30.12.2013

Franz Beckenbauer in New York

Lehrjahre eines Kaisers

Seite 2/3: Das Imperium des Steve Ross
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Doch das Konzept ist anfangs nur schwer an den Mann zu bringen. Cosmos ist bis 1975 nicht viel mehr als ein Team aus Studenten und Feierabendfußballern mit Turnschuhen auf einem knochentrockenen Rasenplatz auf einer ehemaligen Gefängnisinsel im East River. Randy Horton, der erste Goalgetter, arbeitet hauptamtlich im Warner Safari Park in New Jersey. Keeper Shep Messing bessert sein Gehalt auf, indem er sich im Erotikheftchen »Viva« durchaus angeregt einem ansonsten weichzeichnenden Kameraobjektiv präsentiert. Obwohl Warner für seine Experiment jegliche Publicity gebrauchen kann, gefällt dem Konzern, der auch mit »Bugs Bunny« Geld verdient, Messings schillernder Auftritt nicht.

1975 entscheidet Steve Ross, die Sache richtig anzupacken. Wenn sich die Euphorie um die neue Sportart nicht von allein einstellt, hilft man ihr eben mit der amerikanischen Methode auf die Sprünge. Wenn Cosmos keinen eigenen Helden hervorbringt, kauft man eben welche. Bei Warner stehen die größten Stars der Generation unter Vertrag: Robert Redford, Dustin Hofmann, Barbra Streisand, Aretha Franklin und auch die Rolling Stones. Da versteht es sich fast von selbst, dass sich der Konzern auf dem Transfermarkt auch nur nach weltumspannenden Marken umschaut.

Pelé: Tätigkeitsfeld »Musikkünstler«

Der Brasilianer Pelé unterhält schon damals eigene Produktlinien unter seinem Namen, mit dem sich Trikots, Parfüms und Schuhe verkaufen lassen. Pelé ist ein Nationalheiligtum in seiner Heimat, um ihn zu einem Wechsel ins Niemandsland des Fußballs zu bewegen, sendet US-Außenminister Henry Kissinger, ein emigrierter Fußballfan aus dem Frankenland, einen Bittbrief an die brasilianische Regierung, man solle Pelé als Fußballbotschafter ins Entwicklungsland im Norden ziehen lassen. Dort soll es ihm an nichts mangeln. Während die Topstars der Bundesliga etwa 300 000 Mark im Jahr verdienen, erhält der dreimalige Weltmeister aus Santos ein Gehalt von rund 12 Millionen Dollar für einen Drei-Jahres-Vertrag. Aus steuerlichen Gründen wird sein Arbeitsbereich im Warner-Medienunternehmen nicht nur unter dem Stichwort »Soccer« geführt, sondern auf das Tätigkeitsfeld »Musikkünstler« ausgedehnt. Wegen Pelés Popularität halten es die Medienmanager durchaus für denkbar, ihren teuren Einkauf auch mal als Bossa-Nova-Sänger oder für eine Nebenrolle in einem Warner-Film abzukommandieren.

Seine Ankunft im »Big Apple« wird im edlen »21 Club« wie der Showcase zu einer Plattenveröffentlichung zelebriert. Fahrstuhlmusik, Fingerfood, teures Eichenholz und Ledersessel. Pelé macht mit zwei Stunden Verspätung mehr als 300 Reportern seine Aufwartung. Während der Pressekonferenz kommt es zu Tumulten, weil ein Reporter den Warner-Bossen vorwirft, durch ihr millionenschweres Engagement im Fußball die Popularität des amerikanischsten aller Spiele, des Baseballs zu unterminieren. Etwas hysterisch, wenn man bedenkt, dass Pelé zum Tabellenletzten der North American Soccer League (NASL) wechselt. Immerhin, durch sein Kommen verdoppelt sich in der ersten Saison der Zuschauerschnitt bei Heimspielen von Cosmos auf knapp 10 000.

»Giorgio, du schießt zu oft aus spitzem Winkel«

Ein Anfang. Doch für ein Team aus Superhelden reicht Brasiliens vom Altenteil zurückgekehrter Fußballkönig allein nicht aus. Der geschmeidige Sympath braucht einen knorrigen Gegenpart. Er bekommt ihn in Gestalt von Giorgio Chinaglia. Der Italiener ist mit 28 Jahren in der Blüte seiner Schaffenskraft. In Italien hat er Lazio im Sommer 1974 zur lang ersehnten Meisterschaft geschossen. Die Roma-Anhänger hassen den zwielichtigen Angreifer mit der Knollennase derart, dass Chinaglia sich zeitweise nur noch mit Waffe auf die Straßen der italienischen Hauptstadt traut. Mit seiner US-amerikanischen Ehefrau packt er die Koffer und sucht in der neuen Welt sein Glück. Er ist die ideale Besetzung für den Bösewicht in der Cosmos-Seifenoper. Wenn er in das Kunstrasenstadion einläuft, wirkt er wie Robert de Niro in Scorseses »Raging Bull«. Chinaglia fightet um jeden Ball, fordert und dirigiert. Selbst Pelé, dessen begnadete Aura den Heißblüter per se schon eifersüchtig macht, maßregelt er vor versammelter Mannschaft, er solle mehr abspielen. Als sich der Halbgott wehrt – »Giorgio, du schießt zu oft aus spitzem Winkel« – blickt ihn der Italiener nur kalt lächelnd an und sagt: »Wenn Chinaglia aus spitzem Winkel schießt, kann Chinaglia auch treffen.«

Obwohl Steve Ross einen Narren am exzentrischen Leitwolf gefressen hat, ignoriert er Chinaglias Beschwerde, Cosmos bräuchte keinen Franz Beckenbauer, um die Meisterschaft zu gewinnen. Im Frühling 1977 reist der Münchner Libero erstmals zu Gesprächen an die Ostküste. Warner spielt inzwischen auf der ganz großen PR-Klaviatur. New York Cosmos ist ins monumentale Giants-Stadion umgezogen. Beckenbauer wird in der Stretchlimousine vom JFK-Flughafen abgeholt. Die Bosse präsentieren ihm eine ganze Etage im 21. Stock des »Navarro«-Apartmenttowers am südlichen Ende des Central Parks als zukünftige Bleibe. Dann verfrachten sie den Kaiser in einen Helikopter, der vom Dach des PanAm Buildings in Manhattan abhebt. Rockefeller Center, Twin Towers, Empire State Building. Der Rundflug über die Stadt erstickt alle Zweifel, in die von DFB-Präsident Hermann Neuberger als »Operettenliga« gebrandmarkte NASL zu wechseln. Als der Hubschrauber über dem Football-Stadion in New Jersey kreist, gibt sich der Bayer den Warner-Leuten geschlagen: »Also gut, hört’s auf, ich komme!«

 
 
 
 
 
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