Frankfurts Superlativ

Der größte Zampano

Schillernd, laut, großspurig: Frankfurts Präsident Peter Fischer ist einer der letzten großen Unterhalter der Liga. „Als ich anfing, war ich der blonde Surfer mit den blauen Augen aus Hawaii“, sagt er. Doch dann zog er den Karren aus dem Dreck. Imago
Heft #69 Sonderheft 2007/08
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An jenem Samstag erwacht Peter Fischer in aller Herrgottsfrühe. Er wälzt sich von rechts nach links. Sein Herz schlägt schneller. Ohne Espresso. Ohne Zigarette. Die Aufregung raubt ihm den Schlaf. Er hievt sich aus dem Bett, schlägt die Zeit tot, so gut es geht. Es ist der 5. Mai 2007, es ist der Tag des so genannten Schicksalsspiels: Eintracht Frankfurt gegen Alemannia Aachen. Es geht um alles. Ein Glücksbringer wäre nicht schlecht. Peter Fischer findet ein Silberarmband, ein Geschenk seiner Frau zum 50. Geburtstag. Es ist ein protziges, rockiges Armband, es wiegt zirka 8,4 Kilogramm, ein schwarzer Stern verleiht die besondere Note. Es könnte auch Rüpelrocker Iggy Pop gehören. Oder Slash. Oder sonst einem Bad Boy of Rock?’n’ Roll. Peter Fischer legt es an jenem Samstag um sein Handgelenk. Stunden später hat Frankfurt die Alemannia aus dem Stadion gefegt. Der Absturz ist verhindert. Das Herz schlägt immer noch schneller. Vor Freude. Eintracht-Präses Fischer hütet das Armband seitdem wie seinen Augapfel.

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Nun mag es ausgemachter Blödsinn sein, einen Menschen über ein Armband zu definieren. Einerseits. Andererseits erzählt dieses Silberkettchen eine Menge über den Vereinspräsidenten. Denn Fischer, 51, gehört in der Eintracht-Entourage einer fast ausgestorbenen Spezies an: Er verkörpert Glamour und Eleganz, seine Strahlkraft stellt die grauen Mäuse in den Schatten. Und graue Mäuse gibt es einige in Frankfurt. Fischer kommt wie ein Relikt aus längst vergangenen Tagen daher, als der Klub versnobt und auch größenwahnsinnig war. Fischer ist laut, schillernd, großspurig, er ist ein Zampano, ein Entertainer, er ist es, der Eintracht Frankfurt einen Funken Glanz und Extravaganz verleiht.

»Als ich anfing, war ich der blonde Surfer mit den blauen Augen aus Hawaii«


Der Mann fällt auf. Er misst stattliche 2,01 Meter, er kleidet sich wie ein Dressman, achtet auf einen stets dunklen Teint zu strohblonden Haaren. Fischer ist ein kleines Partyanimal, in Frankfurt finden nur selten Promi-Feten statt, ohne dass anderntags ein strahlender Peter Fischer auf dem Boulevard zu bewundern wäre. Michael Ballack zählt er zu seinen Freunden. Was alles nach einem oberflächlichen Luftikus klingt. Aber das wird ihm nicht gerecht. »Als ich anfing, war ich der blonde Surfer mit den blauen Augen aus Hawaii«, sagt er. Er kennt all die Klischees über sich. Er schiebt nach: »Aber durch Leistung und Performance hat sich mein Image geändert.« Performance ist eines seiner Lieblingswörter.

Fischer ist ein Selfmademan, der Werbekaufmann versuchte sein Glück schon als Unternehmer in Hollywood, er verdingte sich als Buchautor (»Siegen aus Leidenschaft«). 2004 überlebte er den Tsunami in Thailand und schob eine Hilfskampagne an. Der Familienvater weiß sich zu verkaufen, er ist intelligent und clever – vereinnahmend sowieso. Seine Stärke ist seine Eloquenz, die Frankfurter Rundschau beschrieb ihn als »Spielmacher mit Worten«.

Fischer hat viel bewegt. Wenn der frühere Basketballer, im mittelhessischen Lich geboren und seit 1970 in Frankfurt lebend, an seine Anfangstage zurückdenkt, muss er schmunzeln. Als er 2000 den Verein übernahm, lag die Eintracht am Boden. »Wir hatten nicht mal das Geld, um den Mannschaftsbus voll zu tanken. Ich hatte Angst, dass die Eintracht untergeht.« Doch Fischer zog den Karren aus dem Dreck. Die Mitgliederzahl wuchs während seiner Ägide von 4600 auf 12?500, in Kürze wird die marode Trainingsstätte am Riederwald in neuem Glanz erstrahlen. Fischer bewegt sich auf jedem Parkett geschmeidig, er ist an der Basis beliebt – weil er keine Berührungsängste kennt. Er setzt sich auch für den Stehplatzfan ein, viele kennt er namentlich.

Und sein Wort hat Gewicht. Er steht dem Verein vor, der als Mutter die Fußball-AG beherbergt, die für die Belange der Profis verantwortlich zeichnet. Der einflussreiche Funktionär sitzt überdies im Aufsichtsrat der AG. Und er arbeitet harmonisch mit dem uneingeschränkten Herrscher über den Frankfurter Profifußball, Heribert Bruchhagen, zusammen. Das ist schon einigermaßen überraschend, schließlich haben die beiden auf den ersten Blick nicht besonders viel gemein. Fischer und der eher konservative Realist Bruchhagen teilen aber die Liebe zum Fußball, sie schätzen und achten sich. Auch weil Fischer durchaus mit Fußballsachverstand glänzt. »Ich sehe seit 30 Jahren jede Woche mehrere Spiele. Ich habe mir Kompetenz erworben und erkämpft – und ich habe sie bewiesen«, sagt er ohne falsche Bescheidenheit. Nur gegen das Bild des Großkopferten kämpft er an, schließlich habe er sich mittlerweile zu »einem Bundesliga-Realpolitiker« erzogen. Fischer fabuliert nicht vom Europacup oder dem Angriff auf die Großen. »Die Eintracht«, sagt er, »ist eine klassische Mittelfeldmannschaft.« Irgendwie passt er doch zur neuen Eintracht.

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