Fußball

Wir wollen Tradition schaffen

Der Trainer des Bundesliga-Aufsteigers FSV Mainz 05, Jürgen Klopp, ist der Shooting-Star der deutschen Trainergilde. Auffällig sind weniger taktische Innovationen als eine allumfassende Begeisterung, die sich abhebt von der gelangweilten Routine des Bundesligabetriebs. Und Klopp hat noch viel vor.
Heft #41 02 / 2005
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11 Freunde: Vorweg die obligatorische Frage: Wirst du lieber Jürgen genannt oder doch Harry Potter?

Jürgen Klopp: Mir wäre Kloppo ganz recht.

11 Freunde: Nervt es dich, dass nach dem Aufstieg wieder dieser lächerliche Vergleich mit dem Zauberlehrling Harry Potter aus den Kinderbüchern gezogen wird?

Jürgen Klopp: Mir ist das im Grunde genommen piepegal. Ich steh da drüber. Vor der Saison hatten wir ein Testspiel in Weingarten. Die Verantwortlichen da haben gefragt, ob sie mit dem Spruch „Harry Potter kommt“ für das Spiel werben dürften. Ich habe denen das erlaubt. Alle anderen hier im Verein haben mich gewarnt, dass ich das lieber nicht tun sollte.

11 Freunde: Ist denn dieses Interesse, speziell das der Medien an deiner Person nicht ein wenig irritierend? Du warst im Sportstudio, jede größere Tageszeitung und gar der „Spiegel“ haben dich interviewt.

Jürgen Klopp: Das war jetzt alles doch nur ein Riesen-Hype. Jeder wollte mich mal interviewen. So langsam sollte das abebben. Dann habe ich das erst mal hinter mir.

11 Freunde: Gehen wir es mal anders an: Das überwältigende Interesse an Mainz 05 zeigt doch, dass die Liga nach etwas Neuem gelechzt hat. Kannst du das erklären?

Jürgen Klopp: Wir sind ein Bundesliganeuling, wie es ihn noch nie gab. Wir haben so lange in der Zweiten Bundesliga geparkt, ganz langsam was aufgebaut, in familiärem Rahmen. Deshalb können wir hier was wagen, weil uns jeder abnimmt, dass wir unser bestes versuchen. Wir haben so wenige Neider, wie wohl in keiner anderen Bundesligastadt. Mainz ist eine richtige Fußballstadt geworden in den Jahren, in denen wir gescheitert sind. Und irgendwie sind wir nun eben in die Rolle der Speerspitze des Otto-Normal-Verbrauchers rein geraten, da wir mit einer Zweitliga-Truppe die Bundesliga ärgern.

11 Freunde: Ihr ärgert die anderen aber auch, weil ihr selbst nach Niederlagen angeblich blendend gelaunt seid.

Jürgen Klopp: Das ist doch Blödsinn, dieses Geschwätz von den Spaßfußballern. Wir bezeichnen uns als Karnevalsverein, weil wir nun mal aus der Fastnachtshochburg Mainz kommen und wirklich gut feiern können. Wir spielen auch verdammt gerne und mit einer Riesenfreude in der Bundesliga. Die Leute kapieren aber schon ganz gut, dass wir uns auf dem Platz alles ganz hart erarbeiten.

11 Freunde: Hättest du das eigentlich lieber noch als Spieler, damals im Juni 1997 erlebt, als du schon einmal am letzten Spieltag mit Mainz 05 beim 4:5 in Wolfsburg am Aufstieg gescheitert bist?

Jürgen Klopp: Das wäre sicher eine Erfahrung gewesen, die ich so nie mehr machen kann. Aber man hätte mir auch damals schon sagen können: „Komm Kloppo, lass das mit dem Kicken, da hast du nicht genug Talent. Mach doch Trainer.“ Ich hätte direkt gesagt: „Jawoll. Das ist mein Ding.“ Letztlich war es so, dass ich die Zeit bis zur Arbeit als Trainer als Profi überbrückt habe. Ich trainiere viel lieber als dass ich selbst spiele.

11 Freunde: Warum?

Jürgen Klopp: Weil ich es besser kann. Beim Kicken hat mir mein Körper im Weg gestanden. Wie man spielt, das wusste ich schon immer, ich hatte nur nicht das Talent dafür, das umzusetzen.

11 Freunde: Was ist bei deiner Trainingsarbeit dein Hauptanliegen?

Jürgen Klopp: Meine Hauptaufgabe sehe ich darin, die Jungs von unserer Sache zu überzeugen. Ich versuche, ihnen unser Ziel am Horizont aufzuzeigen, so dass das wie ein Magnet wirkt.

11 Freunde: Wie machst du das?

Jürgen Klopp: Es gibt zwei Möglichkeiten, einen Menschen zu motivieren. Ich kann ihn unter Druck setzen und ihm Angst vor negativen Konsequenzen machen. Oder ich schildere in schillernden Farben die positiven Folgen. Das letztere ist meine Art, die Sache anzugehen.

11 Freunde: Du hast neben deiner Profi-Karriere ein Sport-Studium abgeschlossen. Zu welchem Fußballthema hast du deine Diplomarbeit geschrieben?

Jürgen Klopp: Das hatte ganz und gar nichts mit Fußball zu tun. Ich wollte eigentlich eine ganz einfache Arbeit schreiben, da wir mit Mainz 05 mal wieder mitten im Abstiegskampf steckten. Da sagte mir aber mein Prof: „Walking ist gerade mächtig im Kommen in Amerika. Damit beschäftigst du dich mal.“

11 Freunde: … was dich als Fußballer sicher sehr interessiert hat …

Jürgen Klopp: Ich musste mich in der Tat überwinden und extrem reinhängen. Ich musste mich beispielsweise damit auseinandersetzen, weshalb Walking für manche Menschen einfach das beste ist, obwohl ich sonst dachte: „Warum machen die das?“ Als ich die Arbeit fertig hatte, war ich so stolz wie ich es selten zuvor war.

11 Freunde: Was bringt dir im Rückblick die Zeit, die du an der Uni verbracht hast?

Jürgen Klopp: Mir hat das Studium dabei geholfen, Erfahrungsdefizite zu minimieren. Ich hatte zum Beispiel zu Beginn meiner Arbeit im Jahr 2001, als wir gerade fast aussichtslos mitten im Abstiegskampf gesteckt haben, direkt den Mut, sehr dosiert zu trainieren, viele Pausen zu machen. Wäre ich völlig unvorbereitet ohne Studium auf die Trainerbank gewechselt, dann hätte ich wahrscheinlich instinktiv erst einmal sehr hart trainiert.

11 Freunde: Das Studium hat dir also schmerzliche Erfahrungen erspart?

Jürgen Klopp: Es hat mir Sicherheit gegeben, mir etwas gedanklich erarbeiten zu können. Es ist ja allen klar, dass man nicht studiert haben muss, um etwas leisten zu können.

11 Freunde: Das absolute Vertrauen auf ein sehr aggressives Forechecking hat Mainz 05 die Prädikate „Power-Fußball“ oder „Fußball pur“ eingebracht. Wie trainiert man solche taktischen Feinheiten mit Kickern, die eigentlich lieber drauf los kicken?

Jürgen Klopp: Meine Jungs wollen mittlerweile von selbst etwas über Taktik wissen. Es ist nicht so, dass die nur aufs Tor ballern wollen. Die sind Profis, die sich auf ihrer Ebene komplett mit den Chancen auf Erfolg auseinandersetzen. Wenn du denen klar machst, dass du durch Taktikschulung die Erfolgsaussichten erhöhst, dann sind die hellhörig. Dann kannst du die stundenlang ohne Ball auf den Platz stellen und nur über Taktik reden und mit ihnen Laufwege abgehen.

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