24.09.2013

Fünf Stimmungsblöcke: Die Fanszene bei Preußen Münster ist gespalten

Ein bisschen Frieden

Seite 2/3: Ein »Brötchen-Mogul« als Vermittler
Text:
Benjamin Kuhlhoff
Bild:
imago

Dass eine so kleine Fanszene zwei starke Ultragruppen hat, ist ungewöhnlich. Dass sich beide Gruppen feindlich gegenüberstehen, birgt Konfliktpotential. Als sich die »Curva Monasteria« im Juli 2011 nach dem Verlust ihrer Zaunfahne szeneüblich auflöste, brach das totale Chaos in der Preußenkurve aus. Kleine Ultragruppen splitterten ab, teilweise nicht mal fünf Mitglieder stark. Sie alle sammelten sich weiterhin im Block O, die größten nannten sich »Kategorie Münster«, »Lunatics«, »Bambule Jugend«. Gruppen, die es bereits vorher gab, die aber unter dem großen Curva-Überbau weitgehend gemeinsam agierten. Plötzlich machten alle erst einmal ihr eigenes Ding. Die Szene wurde unkontrollierbar. Immer wieder kam es zu Auseinandersetzungen mit gegnerischen Fans und der Polizei, auch intern flogen die Fäuste. Auswärts reisen »Deviants« und die Ultras aus Block O bis heute getrennt an. Vorab muss der Verein klären, ob die eigenen Fans idealerweise in getrennten Blöcken stehen können. Ein Umstand, der bei den gastgebenden Klubs für Irritationen sorgt. In Münster kann man indes nur mit den Schultern zucken. So richtig weiß keiner mehr, wie das alles passieren konnte. Überdies waren die Fans aus Münster bald landesweit für Gewalt und den unge
hemmten Einsatz von Pyrotechnik bekannt.

Mitunter war die Stadion-Security in Münster die meiste Zeit damit beschäftigt, die eigenen Ultra-Gruppen voneinander zu trennen. Ein Zustand, der auch Georg Krimphove Sorgen machte. Er ist seit drei Jahren im Klubvorstand und gilt als Bindeglied zwischen Fans und Verein. Manche Ideale der modernen Fankultur sind ihm nicht fremd, in den Siebzigern stand er selbst als aktiver Fan in der Kurve. Heute sitzt er vor seiner Großbäckerei und rührt im Cappuccino. Man nennt ihn den »Brötchen-Mogul«, sein Familienbetrieb ist Sponsor beim SCP. Ihm ist es auch zu verdanken, dass Ultras und Verein mittlerweile wieder miteinander sprechen. Lange Zeit herrschte Funkstille. Und irgendwann hatte auch Krimphove die Lust am Gespräch mit den Fans verloren.

Ein Böllerwurf verändert alles

Die Situation eskalierte, als der 24-jährige
 Juri C. aus den Reihen der Block-O-Ultras am 10. September 2011 beim Derby gegen den VfL Osnabrück einen Böller des Fabrikats »Delova Rana 75« in den alten Spielertunnel des Osnabrücker Stadions warf. Bei der Explosion wurden 33 Menschen zum Teil schwer verletzt, auch Kinder. Einem Polizisten riss der Druck des Monsterkrachers die Bauchdecke auf, einige Opfer leiden seitdem an Tinnitus.

Nur drei Tage vor dem Spiel hatte sich der Verein zu Gesprächen mit den führenden Köpfen aus Block O getroffen. Dabei soll zugesichert worden sein, dass sich die Ultras beim Derby friedlich verhalten werden. Auf Bildern der Polizei ist später zu erkennen, dass jene Personen unmittelbar neben dem Täter standen. »Wir waren geschockt«, sagt Krimphove. Während des Prozesses gegen den 24-jährigen Werfer sagte ein Anwalt: »Man könnte hier auch nach der Genfer Konvention entscheiden, das war Kriegsgerät.« Juri C. soll bis zum Anpfiff um 13.30 Uhr zwei Flaschen Wodka getrunken, sechs Joints geraucht und Speed genommen haben. Sein Zustand wirkte sich nicht strafmildernd aus, gibt indes einen beunruhigenden Einblick in die Spielvorbereitung einiger Fans. Schließlich wurde C. zu fünf Jahren Haft verurteilt, der Tiefpunkt im anarchischen Konstrukt der Münsteraner Fanszene schien erreicht. Doch die Schockstarre hielt nicht lange, Schlägereien und gegenseitige Hausbesuche beider Ultragruppen wurden bald wieder Alltag. Noch immer huldigt der Block O seinem Märtyrer Juri C.

Die halbe Türsteherszene steht plötzlich im Block

Darüber hinaus eskalierte der Konflikt zwischen dem Verein und Ultragruppen, die offen gegen die Arbeit des Vorstandes protestierten. Vor allem Hauptsponsor und Aufsichtsratsvorsitzender Thomas Bäumer stand wegen seines Engagements in der Zeitarbeitsbranche in der Kritik. Auf einem Banner wurde er als »Sklavenhändler« bezeichnet. Der Verein reagierte naiv auf die Proteste und schickte im April 2012 einen Ordnungsdienst in den Block O, um Anti-Bäumer-Banner entfernen zu lassen. Dass sich die 20 Männer aus der Türsteherszene Quarzsandhandschuhe übergestreift hatten, war keine Friedenserklärung. Die Ultras waren geschockt, drohten mit einem Gegenschlag und Spielboykott. Nur knapp konnte eine weitere Eskalation verhindert werden. »Das war ein Riesenfehler, für den wir uns nicht oft genug entschuldigen können«, sagt Krimphove heute.

 
 
 
 
 
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