Fotos und Bericht: Fankongress 2012 in Berlin

Hört die Signale!

Auf dem Fankongress blieb die erhoffte Diskussion auf Augenhöhe zwischen Fans und Funktionären aus. Dennoch war die Veranstaltung in Berlin ein Erfolg, denn nie zuvor bekamen die Anliegen der Kurve einen solch großen Widerhall. Fotos und Bericht: Fankongress 2012 in BerlinKai Senf

Der Tag beginnt um 10:37 Uhr mit Musik und einem Video. Es gibt Synthie-Beats, es gibt einen Rap über »korrupte Polizisten« und die Wichtigkeit der Fankultur und es gibt Bilder vom Pokal-Spiel Dortmund gegen Dresden. Das heißt: Rauch, Pyro, der Dynamo-Block in Flammen. Aus dem Off die Stimme von Wolf-Dieter Poschmann. Er spricht von »Unverbesserlichen«, »Fans spezieller Sorte« und von »Stadionverboten«. Schließlich: Aufeinander gestapelte Fernseher, und auch Heribert Bruchhagen flimmert über einen Bildschirm. Er sagt: »Wir haben Glück, dass niemand getötet wurde.« Noch während er spricht, werden die Fernseher von einer Pressmaschine zerdrückt. Am Ende steht auf dem Schirm der Slogan »Schluss mit Populismus!« Der Fankongress 2012 beginnt mit einem Knall. Der Fankongress beginnt mit: Erst einmal durchatmen.

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Knapp 500 Besucher sind am Samstagmorgen im alten Berliner Kino »Kosmos« erschienen. Fans aus München, Fürth, Braunschweig, Hamburg, Dresden oder Aue sind gekommen. Ultras vornehmlich. Aktive Fans. Junge Fans. Absagen gab es aus Hoffenheim, Leverkusen, Mönchengladbach, Frankfurt, Cottbus und Ingolstadt. Die Idee für diesen selbstorganisierten Fankongress wurde vor einem Jahr geboren, auf einem Treffen der Initiative »Pro Fans« in Aachen. Es gilt das alte Motto: Getrennt in den Farben, geeint in der Sache.

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In zehn Kinosälen diskutieren heute Fanvertreter, Wissenschaftler, Journalisten, Ultras und Fußballfunktionäre unter der Fragestellung: »Wie sieht der Fußball in der Zukunft aus und welche Rolle spielen die Fans?« Nach der letzten großen Fandemonstration im Oktober 2010 setzt man nun auf Dialog statt Monolog. Dafür wurden zahlreiche wichtige Funktionäre eingeladen, auch solche, die man in der Vergangenheit scharf kritisiert hat. Gekommen sind: Hannovers Präsident Martin Kind, DFB-Sicherheitschef Hendrik Große Lefert und DFL-Geschäftsführer Holger Hieronymus.

»Man kann auch eine Doktorarbeit drüber schreiben«

Immerhin sind das die drei Personen, die in der jüngeren Vergangenheit zu den konkreten Gegenspielern der modernen Fankultur stilisiert wurden. Große Lefert hat unlängst die Pyro-Debatte für beendet erklärt, Hieronymus ist für die Vermarktung der Bundesliga verantwortlich und Kind fordert die Abschaffung der 50+1-Regel. »Das kann man so knapp formulieren, man kann aber auch eine Doktorarbeit drüber schreiben«, sagt Kind, väterlich.

In der Runde, an der Kind teilnimmt, zeigt sich genau diese Schwierigkeit. Es gibt zu viel zu sagen. Und so stellen nacheinander die Teilnehmer, etwa Robert Pohl von »Unsere Kurve« oder Fananwalt René Lau, ihre Schwerpunkte anhand von Powerpoint-Präsentationen vor. Das ist gut gemeint. Das sind aber in Gänze 90 Minuten Frontalunterricht. Ein Dschungel voller Details. Ist das der gewünschte Dialog?

Kurve, Cliquen, Freundschaften

Andere Veranstaltungen gehen ihre Themen offener an. Wirklich gelungen ist etwa die Diskussion um Identifikation im modernen Fußball. Hier sitzen unter anderem der Journalist Alexander Cierpka oder Volker Goll von der KOS (Koordinationsstelle Fanprojekte) vor einem diskussionsfreudigen Publikum. Die große Frage: Kann man sich noch mit seinem Verein identifizieren, wenn kaum ein Spieler länger als eine Saison bleibt und das Gebilde Fußballklub zunehmend einem abstrakten Wirtschaftunternehmen gleicht? Man spricht über die Sozialisierung in der Kurve, Cliquen, Freundschaften. Man spricht über die gute alte Zeit. Ein guter Beitrag kommt aus dem Publikum: Haben sich die Fans denn nicht immer schon über die Kurve und weniger über Vereinstraditionen und alte Werte identifiziert? Das angeführte Beispiel des FC St. Pauli, der sich im Dritten Reich in das NS-System einbinden ließ, spricht jedenfalls für die erste These.

Hitzig wird es beim Thema »Mehr als 90 Minuten«, eine Veranstaltung, die eigentlich zeigen will, dass Fanarbeit nicht nach dem Spiel endet. Allerdings wird hier vornehmlich über Ultras und Medien gesprochen. Peter Schüngel vom Institut für Fußball und Gesellschaft plädiert aufgrund der jüngsten Berichterstattung über Fußballfans für einen strikten Medienboykott vonseiten der Ultras. Rafael Buschmann von »Spiegel Online« widerspricht dem naturgemäß und wünscht sich eine Anlaufstelle für Journalisten, eine Art Pressesprecher der einzlenen Ultraszenen. Diese könne es den Medien ermöglichen, eine alternative Stimme zu den Polizeiberichten zu erhalten. Doch die Türen scheinen längst geschlossen.

Gefragtester Mann des Tages: Hendrik Große Lefert

Vor verschlossenen Türen stehen Medienvertreter auch bei der Diskussion »Funktioniert die Verregelung und Selbstregulierung von Fan-Gewalt?«. Der Hinweis: »Die Öffentlichkeit ist bei der Veranstaltung aufgrund der Brisanz des Themas ausgeschlossen.« Also wird auf den Fluren weiter diskutiert. Über Transparenz. Angebote an die Verbände. Dialogbereitschaft.

Und überall dort, wo eine Kamera von ARD, ZDF oder Sky leuchtet, wird über Pyrotechnik gesprochen. Gefragtester Mann des Tages ist Hendrik Große Lefert. Der DFB-Sicherheitschef wiederholt gebetsmühlenartig: »Wir haben uns dagegen entschieden.« Und: »Wir wollen keine Experimente mit der Sicherheit.« Das war’s. Von der Polizei ist niemand gekommen, Vertreter von der ZIS (Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze) wollten die Signale nicht hören.

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Philipp Markhardt, Sprecher von »Pro Fans«, findet das enttäuschend. Die Fans hätten schließlich einen offenen Austausch angeboten. Auch Fanforscher und Autor Jonas Gabler moniert, dass die erhoffte Diskussion auf Augenhöhe nicht stattfinden kann, da zu wenig Vereins- oder Verbandsvertreter den Weg nach Berlin gefunden haben.

»Der Dialog ist aufgrund von Fehlern von DFB und DFL eingeschlafen.«

Martin Endemann vom BAFF (»Bündnis Aktiver Fußball Fans«) lobt hingegen das »hohe Niveau« der Veranstaltung. Es sei beeindruckend, wie viele Fans sich sachkundig zu Fanbelangen und Themen wie 50+1 äußern können. »Das ist ein Angebot der Fans an den DFB und die DFL, den eingeschlafenen Dialog wieder aufzunehmen.« Dass die Dialogbereitschaft der Fans jedoch keine neue Entwicklung ist, schwingt mit, wenn er ergänzt: »Der Dialog ist aufgrund von Fehlern von DFB und DFL eingeschlafen.«

Unterm Strich ist der Kongress für die Fanszenen trotzdem ein Erfolg. Auch aufgrund des Medienechos, das noch 2011, nach dem Platzsturm in Frankfurt oder den Vorfällen beim Pokalspiel Dortmund-Dresden, selten positiv war. Am Samstagabend sind Philipp Markhardt und Jonas Gabler neben Hendrik Große Lefert zu Gast im ZDF-Sportstudio. Vor einigen Jahren wäre eine vergleichbare Konstellation in einem solchen Rahmen noch undenkbar gewesen. Markhardt weiß das aus eigener Erfahrung. Als Mitglied des »HSV Supporters Club« kennt er jedenfalls noch die Zeiten, in denen Fußballfans bei Vereinsvertretern wie Bittsteller auftraten. Der ehemalige HSV-Präsident Werner Hackmann beantwortete Anfragen von Fans gerne mit einem knackigen »Wollen Sie mich verarschen? Ich habe andere Probleme!«.

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