Frauenfußball in Ägypten

„Lasst sie spielen“

Dr. Sahar El Hawary, 48, ist Gründerin des ägyptischen Frauenfußballs. Hier erzählt die heutige FIFA-Funktionärin, wie sie die Widerstände gegen kickende Frauen in ihrem Heimatland umging. Reinaldo Coddou H.
Heft #61 12 / 2006
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Dr. El Hawary, Sie werden die „Mutter des ägyptischen Frauenfußballs“ genannt. Ein sperriger Titel – wie kamen Sie dazu?

Durch mein Engagement gibt es heute, in einem Land, in dem es bis 1996 offiziell keine weiblichen Kicker gab, zwei Frauenfußball-Ligen und weibliche Schiedsrichter.

Woher rührt Ihr Interesse am Fußball?

Mein Vater Ezzat war FIFA-Schiedsrichter. Er nahm mich oft mit zu Spielen, obwohl Frauen in Stadien damals nur geduldet waren. Ich wurde also schon früh Fußballfan, konnte aber nie aktiv spielen. Daran wollte ich etwas ändern.

Das klingt nach einem Sisyphos-Vorhaben.

Anfang der 90er schien es aussichtslos zu sein. Bei den Verbänden und bei Medien stieß ich weitgehend auf taube Ohren. Finanzielle Mittel gab es keine, ich musste alles aus eigener Tasche bezahlen.

Welche Dinge machten Ihnen am meisten zu schaffen?

Das Bewusstsein in der breiten Bevölkerung, dass Fußball ausschließlich Männersport ist. Und da in den Familien auch Religion einen großen Einfluss hat, besaßen nur wenige Frauen das Selbstbewusstsein, auf den Bolzplatz zu gehen. Dazu kam, dass kein Verein bereit war, Finanzmittel für eine Frauenfußball-Abteilung abzustellen.

In so einer Situation ist es möglich, ein wohlwollendes Interesse in der Öffentlichkeit zu wecken?

Ich habe Kommunikationswissenschaft studiert. Mir war klar, dass ich medienwirksam vorgehen muss. Mein Plan: Ein Team aus fußballbegeisterten Mädchen zusammen zu stellen, sie zu schulen und dann damit an die Öffentlichkeit zu gehen.

Wie entdeckten Sie die Spielerinnen?

Bekannte meines Vaters erzählten immer wieder von talentierten Mädchen, die in Straßenmannschaften mitkickten oder Handballerinnen, die beim Aufwärmen Fußball spielten. Ich begann, durchs Land zu reisen und mit den Mädchen zu sprechen, von denen ich gehört hatte.

Ein Fußballerinnen-Casting? Das hört sich an, wie ein Märchen aus 1001 Nacht.

Nun, ich hatte ein schlagendes Argument: Ich sagte Ihnen, dass sie als Teil der ersten weibliche Fußballmannschaft Ägyptens Geschichte schreiben könnten. Ab 1991 wohnten für rund vier Jahre 25 Mädchen in meinem Haus in Kairo, die neben der Schule regelmäßig Fußball spielten. Aus diesen Mädchen wurde der erst Ägyptische Fußballverein: der Goldi Club Kairo.

Wie alt waren die Mädchen?

Zwischen 13 und 16 Jahre alt.

Wie wurde Ihr Engagement in der Öffentlichkeit aufgenommen?


Das Missfallen war deutlich spürbar. Manchmal wurde ich sogar von Passanten angesprochen, ich solle die Mädchen nicht zum Fußball verführen.

Inwieweit beeinträchtigte die Spielerinnen die Kritik?


Ich habe die Mädchen davor gewarnt, öffentlich zu erzählen, dass sie in einem Frauenfußballteam spielen. Damit ihr Selbstbewusstsein keinen Knacks bekam.

Wie gelang es Ihnen, Ihr Team einer breiten Öffentlichkeit vorzustellen?

Da sich die konservativen Medien mit ihrer Berichterstattung zurück hielten, begann ich mit den Mädchen nach etwa zwei Jahren durchs Land zu tingeln. Über die Kontakte meines Vaters brachte ich das Team etwa im Rahmenprogramm von Futsal-Events und kleinen Turnieren unter. Und da zeigten die Mädchen in einem Spiel untereinander, was sie drauf hatten.

Wann spürten Sie, dass Sie mehr erreichen konnten?

1995 organisierte Ägypten die U17-Weltmeisterschaft der Herren. Als die FIFA im Vorfeld das Land besuchte, bat ich um ein Gespräch mit den Offiziellen. Die gaben unserem Team die Chance, im Vorfeld eines Spiels im Fernsehen aufzutreten. So wurden die Auftritte immer medienwirksamer. Nach und nach gründeten sich überall im Land Frauenteams. 1997 erreichte ich beim Ägyptischen Verband (EFA), dass ein Nationalteam entstand.1998 wurde die nationale Frauenliga ins Leben gerufen.

Laufen die muslimischen Spielerinnen mit Kopftuch auf?

Nein. Nur die, die in ihrer Familien nach strengen traditionellen Werten erzogen wurden. Die ziehen auch die Stutzen etwas höher als die anderen. Es ist allerdings üblich, dass die Mädchen mit langärmligen Trikots spielen.

Wurden die Damenteams bei Ihren ersten Auftritten vom Publikum angefeindet?

Nein. Erst als ich die erste offizielle Schiedsrichterin Ägyptens wurde, fing ich an, meine Ohren auf Durchzug stellen. Da kamen nicht nur nette Worte von der Tribüne. Auch, wenn es das Schicksal eines Referees ist – es traf mich sehr, nicht nur wegen der Leistung bewertet zu werden, sondern auch als Frau.

Als Schiedsrichter halten Sie die Familien-Tradition hoch.

Der Job meines Vaters half mir dabei. Als ich 1996 die EFA bat, weibliche Schiedrichter auszubilden, weigerte sich der Verband. Erst als ich anbot, selbst eine Ausbildung zu machen, nahmen sie mich, die Tochter des FIFA-Referées, ernst. Ich schloss als Beste im Kurs ab.

Welche Folgen hatte es für das ägyptische Schiedsrichterwesen?

Fortan durften Frauen die Referée-Ausbildung machen. Ich wählte 1997 eine Reihe von Mädchen aus der ersten Spielergeneration dafür aus...

…warum?

Weil ich wusste, dass diese Frauen über ein extremes Selbstbewusstsein verfügten, um in dem Job zu bestehen. Schließlich traute Frauen niemand zu, ein Spiel zu pfeifen.

Pfeifen die Damen heute auch Spiele in der Herrenliga?

Anfänglich ließ man uns nur im Jugendbereich zu. Schließlich erreichte ich bei einem Regionalverband, dass man mir ein Spiel in einer Herrenliga gab. Um dem Protest der Zuschauer und Teams zu entgehen, traf ich unter einem Vorwand erst kurz vor dem Spiel ein. Aus Mangel an Alternativen mussten alle akzeptieren, dass ich das Spiel leitete. Inzwischen pfeifen Frauen sogar Spiele der zweiten Herren-Liga.

Welche Rolle spielt der ägyptische Frauenfußball heute?

1998 starteten wir die landesweite Frauen-Liga zunächst mit sechs Teams. Heute gibt es eine erste Liga mit 12 Mannschaften und eine zweite mit 14. Etwa 2000 Frauen spielen im Verein.

Wieviel Zuschauer kommen zu den Spielen der Frauen?

In der zweiten Liga sind es selten mehr als 100 oder 200. Spitzenspiele in der ersten Liga werden manchmal im Fernsehen übertragen und es kommen bis zu 5000 Menschen.

Sind es verstärkt Frauen, die zu den Spielen der Damen kommen?

Eine gute Mischung. Ich würde sagen 50 Prozent Männer, 50 Prozent Frauen.

Können ägyptische Spielerinnen vom Fußball leben?

Die Frauen verdienen ein Taschengeld. Profis gibt es nicht. Viele gehen noch zur Schule oder studieren. Nur wenige haben einen Job.

Was unterscheidet Weltmeister Deutschland vom ägyptischen Damen-Team?

Um in der Weltspitze mitzuspielen, müssen wir unser Tempo und die körperliche Durchsetzungskraft deutlich steigern. Deshalb sehe ich es als meine Aufgabe – auch mit Unterstützung des Goethe-Intituts – etwa in Deutschland nach besseren Ausbildungsmöglichkeiten für unsere Spielerinnen zu suchen.

Ihre Pionierarbeit ist ein Signal für die arabische Welt. In welchen Ländern steht es um den Frauenfußball noch nicht so gut wie in Ägypten?


In Tunesien und Marokko ist Frauenfußball längst etabliert. Die westasiatischen und die Golfstaaten hingegen verfügen immer noch über strenge Ansichten, die es den Frauen schwer machen. Ich kann es nicht verstehen. Fußball ist ein Menschenrecht und niemand, der Fußball nicht liebt, wird ihn ausüben wollen. Darum lautet mein Motto: „Lasst sie spielen.“

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