Freiburgs Kampf gegen die Branchengesetze wurde belohnt

Normal ist nicht genug

Spielerrauswürfe und Trainerentlassung: Zur Winterpause war der SC Freiburg auf dem Weg, ein stinknormaler Bundesligaverein zu werden. Erst die Abkehr von Branchengesetzen hat die Freiburger gerettet. Zu Besuch bei einem Klub auf der Suche nach sich selbst.
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Im Blockkraftwerk unter der Tribüne läuft die Energiewende nur auf halber Kraft, während der neue Cheftrainer des SC Freiburg über Respekt, Eigensinn und postmoderne Schriftsteller aus den USA spricht. Christian Streich liest gerade das erratische 1100-Seiten-Werk »Der Tunnel« von William H. Gass, zuvor hieß die Lektüre »Unendlicher Spaß« von David Foster Wallace. »Es war kaum auszuhalten, dieses Buch zu lesen, denn man sagt sich inständig: Hoffentlich überlebt er diese Erkenntnisse.« Dabei wusste Streich natürlich, dass Foster Wallace sie nicht überlebt hatte, vor dreieinhalb Jahren erhängte sich der manisch-depressive Autor.

Schräg gegenüber vom Trainerbüro weist die Anzeige »Aktuelle thermische Leistung« des kleinen Kraftwerks im Glaskasten 31,1 Kilowatt aus, das ist etwas mehr als die Hälfte der Maximalleistung. Streich hat sich eine Selbstgedrehte angezündet und das Fenster sperrangelweit aufgerissen. Wie immer stehen die Haare ungekämmt trotzig vom Kopf ab, in seinen 17 Jahren beim SC Freiburg sind sie langsam grau geworden.
Unter Streich gewann die A-Jugend des SC Freiburg einmal die Deutsche Meisterschaft und dreimal den Pokal. Die für die Nachwuchsarbeit in Deutschland wegweisende Fußballschule hat er mit aufgebaut und geleitet. Zehn ihrer Absolventen stehen im aktuellen Profikader. In den letzten fünf Jahren war Streich zusätzlich noch Assistenztrainer bei den Profis, erst von Robin Dutt und anschließend von Marcus Sorg. Viele Fans kennen ihn zudem von nächtlichen Debatten in der SC-Kneipe »Swamp«, wo sich Streich im kehligen Idiom eines Südbadeners von der Schweizer Grenze den Kopf heißreden konnte. Über Fußball und alles andere.

Ein Blick wie Jack Nicholson

Wenn er beim Sprechen grimassiert und sein flackernder Blick plötzlich einen Punkt auf der Tischplatte fixiert, erinnert der 46-Jährige an den amerikanischen Schauspieler Jack Nicholson. Und wie dieser kann er sein Publikum in den Bann ziehen. Spricht Streich über Fußball, entsteht eine Intensität, die ahnen lässt, weshalb ihn viele im Klub für einen Meister der Mannschaftsansprache halten. Aber warum ist er nach all den Jahren im Klub nun auf einmal dessen Cheftrainer?

»Ganz am Ende, in der letzten Minute von 24 Stunden, habe ich mich gefragt: Was passiert, wenn ich es nicht mache?«, sagt Streich. Kurz vor dem Jahreswechsel hatte ihm der Vorstand einen Tag Bedenkzeit gegeben, um zu entscheiden, ob er Cheftrainer werden wolle. Streich hatte sich mit seinen Freunden besprochen und sich dann morgens auf den Weg gemacht, um abzusagen. Als er zurückkehrte, hatte er zugesagt.

In jenen Tagen um Weihnachten 2011 steckte der SC Freiburg in der größten Krise seiner jüngeren Vereinsgeschichte. Zunächst hatte der Klub aus unterschiedlichen Gründen fünf Spieler vom Training der Profimannschaft suspendiert und ihnen den Vereinswechsel nahegelegt, darunter auch Kapitän Heiko Butscher. Die einzelnen Fälle lagen unterschiedlich, mal ging es um sportliche Gründe oder um das Verhalten der Spieler. Wie üblich in solchen Fällen blieben die Hintergründe letztlich unklar. Eine Woche später wurde Cheftrainer Sorg entlassen. Dem eher leise auftretenden Nachfolger von Robin Dutt traute man die Wende im Abstiegskampf nicht zu.

Spielerentlassungen und einen Trainerrauswurf, das hatte es seit dem Amtsantritt von Volker Finke 1991 nicht mehr gegeben. Es war, als wäre Finkes Erbe, viereinhalb Jahre nach seinem Abschied, und jenes von Präsident Achim Stocker, der zwei Jahre zuvor gestorben war, endgültig zerronnen. Der Verein stand nicht nur auf dem letzten Platz der Bundesligatabelle, sondern, wichtiger noch, vor der Grundsatzfrage: Wer sind wir eigentlich?

Dirk Dufner steckt sich eine Filterzigarette an und stellt das Fenster in seinem Büro auf Kippe. Von hier oben hat man einen wunderbaren Blick über die Trainingsplätze des SC Freiburg und ins Dreisamtal hinaus. »Das war etwas, von dem ich mir wünsche, dass es nie mehr passiert«, sagt der Sportdirektor über die Turbulenzen vor dem Jahreswechsel. Für ihn sind die Entscheidungen letztlich eine Fehlerkorrektur. Der Erfolg der Vorsaison mit einem neunten Platz in der Bundesliga hätte im Sommer verhindert, sich konsequent von Spielern zu trennen. Und Sorg wollte der Mannschaft nicht zu viele Änderungen zumuten. »Aber«, so sagt Dufner, »durch das, was wir gemacht haben, kommen wir genau zu den Werten zurück, die wir eigentlich haben.«

Vielleicht stimmt das wirklich. Schließlich irrt man manchmal ab, kehrt glücklich auf den rechten Weg zurück und weiß nicht mal genau, warum man ihn überhaupt verlassen hat. Aber welche Werte sind das eigentlich, auf die sich der Klub beruft? Anderthalb Jahrzehnte lang war das einfach zu beantworten, weil der SC Freiburg konsequent anders war. Immer wieder besetzte er von der Konkurrenz übersehene Nischen. Finke nutzte taktische Vorteile, indem er in Deutschland als einer der ersten Trainer ballorientiert spielen ließ. Der Klub verpflichtete Spieler aus Ländern wie Georgien, Tunesien oder Mali, in die sich damals noch kein Scout verirrte. Und schon 2001 nahm die Freiburger Fußballschule als Vorzeigeprojekt für Talentförderung im deutschen Fußball ihre Arbeit auf. Dazu passend gab es Solardächer auf dem Tribünendach, das Blockkraftwerk darunter, und irgendwann wurden sogar die Bierbecher gespült statt weggeworfen. Es war Fußball mit einem anderen Gesicht – als würden die Grünen einen Bundesligisten stellen.

Selbstgedrehtes statt dicke Zigarren

Im Raucherzimmer einer Freiburger Kneipe steckt sich Heinrich Breit eine Selbstgedrehte an. Der Schatzmeister des Klubs, 63, hat eine Steuerkanzlei, ist Betriebswirt, promovierter Soziologe und war mehr als zehn Jahre lang Fraktionsvorsitzender der Grünen im Freiburger Stadtrat. Breit ist ein Mann für realistische Politik, der den Weg vieler Alternativbetriebe zu mittelständischen Größen begleitet hat. Auch der SC Freiburg gehört dazu, wo Breit seit 1998 für die Finanzen zuständig ist. Er weiß, dass die wirtschaftlichen Vorteile der meisten Konkurrenten seither enorm gewachsen sind. Der Personaletat des VfB Stuttgart, im Vorjahr drei Plätze hinter Freiburg gelandet, ist fünfmal so hoch. Außerdem haben alle in der Bundesliga längst von seinem Klub gelernt. Breit hat nichts dagegen, wie er auch nicht gegen den Atomausstieg ist, nur weil eine CDU-Kanzlerin ihn verkündet. Dass es heute überall tolle Fußballschulen, pfiffige Trainer und in Mainz sogar ein klimaneutrales Stadion gibt, mag er nicht beklagen.

Aber dass in Freiburg zuletzt etwas gefehlt hat, merkt man, wenn er über Streich spricht. »Er ist par excellence eine Symbolfigur für das Projekt SC Freiburg«, sagt Breit und erzählt begeistert von der Pressekonferenz nach Streichs erstem Bundesligaspiel, dem 1:0-Sieg beim Rückrundenstart gegen Augsburg.

Dreimal sei während der kurzen Analyse im VIP-Raum Beifall aufgebrandet, weil der altbekannte neue Mann offenbar genau »die Sehnsüchte nach etwas anderem als den gängigen Ritualen« getroffen hat. Auch die von Breit: »Von diesem Auftritt möchte ich eine DVD haben, um sie mir in einigen Jahren noch anschauen zu können.«
Auch bei Dirk Dufner sind umgehend Reaktionen auf diesen Auftritt von Streich angekommen, nur sahen die ganz anders aus: Angebote für ein Fernseh- und Interviewtraining seines Cheftrainers, weil der Mann mit dem strubbeligen Haar und dem schweren badischen Akzent angeblich dringend Beratung brauche. Dufner grinst, denn solche Missverständnisse gelten in Freiburg eher als Bestätigung. Wenn alle anderen den Kopf schütteln, ist der SC Freiburg meistens auf dem richtigen Weg gewesen. »Die müssen absteigen, denn sonst hätten wir anderen Vereine 20 Jahre lang alles falsch gemacht«, hatte Dieter Hoeneß, damals Manager des VfB Stuttgart, 1993 in der ersten Bundesligasaison der Freiburger gesagt. Bekanntlich blieb Freiburg drin.

In Freiburg griffen plötzlich die Gesetze der Branche

Auch deshalb war es beängstigend, dass der Rauswurf von Spielern und Trainer abseits von Freiburg nur Achselzucken ausgelöst hatte. Das war normal, die Gesetze der Branche halt. Doch normal ist für einen Klub wie den SC Freiburg nicht genug.
Doch was ist heutzutage das Unnormale? »Es ist immer noch viel möglich«, sagt Christian Streich. Nur ist es nicht mehr die übersehene Nische, der große Gegenentwurf, das ganz Andere. »Wir müssen erkennen, wie wichtig der Einzelne ist, ihm Respekt entgegenbringen und vernünftig miteinander umgehen. Allein dann hast du schon große Möglichkeiten«, sagt er. Das ist mehr als eine Kalenderweisheit, weil es in Wirklichkeit eben schwierig umzusetzen ist. Auch in Freiburg, wo es auch früher schon häufiger hinter den Kulissen krachte, als man es draußen mitbekam.

Noch immer steht das Fenster im Zimmer des Cheftrainers auf, langsam wird es kalt. Normalerweise sitzt Streich hier nicht, sondern nebenan mit dem Rest des Trainerteams zusammen. Nicht einmal in den großen Bürostuhl hat er sich zum Gespräch gesetzt, sondern auf einen Stuhl für Gäste. Streich ist besessen vom Teamgedanken, weil dieser impulsive Mann beim SC Freiburg erlebt, dass dies einer ausgeprägten Persönlichkeit nicht widerspricht. Streich durfte so bleiben, wie er wollte, und wurde auch dann noch von allen respektiert, wenn er emotional durchgeschüttelt mal übers Ziel hinausschoss. »Der Einzelne wird umso wichtiger, je mehr er versteht, dass er aus der Gemeinschaft gewachsen ist. Je mehr das bei uns verstehen, desto besser sind unsere Zukunftsaussichten«, sagt Streich.

Der Abgang von Cissé hat den Klub gestärkt

Deshalb hat er auch nicht wütend protestiert, als in der Winterpause der Torjäger Papiss Cissé für zehn Millionen Euro nach Newcastle verkauft wurde. Der Senegalese war mit seinen Träumen vom großen Fußball, und weil alle auf seine Tore warteten, letztlich zur Belastung geworden. »Die Leute sollen sehen, dass wir kontinuierlich arbeiten und wirklich ein Ausbildungsverein sind«, sagt Streich. Dazu braucht es Spieler, die sich weiterentwickeln wollen, um mal in einem größeren Verein zu spielen. Die es aushalten, auf der Bank zu sitzen und am nächsten Tag richtig gut trainieren. Und wenn sie eines Tages wirklich groß geworden sind, gehen sie halt.

Streich macht die letzte Zigarette aus und schließt das Fenster. Draußen ist es längst dunkel, man sieht schemenhaft die rote Anzeige des Blockkraftwerks. Vieles, was Streich sagt, erinnert an Volker Finke, an dem er sich lange abgearbeitet hat. Er weiß das. Und als Streich über Achim Stocker spricht, diese Vaterfigur, stockt er kurz und muss sich sammeln. Stocker fehlt. Ihm persönlich und dem Klub. Hätte sich Streich in der letzten Minute von 24 Stunden nicht doch für den Job entschieden, wären andere gekommen: Falko Götz, Murat Yakin oder Ralf Rangnick waren angesprochen worden. Auch das zeigt, wie sehr der Klub auf dem Weg zu sich selbst schlingerte.
Vielleicht ist Christian Streich gar nicht klar, wie groß die Erwartungen an ihn sind. Auf ihn können sich alle im Verein einigen, selbst wenn sie sonst nicht immer einig sein mögen. Die Fans können es auch. Schwer verständlich, dass man sich nicht schon im Sommer für ihn entschied. Streich wird im Klub bleiben, egal wie die Saison ausgeht, das steht fest.

Die Erwartungen an ihn messen sich sowieso nicht allein an Toren, Punkten oder dem Klassenerhalt. »Es geht darum, dass die Leute im Mai sagen: Wir gehen da weiter hin, denn ein paar Sachen im Freiburger Spiel gefallen uns.« Die Gesetze der Branche sind in Freiburg also erst einmal außer Kraft gesetzt, aber die Leute wollen auch sehen, dass wenigstens die eigenen Gesetze wieder gelten.
---Hinweis: Dieser Text erschien bereits in 11FREUNDE-Ausgabe #124

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