Frank Metzger über geheime Nazi-Codes im Fußball

»Ein Verbot wäre irrsinnig«

Frank Metzger über geheime Nazi-Codes im FußballPrivat

Frank Metzger, inwiefern ist der Fußball für Neonazis attraktiv?

Frank Metzger: Fußballstadien zeigen ein Abbild der Gesellschaft. Neonazis sind nun einmal leider auch ein Teil dieser Gesellschaft und zumindest einige von ihnen sind auch Fußballfans. Auffallend ist, dass Neonazis eine hohe Affinität zu gewaltbereiten Fanstrukturen haben, wie zum Beispiel Hooligans. Natürlich sind nicht alle Hooligans Nazis und nicht alle Nazis sind Hooligans, es funktioniert in beide Richtungen nicht. Aber es gibt Schnittmengen. Der Gewaltaspekt spielt eine große Rolle, da können sich Nazis einbringen und austoben. Und Fußballstadien und Fanstrukturen sind auch eine Möglichkeit für Neonazis, Leute für ihre politische Sache zu gewinnen, ihre Ideologie und politische Überzeugung ins Stadion zu tragen.

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Wie machen sie das?

Frank Metzger: Beispielsweise durch Zahlencodierungen. Wenn sogenannte Fans im Stadion Pappschilder mit Nummern hochhalten. Es gibt ein Bild von Fans aus Aue, die nach Mainz gefahren sind, um dort die 14 und die 88 in der Fankurve hochzuhalten. Damit wollen sie eine klare, politische Message hinterlassen.

Wofür stehen die Zahlen?

Frank Metzger: Oft steht die Zahl für die jeweilige Stelle eines Buchstabens im Alphabet. Bei der 88 ist es klar: der achte Buchstabe ist das H, zweimal H meint also Heil Hitler.

Und wofür steht die 14?

Frank Metzger: In diesem Fall nicht für A und D, sondern für die sogenannten »14 words«, die 14 Worte des amerikanischen Neonazis David Lane. Der hat den Satz geprägt: »We must secure the existence of our people and a future for white children.« Eine Art neonazistisches Glaubensbekenntnis und zentrale Losung, mit der ein ganz offener Rassismus zum Ausdruck gebracht wird: »Wir müssen die Existenz unseres Volkes sichern, und eine Zukunft für weiße Kinder.«

Welche Codes gibt es noch?

Frank Metzger: Weit verbreitet ist auch die 18. Hier zählt man wieder im Alphabet, also liest man A und H: Adolf Hitler. Und die 28, für die Buchstaben B und H. Das ist der Code für das internationale, neonazistische Musiknetzwerk »Blood & Honour«. Der Code hat in Deutschland Einzug gehalten, nachdem das Netzwerk hier im Jahr 2000 verboten wurde. Das sind die vier wichtigsten und gängigsten Codes: 18, 88, 28 und 14. All diese Zahlencodierungen werden international von Neonazis verstanden und genutzt. Ebenso wie die Codierung »168:1«.

Klingt wie ein Sportergebnis.

Frank Metzger: Der Code nimmt Bezug auf einen Sprengstoffanschlag in Oklahoma-City 1995. Timothy McVeigh, ein US-amerikanischer Neonazi hatte ein Bürogebäude in die Luft gesprengt. Als Legitimation bediente er sich der antisemitischen Weltverschwörungshalluzination, den Anschlag im »Kampf gegen ZOG« begangen zu haben. »ZOG« steht für »Zionist Occupied Government« (»Zionistisch okkupierte Regierung«, Anm. d. Red.). Damit wird zum Ausdruck gebracht, dass in den Augen von Neonazis sämtliche westlichen Regierungen und alle weltpolitischen und -wirtschaftlichen Ereignisse von Jüdinnen und Juden gesteuert werden. Timothy McVeigh hat diesen Anschlag verübt, weil sich in dem Gebäude Regierungsbüros – aber auch ein Kindergarten – befanden. Bei dem Anschlag sind 168 Menschen ums Leben gekommen – darunter auch etliche Kinder. McVeigh wurde dafür hingerichtet. Aus der Sicht von Neonazis hat er hat seinen persönlichen »Kampf gegen ZOG«, so perfide das ist, »168:1« gewonnen. Das wird dann auf T-Shirts getragen.

Warum sind diese Codes so gefährlich?

Frank Metzger: Weil Nazis sie ganz legal in der Öffentlichkeit tragen können, ohne sofort von allen als Nazis zu erkennen sind. Die Zahlen könnten ja auch eine andere Bedeutung haben. Es könnte zum Beispiel eine Rückennummer sein. Im Fußball ist die 18 nun mal eine sehr geläufige Nummer.

Aber wenn kaum jemand die Codes lesen kann, warum werden sie dann benutzt?

Frank Metzger: Es ist wie mit Fanschals. Sie sind einerseits dazu da, um sich untereinander zu erkennen zu geben, andererseits sind sie natürlich auch eine Möglichkeit, sich für andere zu präsentieren und ihr neonazistisches und menschenverachtendes Weltbild nach Außen zu tragen. Die Codierung wird außerdem benutzt, um in Deutschland das Strafrecht zu umgehen.

Ein Verbot bringt nichts?

Frank Metzger: Nein, zumal zum Beispiel ein Verbot von Zahlen vollkommen irrsinnig und auch juristisch unmöglich wäre. Und selbst wenn die 88 verboten würde, schreiben sie halt 2 x 44 auf die Schilder, oder 87 + 1. Repressive Maßnahmen wie Verbote oder auch Zensuren bringen nichts, weil sie die Probleme nicht wirklich angehen. Es ist vielleicht eine Möglichkeit, punktuell oder kurzfristig etwas zu machen. So funktioniert ja auch die Stadionordnung, die bestimmte Kleidung und Symbole nicht erlaubt. Dabei darf es aber nicht bleiben. Es ist zu leicht, solche Verbote durch einfachste Abänderungen zu umgehen. Nicht nur bei Zahlen, sondern auch bei verbotenen Symbolen.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Frank Metzger: Im April 2006 haben Fans aus Chemnitz beim FC St. Pauli im Stadion Fahnen hochgehalten: rot, mit einem weißen Kreis in der Mitte. Da wird sofort und unmissverständlich klar, dass die Hakenkreuzfahne gezeigt werden soll. Es gibt nur eine bekannte Fahne in dieser Farbenkombination. Aus strafrechtlichen Gründen fehlte zwar das Hakenkreuz, aber trotzdem wussten alle, was die Fahnen bedeuten sollten. Die sieht man übrigens auch auf Nazi-Demos.

Was hat außerdem in Stadien Einzug gehalten?

Frank Metzger: Die Symbole und Codes, derer sich Neonazis bedienen, um ihr menschenverachtendes Weltbild zum Ausdruck zu bringen, sind vielfältig. Sie können einen nationalsozialistischen, heidnisch-antichristlichen oder auch jugendsubkulturellen Bezug haben.

Welche Kleidung tragen Nazis?

Frank Metzger: Was in den vergangenen Jahren zugenommen hat sind Kleidungsmarken wie Thor Steinar und Erik&Sons, die ganz gezielt durch Motivwahl und Symbole ein rechtes KäuferInnenpotenzial ansprechen sollen und bei diesen entsprechend beliebt und verbreitet sind. Oder es sind offensichtliche, explizite Neonazi-Marken wie Consdaple, wo die Buchstaben NSDAP vorkommen. Es gibt aber auch einige Hooligan-Marken wie zum Beispiel »Sport Frei«, die von Neonazis gegründet wurden oder auf diese eingetragen sind. Da ist es natürlich schwierig, das aus dem Hooligan-Kontext zu lösen, weil diese Marken nur im Zusammenhang mit Fußball und Gewalt auftreten und nicht explizit politisch. Aber da die Leute hinter diesen Marken eben aus dem Neonazi-Spektrum stammen, kann man sagen, dass es sich um Neonazi-Marken handelt.



Welche Musikbands rechnen Sie dem Neonazi-Spektrum zu?

Frank Metzger: Da gibt es wahnsinnig viele. Im Fußball-Kontext ist auf jeden Fall die Band »Kategorie C« zu nennen, die auch unter dem Namen »Hungrige Wölfe« aktiv sind. Die Band versteht sich selbst zwar als reine Hooligan-Band und sagt: Fußball ist Fußball und Politik ist Politik. Es ist aber durchaus eine politische Band, weil Bandmitglieder zum Teil neonazistische Vergangenheit haben oder direkte Kontakte in die Neonazi-Szene bestehen: Als der Sänger der Neonazi-Band »Landser« inhaftiert war, gab es in Berlin ein NPD-Solidaritätskonzert, wo auch der Sänger von »Kategorie C« aufgetreten ist. Deutlich wird die rassistische Einstellung auch in Liedern wie »Deutschland dein Trikot«.

Was unternehmen Fußballvereine dagegen?

Frank Metzger: Das ist von Verein zu Verein unterschiedlich. Viele Vereine versuchen, ihre Security-Leute durch Informationsveranstaltungen und Workshops dahingehend zu schulen, die genannten Codes zu erkennen. Wir arbeiten auch mit Fan-Projekten zusammen, die das dann weitertragen. Es gibt zum Beispiel das »Bündnis aktiver Fuball-Fans - BAFF«, mit denen wir auch seit langem kooperieren. Die machen unglaublich gute und wichtige Arbeit in diesem Bereich, etwa mit ihrer Ausstellung »Tatort Stadion«. Generell ist das öffentliche Interesse größer geworden, sich mit der Thematik auseinander zu setzen, gerade im Bereich Fußball. Öffentliche Bekenntnisse der Nazis sind deswegen weniger geworden, Fanstrukturen setzen sich mehr mit der Problematik auseinandersetzen. 

Und von offizieller Seite?

Frank Metzger: Da gibt es einen Wandel, seitdem Theo Zwanziger DFB-Chef ist. Gerhard Mayer-Vorfelder hat sich einen feuchten Kehricht darum gekümmert. Der ist ja selber nicht selten durch, sagen wir mal, nicht unproblematische Äußerungen auffällig geworden. Wie Zwanziger die Probleme Antisemitismus und Rassismus im Stadion nun angeht, darüber kann man sicherlich auch wieder streiten; aber dass er es macht, ist ein Riesengewinn.

Wie sollte man Ihrer Meinung nach gegen rechte Fans vorgehen, wenn Verbote wirkungslos sind?

Frank Metzger: Ich finde es wünschenswert, dass sich Fans intensiv mit der Problematik auseinandersetzen, dass sie wissen, was da passiert. Es ist ein Lernprozess. Die Zuschauer müssten noch stärker eine klare inhaltliche und politische Positionierung gegen neonazistisches Auftreten einnehmen. Die Leute müssen wissen, was Nazis ins Stadion tragen, und wie sie es tun. Nur dann können sie es den Nazis schwer machen, sich überhaupt zu präsentieren. Antisemitischen oder rassistischen Gesängen oder Sprüchen muss sofort widersprochen werden um klarzumachen: Das ist hier nicht erwünscht, das hat hier keinen Platz. An dieser Stelle möchte ich natürlich auch noch einmal auf unsere Broschüre  hinweisen, zu der wir auch Bildungsveranstaltungen anbieten.

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Frank Metzger ist Mitherausgeber der Broschüre »Das Versteckspiel. Lifestyle, Symbole und Codes von neonazistischen und extrem rechten Gruppen.«, die in Zusammenarbeit von asp (agentur für soziale perspektiven e.V.) und apabiz (antifaschistisches pressearchiv und bildungszentrum berlin e.V.) erschienen ist. www.dasversteckspiel.de

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