Freiburgs Superlativ

Der verlorenste Sohn

As time goes by: Ali Günes war 21 Jahre, als er von Freiburg auszog, um Istanbul zu erobern. „Ich wollte unbedingt zurück“, sagt der Heimkehrer nun – und gilt als Hoffnungsträger der Post-Finke-Zeit. Imago
Heft #69 Sonderheft 2007/08
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Nein, zumindest äußerlich hat er sich nicht wirklich verändert. »Der sieht ja genauso aus wie früher«, sagt der Kollege, der dem Trainingsauftakt des SC Freiburg zuschaut. Tatsächlich wirkt es bei seinen ersten Auftritten, als wäre die Zeit stehen geblieben. Ali Günes, der Sunnyboy, der Mehmet Scholl des SC Freiburg, Teenie-Schwarm, verlorener Sohn, er ist zurückgekehrt und mit ihm die Hoffnung, dass der schwierige Brückenschlag von der Finke-Ära in die Zeit danach gelingen wird. Als Günes den Sportklub seinerzeit verließ, war er ein Jungspund. Nun wird er mit seinen 28 Jahren im SC-Kader einer der Routiniers sein, ein Akteur, der reichlich Erfahrung mitbringt – auch internationale: Mit Fenerbahçe gewann er 2001 und 04 die türkische Meisterschaft und mit dem Lokalrivalen Beşiktaş 2006 den Pokal. Zudem brachte er es auf jeweils fünf Einsätze in der Champions League sowie im UEFA-Cup (zwei Tore) und auf ein Länderspiel für die Türkei. »Mit dem Ali haben wir einen Rieseneinkauf getätigt, das ist ein absoluter Glücksfall für den SC«, sagt der neue Sportdirektor Dirk Dufner. »Er hat die richtige Erfahrung und Klasse, um als Führungsspieler aufzutreten und er ist als Integrationsfigur 100 Prozent SC Freiburg.«

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Tatsächlich ist die Verpflichtung von Günes ein cleverer Schachzug des Vereins, hat sie doch im tief gespaltenen Fanlager Zustimmung von allen Seiten gefunden. Noch haben sich die Wogen nicht vollständig geglättet, die im letzten halben Jahr mit dem Gezerre der Finke-Entlassung über den SC hereingebrochen waren. Fußballdeutschland schüttelte den Kopf und schaute irritiert auf eines seiner einstigen Paradiese. Ein Paradies, das der knapp 21-jährige Günes vor sieben Jahren überraschend in Richtung Istanbul verlassen hatte. »Es gab damals einige atmosphärische Störungen und Missverständnisse«, deutete Ex-Manager Andreas Rettig an, »aber, ganz klar, der Ali war ein Topspieler und ein feiner Kerl, dessen Weggang wir sportlich und menschlich bedauert haben.« Dass Fenerbahçe damals richtig Geld gezahlt habe, so Rettig, erleichterte zumindest dem Verein die Trennung. Ähnlich sieht das auch Ali Günes. »Letztendlich war es für den SC Freiburg kein schlechtes Geschäft, und auch für mich nicht. Obwohl ich auch gerne geblieben wäre.«

»Ich wollte unbedingt nach Freiburg zurück«

Beim Treppensteigen in den dritten Stock des SC-Verwaltungsgebäudes hatte er am Handy noch mit seinem alten Kumpel Tobias Willi geflachst, dass ihm das Training in den Knochen stecke: »Ich bin auch nicht mehr der Jüngste.« Nun im Gespräch wirkt er nachdenklich und konzentriert. Er sagt: »Natürlich sind die sieben Jahre in Istanbul für meine Entwicklung wichtig und gut gewesen. Aber ich habe Freiburg immer sehr vermisst, denn ich hatte hier die schönste Zeit meines Lebens.« Dann schweigt er für einen Moment und sagt einen Satz, der für dieses Geschäft eher ungewöhnlich ist: »Letztlich ist es egal, wie viel Geld du verdienst. Wichtig ist allein, dass du an einem Ort und in einer Mannschaft spielst, wo du auch wirklich geliebt wirst.« Er sagt das genau so, er benutzt tatsächlich das Wort »geliebt« und wenn man ihm in diesem Moment gegenüber sitzt, spürt man, dass da nicht jemand die üblichen Fußballphrasen drischt, sondern dass jede einzelne Silbe so gemeint ist. »Ich hatte auch Angebote aus der 1. Liga und andere gute Offerten aus der Zweiten. Aber ich wollte unbedingt nach Freiburg zurück.«

Spätestens hier wird klar sein, welch großes Potential dieser Ali Günes hat, als fast perfekte Symbiose zwischen sportlich wertvollem Spieler und Identifikationsfigur. Nicht nur, dass viele Fans ihn nicht vergessen haben. Er hat es auch nie vergessen, wie er hier, zumal für badische Verhältnisse, fast schon kultisch verehrt wurde. Staunend hat er damals anfangs zur Kenntnis genommen, dass bei der Mannschaftsaufstellung irgendwann einmal, der Zusatz »Fußballgott« gerufen wurde. »Ich hatte gedacht, die rufen das ironisch. Aber dann habe ich gemerkt, dass die Fans das wirklich so meinen.« Müßig zu erwähnen, dass er auch über 2000 Kilometer entfernt immer verfolgte, was im Schwarzwald geschah. »Ich habe den SC über das Internet beobachtet. Wenn ein Spiel im Fernsehen kam, habe ich mir das natürlich angeschaut.« Immer mehr manifestiert sich im Gespräch der Eindruck, dass für den gebürtigen Donaueschinger Freiburg immer seine Heimat geblieben ist. Und wenn er und das Team die Erwartungen nicht erfüllen? »Ach, weißt du, wenn du einmal sieben Jahre in der Türkei gespielt hast, kann dich hier nichts mehr erschüttern. Aber ich bin sicher, wir werden mit dem SC noch viel Spaß haben.«

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„Es kann nur einen geben“ – Freiburgs Coach Robin Dutt im Interview www.11freunde.de/bundesligen/102433 .

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