Franz Beckenbauers Abschied

Junge, komm bald wieder

Die Spatzen pfiffen es bereits von den Dächern: Franz Beckenbauer wird in der kommenden Saison für New York Cosmos spielen. Der FC Bayern verabschiedet seinen größten Spieler. Wir haben Stimmen und Fotos gesammelt. Franz Beckenbauers Abschied

Nun, eigentlich ist der FC Bayern mit dieser ganzen Abschiedsschose 33 Jahre zu spät. So »gar nicht FC-Bayern-like« (Karl-Heinz Rummenigge) ließ der Klub seinen Kaiser im Sommer 1977 nach New York ziehen. Kein Abschiedspiel, keine Riesenfete, keine Statue, nur ein paar Blumen und Hände zum Schütteln. Dafür wird heute Abend geklotzt. Der deutsche Rekordmeister hat die beste und schönste und phänomenalste und bekannteste Mannschaft der Welt in die Allianz Arena eingeladen: Real Madrid. Franz Beckenbauer wird zwar nicht mitspielen, dafür sicherlich queen-esk von der Tribüne grüßen. Grund genug für dieses Gästebuch. Wir haben einige Wegbegleiter nach einem Eintrag gefragt und die besten Fotos aus der Zeit 1963 bis 1977 zusammengesucht. 

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Hansi Müller

(spielte von 1975 bis 1990 u.a. für den VfB Stuttgart und Inter Mailand)


»Mit Franz verbinde ich viele schöne Erinnerungen. Wirklich amüsant war eine Partie im Winter 1979. Wir spielten damals im Rahmen eines Benefizabends mit einer Weltauswahl gegen Borussia Dortmund. Auf unserer Seite standen Stars wie Bruno Pezzey, Johan Cruyff, Kevin Keegan oder Oleg Blochin. Trainiert wurden wir von Branko Zebec und Hennes Weisweiler. Kurz vor Spielbeginn wurde es in der Kabine richtig laut. Ich schaute mich um und sah, wie sich Franz und Johann Cruyff um die Kapitänsbinde stritten. Und zwar nicht im Spaß, sondern mit vollem Ernst. Keiner wollte dem anderen den Vortritt lassen – auch wenn es ein bedeutungsloses Spiel war. Es lag schließlich an Weisweiler, ein Machtwort zu sprechen: ›Jeder eine Halbzeit‹, sagte er. Und so kam es dann auch. Das Spiel war für mich eine tolle Erfahrung. Franz war ja einer meiner Jugendhelden, schon 1966 hatte ich für ihn und sein elegantes Spiel geschwärmt. Und nun stand ich erstmals mit ihm auf dem Platz. Ein Traum. Und ich kann sagen: Mit so einem Mann zu spielen ist etwas ganz anderes, als ihn im TV zu sehen. Er spielte gegen Dortmund sensationelle Pässe, aus dem Fußbgelenk, ohne Ansatz mit dem Außenrist über 40 Meter. Die Bälle kamen perfekt in den Lauf, zentimetergenau. So etwas habe ich danach nie wieder erlebt.«

Dettmar Cramer
(gewann als Trainer des FC Bayern zweimal den Landesmeister-Cup)

»Heutzutage kenne ich keine Person, mit der ich mich so gut über Fußball unterhalten kann wie mit Franz Beckenbauer. Wenn wir uns treffen, freue ich mich schon Tage vorher. Ich kenne diesen Jungen ja auch schon so lange. Gerne erinnere ich mich an eine Geschichte vor seinem WM-Debüt gegen Schweden. Helmut Schön, Fritz Walter und ich saßen vor dem Spiel in Stockholm bei ihm im Zimmer und mussten ihn überreden, dass er spielt. Das war im Oktober 1965. Wir sagten: ›Schau, Pelé spielte vor sieben Jahren mit 17.‹ Franz war trotzdem skeptisch – er spielte dennoch. Ein Jahrs später schon, 1966, war alles anders. Bei der WM in England war Franz einer der Stars des Turniers. Und das, obwohl er gerade mal 20 Jahre alt war. Doch warum sollte er sich auch verstecken? Er war ja schon der Chef bei den Bayern, er spielte Libero und andere, erfahrene Spieler, mussten für ihn den Vorstopper geben. Und Franz wagte es sogar, den Trainer zu kritisieren. Im Finale spielte er gegen Bobby Charlton im Mittelfeld. Er musste dem Engländer also die ganze Zeit hinterherrennen. Schon in der Halbzeit sagte er zu Schön: ›Trainer, das mache ich nie mehr.‹ Bobby Charlton, der dieselbe Aufgabe hatte, sagte zu Alf Ramsey übrigens auch: ›Ich laufe doch nicht 90 Minuten hinter dem Jungen her.‹ Eine schöne Geschichte, über die ich heute gerne schmunzel.«

Charly Dörfel
(spielte von 1963 bis 1970 für den Hamburger SV)

»Gegen den Franz habe ich immer gerne gespielt. Denn er war nicht so schnell. Ich lief ihm also häufig mal davon. Ich erinnere mich an ein paar Spiele, wo ich ihn richtig nass gemacht habe. Ansonsten war er in allen Dingen der Primus: Technisch war er der versierteste Spieler seiner Zeit, am Ball konnte er alles. Dazu diese Übersicht, dieses großartige Spielverständnis. Und auch abseits des Platzes suchte er stets das Superlativ: Er hatte sogar mehr Frauen als ich. Ich wünsche ihm ein gutes Abschiedsspiel!«

Willi Schulz
(spielte von 1960 bis 1973 für Schalke 04 und den HSV, WM-Teilnahmen 1966 und 1970)


»Alles Gute, Franz! Ich traf dich zum ersten Mal 1965, als du zur Nationalmannschaft kamst. Warst ein bescheidener Junge, witzig obendrein. Und genau so bist du immer geblieben! Eine sportliche Persönlichkeit, die ihresgleichen sucht. Wenn einer in Deutschland ein Abschiedsspiel gegen die größte Mannschaft der Welt verdient hat, dann Du, lieber Franz!«

Ulrik le Fevre
(spielte von 1969 bis 1971 für Borrusia Mönchengladbach)

»Für mich war Franz ein einzigartiger Spieler und ich bin stolz gegen ihn gespielt zu haben. Ich habe gestern noch mit dem Ex-Bayern-Spieler Johnny Hansen das Spiel Deutschland gegen Dänemark gesehen. Der Johnny musste für den Franz ja häufig die Drecksarbeit machen, er musste ihn defensiv absichern. Aber er sagte mir gestern, dass er es gerne gemacht hat. Denn Franz war nicht irgendein Spieler. Franz war der Kaiser.«

Erich »Ete« Beer
(spielte von 1968 bis 1979 für u.a. den 1. FC Nürnberg und Hertha BSC)


»Ich erinnere mich gerne an mein siebtes Länderspiel. Damals, im April 1976, spielten wir in München das EM-Viertelfinale gegen Spanien. Zwei Tage vor dem Spiel lud Franz Beckenbauer die ganze Mannschaft zu sich nach Hause ein. ›Kommt zum Weißwurstessen‹, sagte er. Ich nahm die Einladung natürlich an, wenngleich ich als Berliner überhaupt nicht wusste, was da auf mich zukommen würde. Als wir dann beim Franz versammelt waren, sah ich dieses Weißwurstteil, nicht gerade appetitlich der Anblick, dazu noch dieser süße Senf. Und dann kam der Franz auch noch zu mir und brachte mir ein Weißbier. ›Gehört dazu‹, sagte er. ›Mit Wasser isst man keine Weißwurst.‹ Ich war völlig perplex, denn ich war eigentlich kein Biertrinker. Aber ich wollte auch keinen schlechten Eindruck machen, also verdrückte ich die Wurst und schlürfte mein Bier. Danach kamen noch Männer und Frauen in traditionellen Trachten herbei und tanzten durch das Haus. Es war alles in allem ein besonderes Erlebnis: Nicht nur, weil es sonst nie vorkam, dass sich die Mannschaft vor einem Spiel bei einem Mitspieler traf. Vor allem, weil dies mein erstes Weißwurst war. Heute wohne ich ja in München, bis vor einigen Jahren habe ich bei BMW gearbeitet – und da gehört Weißwurstessen am Freitag in die Kantine wie Franz Beckenbauer zum deutschen Fußball.«

Rüdiger Abramczik
(spielte von 1973 bis 1991 u.a. für Schalke 04 und Borussia Dortmund)

»Auch wenn Franz es heute nicht gerne hören wird: Wenn ich an ein Spiel gegen die Bayern der Siebziger zurückdenke, fällt mir sofort das 7:0 im Olypmiastadion ein. Das war im Oktober 1976 und Bayern hatte gerade den Landesmeistercup geholt. Schon als wir ins Stadion liefen, spürte ich eine  lauwarme Luft, eine Temperatur, bei der sich die Beine anfühlen wie Gummi. Meine Frau, die aus München stammt, sagt, dass man solche Tage in Bayern »Föntage« nennt. Und es heißt, dass die Bayern an solchen Tagen meistens schlecht drauf sind. Und so kam es ja auch. Bei uns hingegen klappte alles. Klaus Fischer schoss vier Tore, ich bereitete vier vor. Am Ende hatten wir den Bayern die höchste Heimniederlage ihrer Vereinsgeschichte beigebracht – und Franz lief schnurstraks aus dem Stadion. Der war sauer, aber so was von. Heute bekommt er endlich sein Abschiedsspiel. Er hat es sich nach all den Jahren wirklich verdient, er hat Deutschland immer gut vertreten und er hat uns über all die Jahre nicht nur mit Weltklasse-Fußball begeistert, sondern auch mit viel Witz unterhalten. Danke dafür!«

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