Frankfurt in der Europa League

Im Herzen von Europa

Nach einer sensationellen Saison startet Eintracht Frankfurt in der Europa-League-Gruppenphase. Grund genug für Eintracht-Fan Stephan Reich mit feuchten Augen und kindlicher Freude nach Frankfurt zu fahren. Ein Rührstück in fünf Akten.

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Erster Akt – Exposition
Ach, ich bin so sentimental. Schwenke gerührt mein Dosenbier und sehe die Straße hinunter, die zum Stadion führt. »Eintracht, Eintracht«, rufen die Leute, ein gleichmäßiger Strom aus Schwarz-Weiß-Rot. Ebbt mal ab, braust mal auf, irgendwo hinter den Bäumen glüht schon die Arena. Es ist kalt und zugig. Der Herbst kommt und er riecht nach Wurstbuden und Äppler, nach frisch gemähtem Rasen und auch ein wenig nach der großen weiten Welt, nach U-U-efa-Cup. Vielleicht ein goldener Herbst für die Eintracht. Nach Jahren der Mittelmäßigkeit, nach einem Abstieg, einem Aufstieg und einer märchenhaften Saison könnte hier, heute, im zugigen, brodelnden Stadtwald, eine neue Ära beginnen. Magische Europapokalabende, Spitzenteams, die man in Grund und Boden kämpft. Ach, ich bin so sentimental, nehme noch einen Schluck vom Dosenbier und spüle das Pathos hinunter. Die Dose sollte lieber leer sein, wenn ich am Tickethäuschen meine Pressekarte abhole.

Zweiter Akt – Komplikation
Eine wirkliche Komplikation gibt es nicht. Außer vielleicht die, das ich am falschen Eingang des Stadions stehe und es nun einmal umrunden muss. Ich biege in die Otto-Fleck-Schneise. Sportverbände reihen sich den Weg entlang wie Perlen auf einer Kette. DFB, DOSB, DVV, DTTB  - Abkürzungen wie Sprachfehler. Um es erwähnt zu haben: Ich war noch nie bei einem Europapokalspiel meiner Eintracht. Und ich hatte auf absehbare Zeit auch nicht damit gerechnet, die Möglichkeit dazu zu bekommen. Wenn das kein Grund zu feiern ist. Am Kassenhäuschen steht ein älterer Herr mit seinem Sohn im Teenageralter, nimmt ihn in den Arm und sagt »Isch bin rischdisch uffgerescht«. Er lächelt dabei und drückt seinen Jungen. Ich lächele auch, drücke in Ermangelung eines Sohnes meine Stadionwurst. Auch gut. Ein schöner Tag.

Dritter Akt – Peripetie
Und er wird immer besser. Ich betrete den Pressebereich und setze mich auf meinen Platz. Rechts von mir füllt sich die Kurve, wenig später wird der Polizeimarsch gespielt, heute zu Ehren des verstorbenen Kurt Schmidt. Auf dem Feld liegt der orangefarbene Logo-Teppich der Europa-League, die Mannschaften reihen sich davor auf und die Hymne ertönt. Ein Moment, stolzer als Uwe Beins Schnauzbart. Ich erinnere mich dunkel an ein Spiel im UEFA-Cup, das ich als Kind am heimischen Fernseher verfolgte. Die Eintracht gewann 5:0 und es schallten »Ruuudi, Ruuudi«-Rufe durch das Waldstadion, zu Ehren Rudi Bommers. Ein magischer Wettbewerb war das damals, in dem Spieler wie Bommer kurzzeitig in den Rang eines »Ruuuudis« erhoben werden konnten. In dem La Coruna und Neapel geschlagen werden konnten. In dem Tony Yeboahs Oberschenkel nochmal ein paar Zentimeter an Umfang zuzulegen schienen und die Pässe von Uwe Bein nochmal einen Tick schärfer durch die Abwehrreihen schnitten. Mein sechsjähriges Ich sitzt irgendwo auf der heimischen Couch in meinem Kopf und singt »Die Sonne scheint bei Tag und Nacht, Mauriiiiiizio Gaudiiino«. Ein Kollege setzt sich neben mich, aber ich kann gerade nicht reden, hab da was im Auge. Dann legen die Fans los. Die Kurve ist ein einziges Fahnenmeer, hunderte, tausende kleine Fahnen über die gesamte Westkurve verteilt, das Stadion flackert schwarz-weiß, es sieht aus wie ein riesiges Fernsehbild ohne Empfang, nur mit Schnee. Schwarz-Weiß wie Schnee. Blitzlichter blitzen, ein bisschen Pyro brennt ab, roter Rauch steigt auf, es ist unglaublich laut und es riecht wie an Silvester. Vaclav Kadlec schießt das 1:0, die Arena eskaliert. Wenig später erzielt Marco Russ das 2:0 und all die Ärgernisse, die Abstiege, Nackenschläge der letzten Jahre, Jahrzehnte, sind nur noch unbedeutende Wegposten auf dem Weg zu diesem Punkt. Die Fans singen wieder den Polizeichor und ich sehne mich in die Kurve, mir unbekannte Nebenmänner und -frauen herzend und im Jubel den Nacken voller Bier. Ich will auch eine Fahne, will wenigstens mitsingen, ohne von den Kollegen krumm angesehen zu werden. »Im Herzen von Europa...«, murmele ich und tue so, als würde ich mir Notizen machen.

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