefeuert, ohne zu merken, dass das Spiel schon zu Ende war. Ich hatte keine Ahnung vom Silver Goal.

11 Freunde: Mittlerweile sind Sie aber Stammspieler in der Nationalmannschaft.

Heinz: Poborsky und Nedved sind jetzt nicht mehr dabei. Da ist es natürlich einfacher einen Stammplatz im offensiven Mittelfeld zu bekommen.

11 Freunde: Hat es Sie sehr geärgert, dass Sie in einer Publikation des niederländischen Fußballverbandes fälschlicherweise als unehelicher Sohn von Karel Brückner dargestellt wurden?

Heinz: Die Jungs aus der Nationalmannschaft machen sich ab und zu einen Spaß daraus. Aber das ärgert mich nicht sonderlich. Als Brückner jung war, sah er angeblich so ähnlich aus wie ich. Wir sind beide aus Olmütz und Brückner trainierte mich schon als ich siebzehn war. Er hat mich aus der A-Jugend geholt. Dann habe ich bei ihm in der U 21 gespielt und jetzt ist er wieder mein Trainer in der Nationalmannschaft. Aber sein Sohn bin ich deshalb noch lange nicht.
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