Fünf Stimmungsblöcke: Die Fanszene bei Preußen Münster ist gespalten

Ein bisschen Frieden

Nach Jahren erbitterten Streits geht die Fanszene beim Drittligisten Preußen Münster seit Beginn der aktuellen Saison mittlerweile wieder etwas aufeinander zu. Von Einigkeit kann jedoch noch lange keine Rede sein

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Dann kommt die Buslinie 5 und das Gespräch ist beendet. Wobei Gespräch übertrieben ist. Tom Sahl, der nicht Tom Sahl heißt, aber seinen Namen hier nicht lesen möchte, »weil es sonst Probleme gibt«, hat ein paar Allgemeinplätze gemurmelt, mal genickt, mal den Kopf geschüttelt. Das war es, immerhin. Doch dafür der ganze Aufwand? Unzählige Zu- und Absagen? Dieses konspirative Treffen außerhalb der Stadt?
Tom ist Ultra. Dass Ultras ein Problem mit Journalisten haben, ist bekannt, vielleicht gar verständlich. Es macht aber alles kompliziert. Dabei ist in der Fanszene von Preußen Münster ohnehin schon alles komplizierter als anderswo.

Ein Klub im Umbau

»Immer verlangt man von Ultras ein Statement. Warum?«, fragt Andreas Bode, breite Schultern, buntes Unterarmtattoo, kehlige Stimme. Dabei bläst er Rauch aus. Rund um das Preußenstadion herrscht Aufruhr: Bagger buddeln Schächte, Bauarbeiter brüllen Bauarbeitervokabeln, im »Fanport«, dem vereinsunabhängigen Fanladen, streichen Jugendliche die Räume. Der Klub ist im Umbau. Genau wie seine Fanszene.

Bode ist im Vorstand des Fanprojekts, das sich als Vertretung der nicht-organisierten Preußen-Fans sieht. Die Ultras machen in Münster seit langem ihr eigenes Ding. Das ist ein Problem. »Mit dem Status quo ist keiner zufrieden. Die Ultras nicht, der Verein nicht, auch wir als Fanprojekt nicht«, sagt Bode. »Im Grunde haben wir fünf Stimmungsblöcke. Und das ist so unbefriedigend, wie es klingt.« Bei Heimspielen des Drittligisten herrscht mitunter ein Geräusche-Wirrwarr wie auf dem Hamburger Fischmarkt. Es gibt die Gegengerade mit ihrem unermüdlichen Trommler Kleini, die Alt-Fans aus dem A-Block, die Ultras im Block O, zwanzig Meter weiter die »Deviants« und dann noch den ganzen Rest. Der stellt die größte Masse – aber auch die unorganisierteste. Und alle kochen ihr eigenes Süppchen. Jeder singt Lieder, gerne auch durcheinander. Jede Ultragruppe bereitet individuelle Choreografien vor. Mal qualmt es hier, mal brennt es da, mal kommt keine Sau. Zusammenhalt? Fehlanzeige. Das Motto lautet: Wer will noch mal, wer hat noch nicht?

Die mächtige »Curva Monasteria«

Dabei war alles mal ganz einfach. Jahrelang war Münster für seinen massiven Ultra-
Support bekannt. Trotz des sportlichen Niedergangs ihres Klubs, der erst 2006 in der Viertklassigkeit abgebremst werden konnte, blieben sie treu. »Curva Monasteria« nannte sich die 2003 gegründete führende Ultragruppierung. Aktive Fans, bunt, laut, kreativ, in Hochzeiten bis zu 250 Mitglieder stark. Ein Auffangbecken für alle, die in der Studenten- und Fahrradstadt Lust auf Fußball hatten. Da standen Landwirte neben Jura-Studenten, Antifas neben der Jungen Union, Skater neben Nerds.

Im Winter 2008 jedoch wandten sich die »Deviants« von der »Curva« ab. Uneinigkeit bei der Auslegung des Ultrabegriffs, Unstimmigkeiten beim Umgang mit schwarzen Schafen und am Ende vor allem persönliche Streitigkeiten in der Führungsriege führten zur Aufspaltung der aktiven Fanszene. Seitdem stehen die »Deviants« als geschlossene Gruppierung im Block M. Sie sind sozial engagiert, anti-rassistisch, anti-homophob, anti-sexistisch und haben sich dem südamerikanischen Support verschrieben. Dauersupport. Viel Rauch. Mit mehrstrophigen, komplizierten Gesängen grenzen sich die knapp 80 »Deviants« bewusst vom Rest der Kurve ab. Vor allem von der »Curva« im Block O. Im Stadion liegt zwischen beiden Gruppen ein kompletter Block Sicherheitsabstand. Und eine ganze Gedankenwelt. Die »Deviants« halten den Block O für zu prollig, zu eintönig, zu liberal gegenüber rechten Tendenzen. Andersherum beklagt man zu viel Dogmatismus und eine zu große Bedeutung der Politik.

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