Für Brasilien ist Chile kein Wunschgegner

Angst vor der Treibjagd

Brasilien fürchtet vor dem Achtelfinale die Kampfbereitschaft der Chilenen. Schon einmal hat es der heutige Gegner mit der Aufopferung übertrieben - und eine Rasierklinge benutzt.

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Es geht mal wieder um das Schicksal der Nation. Darunter tun es Fußballspiele nicht in Brasilien und erst recht nicht bei der Copa, der Weltmeisterschaft zwischen Fortaleza und Porto Alegre. Heute beginnt »die Copa der Wahrheit«, so hat es der brasilianische Verteidiger Daniel Alves gesagt, »wir dürfen keine Fehler mehr machen, denn ab jetzt wird jeder Fehler sehr teuer bezahlt«. Im Achtelfinale von Belo Horizonte trifft die Seleçao brasileira auf die Mannschaft Chiles, von der Brasiliens sonst so betont selbstsicherer Trainer Luiz Felipe Scolari sagt: »Wenn ich mir einen Gegner hätte aussuchen dürfen - ich hätte mir einen anderen ausgesucht.«

Es hätte aus der Vorrundengruppe B Weltmeister Spanien sein können oder der WM-Zweite Niederlande. Aber musste es unbedingt Chile sein? Diese wilde, spielwütige Gemeinschaft, die neue Mitstreiter nur zu akzeptieren scheint, wenn sie von Kopf bis Fuß mit großflächiger Kriegsbemalung auftreten? Selbst der Trainer Jorge Sampaoli, interessanterweise ein Argentinier, hat sich ein riesiges Tattoo auf den Oberarm stechen lassen.

2010 sorgte Chile für unterhaltsame Momente einer langweiligen WM

Keine Mannschaft bei dieser WM kommt so wild daher wie die Chilenen, und das liegt nicht nur an ihrer Kriegsbemalung. La Roja, wie die rotgewandete Nationalmannschaft in der Heimat genannt wird, steht für einen in dieser Radikalität neuen Stil. Für eine 90 Minuten währende Treibjagd auf dem Fußballplatz.

Chile hat diesen Stil schon vor vier Jahren in Südafrika zur Vorführung gebracht und für die unterhaltsamsten Momente in einer sonst eher langweiligen WM gesorgt. Aber damals war das System noch nicht ausgereift und erfolgskompatibel. Im Achtelfinale kam das Aus, mit einer 0:3-Niederlage gegen – Brasilien.

Catimba

Vier Jahre später ist Chile vier Jahre weiter. Mit brillanten Individualisten wie Arturo Vidal, Alexis Sanchez oder Marcelo Diaz, er sprach den bei dieser WM so oft zitierten Satz: »Wir sind nicht die Talentiertesten, aber wir haben eine Qualität: Wir spielen mit dem Herz.« Eben dieses chilenische Herz fürchten sie in Brasilien, aber sie sprechen nicht vom chilenischen Herz, denn es gibt da ein traditionell gewachsenes Unbehagen und dafür einen ganz speziellen Ausdruck: Catimba.

Mehr müssen sie nicht sagen in Rio oder Sao Paulo oder Belo Horizonte, um die Furcht und den Respekt und die Abscheu auszudrücken, wenn es gegen Mannschaften geht wie Chile. Catimba sagt alles. Catimba kann man schwer übersetzen, allenfalls umschreiben. Vielleicht als südamerikanische Variante des Catenacchio, des Verteidigens um jeden Preis und gegen alle Regeln des Anstandes und der Schönheit. Aber der Catenacchio, ersonnen und praktiziert von Helenio Herrera, dem argentinischen Schleifer von Inter Mailand, reduziert seine Charakter auf die Fußball-Verhinderung auf dem Platz. Catimba ist mehr. Kratzen, spucken, beleidigen und zur Not auch mal eine Rasierklinge aus dem Handschuh ziehen.

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