Fürth-HSV: Wie hielt man das aus?

K.O.O.K.

Während sich sein Team in Fürth zu einem 1:1 zitterte, saß 11FREUNDE-Mann Andreas Bock in einer Flughafen-Bar in Berlin-Tegel. Schweißgebadet.

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Aberglaube bedeutet nichts als Stress. Ständig muss man überprüfen, welchen Schuh man beim letzten Auswärtserfolg zuerst zugemacht, in welcher Sitzposition man das Siegtor gegen den direkten Konkurrenten verfolgt und welche Trikot man neulich getragen hat, als Heiko Westermann mal nicht über den Ball trat.
 
Die Situation war diese Saison allerdings außerordentlich verzwickt, denn die drei wichtigsten Spiele meines Vereins habe ich nicht gesehen. Nicht die 2:1-Siege gegen Leverkusen und Nürnberg und auch nicht das 3:0 gegen Borussia Dortmund Dortmund. Als der HSV an jenem 22. Februar gegen die zweitbeste Mannschaft Deutschlands gewann, war ich in Prag. Ohne Internet, Fernseher oder Radio. Im Laufe des Tages vergaß ich gar, dass der HSV heute sein erstes Spiel unter Mirko Slomka bestritt. Erst eine SMS weckte mich auf: »Wahnsinn!«, stand da, und in den nächsten Stunden spazierte ich die Moldau entlang im Glauben, alles würde gut werden.
 
Wenn ich doch mal im Stadion war oder vor dem Fernseher saß, habe ich meine Begleiter stets gewarnt, dass ich dem HSV nur dann Glück bringe, wenn ich nicht anwesend sei. Sie lachten manchmal. Nach dem 1:3 gegen die Augsburg, dem 2:4 in Braunschweig, dem 0:5 gegen den FC Bayern und dem 1:3 gegen Wolfsburg lachten sie allerdings nicht mehr.
 
So waren sich alle einig, dass es nicht von Nachteil sein könne, wenn ich die Relegationsspiele nicht sehen würde. Und wie der Zufall es wollte, kam es tatsächlich so. Ich hatte vor langer Zeit eine Reise nach Amsterdam gebucht, ohne damals einen Gedanken daran zu verschwenden, dass es an jenem Wochenende zum vielleicht wichtigsten Spiel der HSV-Vereinsgeschichte kommen könnte – und zu den schlimmsten zwei Stunden meines Fan-Lebens. Sie beginnen am Sonntag, 18. Mai 2014, um 16:55 Uhr. In einem Flugzeug.

Lasoggas 1:0 im Flugzeug
 
Pünktlich zum Anstoß sitze ich in Reihe 24, Gangplatz. Es gibt salziges Gebäck und Orangensaft, und als Pierre-Michel Lasogga zum 1:0 trifft, um 17:14 Uhr, sind wir irgendwo kurz hinter der deutsch-holländischen Grenze, Ostfriesland oder Ostwestfalen. Ich erfahre von der Führung erst, als ich in Tegel lande, um 18:04 Uhr.
 
Wenige Minuten später sitze ich in einer Flughafen-Bar. In der Ecke hängt ein Fernseher. Durch den Raum wabern Gesprächsfetzen. New York, Rio, Tokio, schöne Reise, ein Mineralwasser bitte, einen Apfelkuchen, danke, bitte, auf einem Fernseher in der Ecke das Spiel, ohne Ton. Dann Tunnelblick.
 
Wann habe ich das letzte Mal bei einem Fußballspiel in den Handflächen geschwitzt? Vielleicht im Mai 1990, als der HSV am letzten Spieltag gegen Waldhof Mannheim gewinnen musste, um nicht abzusteigen. Bei jedem Angriff der Mannheimer drehten wir uns vom Spielfeld weg. Mehr Angst hatten wir nur wenige Tage später, als wir, zwei 13-jährige Halbstarke, mit Kinokarten für »Roger Rabbit« kurz nach Beginn der Vorstellung in den Nachbarsaal schlichen, um dort »Poltergeist 2« zu sehen. Jan Furtok erlöste uns damals nach 88 Minuten – jedenfalls gegen Mannheim.
 
Nun also die SpVgg. Greuther Fürth. Poltergeist 3. Ich denke: Wenn der HSV in den ersten 15 Minuten der zweiten Halbzeit kein Gegentor kassiert, dann kann das gutgehen. Ein zweites Tor würde natürlich auch helfen, doch als HSV-Fan schämt man sich in dieser Saison schon für den Gedanken an so eine Option. Dann aber kommt Pierre-Michael Lasogga frei zum Kopfball. Geht da vielleicht wirklich noch mehr? Nein, Fürths Keeper Wolfgang Hesl pariert famos. Die Hand in die Sitzgarnitur. Der Schweiß in den Handflächen. Auf dem Hemd. Auf der Stirn.

Mein hässlicher Klub spielt um Leben und Tod
 
War das Spiel nicht eigentlich egal? Hatte ich mich nicht schon lange mit dem Abstieg abgefunden? Es akzeptiert, dass dieser Klub, mit diesen Spielern und dieser Führungsriege nach dieser lächerlichen Saison in der kommenden Saison in der Zweiten Liga spielen muss? Doch als der schöne Herr mit der schicken Fliege und der modischen Superfrisur fragt: »Darf ich Ihnen was zu trinken bringen?«, möchte ich antworten: Nein, verdammt noch mal, mein hässlicher Klub spielt gerade um Leben und Tod und ich atme schwer und mir ist sehr übel in der Magengegend. Ich sage aber nichts, sondern trockne meine nassen Hände nur an dem Kunstleder.

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