Fußball

"Silvio, wir kommen!"

In der toskanischen Hafenstadt Livorno, wird der Marxismus-. Hooliganismus zelebriert, mit roten Fahnen, „Bella Ciao“ als Klingelton, Verschwörungstheorien und einem Stürmer, der schon mal beim Torjubel sein Che-Guevara-Unterhemd zeigt. Damiano Valgolio hat die Ultras von Livorno getroffen
Heft #41 02 / 2005
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Was Fußball mit Politik zu tun hat? Roberto versteht die Frage nicht: „Das kann dir Berlusconi beantworten, der hat doch mit Fußball die Wahlen gewonnen!“ Der junge Fan mit den langen Bartstoppeln und noch längeren Koteletten tritt gegen eine umgekippte Vespa. Auf seinem Rücken steht: Livorno Ultras, darunter prangt ein roter Stern mit Hammer und Sichel. Der Reißverschluss seines Kapuzenpullovers endet nicht am Hals, sondern erst kurz unter den Augen. Schützen soll das. Nicht vor dem feucht-kalten Wind, der Ende Oktober vom Meer durch die Strassen von Livorno peitscht, sondern vor den Kameras. „Wenn es nach dem Spiel Ärger gibt.“ Wahrscheinlich war die Frage am Anfang falsch gestellt. Eigentlich müsste sie lauten: Kann Fußball überhaupt unpolitisch sein? In einem Land, in dem die Regierungspartei nach einem Stadion-Schlachtruf benannt ist? Silvio Berlusconi ist Boss von „Forza Italia“, Ministerpräsident und Alleineigentümer des „großen Milan“, wie der AC Mailand vor Ort heißt. Das gesamte Privatfernsehen gehört dem Rechtspopulisten, er bestimmt, wann die Spiele beginnen. Berlusconi-Intimus Gaetano XXX ist Geschäftsführer von Milan und nebenbei Liga-Präsident. An seinen Verband überweist der Aufsteiger AS Livorno jede Woche einige Tausend Euro Strafe, weil die Anhänger des Vereins in Sprechchören den Regierungschef beleidigen. Die 150 000 Einwohner der Hafenstadt wähnen sich kollektiv in einem Asterix-Comic: Ein Despot in Rom kontrolliert den Sport und die Politik. Nur ein kleines toskanisches Dorf hört nicht auf, Widerstand zu leisten… Die Toskana in Mittelitalien ist die Wiege der italienischen Arbeiterbewegung. Und Livorno ist traditionell die linkeste Stadt der Region. Die roten Fahnen gehören zur Identität der Menschen wie der schwere Punsch in den Bars am Hafen und die inzwischen stillgelegte Werft. Und natürlich die Fußballmannschaft, die in der Vereinsfarbe „amaranto“ aufläuft – dunkelrot. Held der Stadt ist Mittelstürmer Cristiano Lucarelli. Der Sohn eines Hafenarbeiters aus dem Arme-Leute-Viertel Shangai hat sich einen fünfzackigen Stern auf den Unterarm tätowieren lassen. Und in die Mitte das Wappen des AS Livorno. „Livorno ist neben Liverpool die einzige Stadt, in der es noch proletarischen Stolz gibt“, sagt Roberto von den BAL. Das Kürzel steht für „Brigate Autonome Livornesi“, die Organisation der Ultras, gegen deren Mitglieder die Staatsanwaltschaft wegen der „Bildung einer kriminellen Vereinigung“ ermittelt. Über 30 Jahre war der AS Livorno in der 3. und 4. Liga gefangen. 2002 kam der Sprung in die zweite Division und zwei Jahre später endlich: Serie A! Seitdem steht am Bahnhof der Stadt: „Silvio, wir kommen!“ Im September fuhren einige tausend Fans zum Auswärtsspiel gegen den AC Mailand. Sie setzten sich in das Stadion von San Siro und banden ihre Kopftücher um. Eine Anspielung auf Berlusconi, der sich nach einer Haartransplantation im Juli im Piratenlook gezeigt hatte. Zum ersten Mal in der laufenden Saison ließ sich der Milan-Boss bei einem Heimspiel nicht blicken.

Weiter in Heft # 40!

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