Fotograf Stuart Clarke über die Seele des englischen Fußballs

»Herzzerreißend schön«

Seit 1989 ist Stuart Clarke der Haus- und Hoffotograf der englischen Fußball-Kultur. Seine Bilder haben schon unzählige Seiten im 11FREUNDE-Magazin vergoldet. Jetzt erscheint eine Neuauflage seines Klassikers »The Homes of Football«. Stuart Clarke über seine Arbeit, seine Liebe – und sein Aha-Moment während der WM 2006.

Stuart Clarke
Heft: #
144

Die Leute fragen mich immer: Stuart, was fasziniert dich so am Fußball? Und ich antworte: Dass es ein Abenteuer ist.

Ein Abenteuer, das nicht nur 90 Minuten dauert, sondern schon Tage vor dem Spiel beginnen kann. Die 90 Minuten sind zwar das Tüpfelchen auf dem i, aber schon wenn ich am Montag an das kommende Wochenende denke, beginnt das nächste Abenteuer. Das liebe ich so an diesem Spiel, ich kann nicht genug davon kriegen. Vielleicht ist das auch der Grund, warum ich versuche, immer der Erste im Stadion zu sein. Ich will zumindest für wenige Augenblicke das Gefühl haben, dass das hier ganz allein meine Bühne, meine Party, mein Abenteuer ist.

Fußball fehlte die gesellschaftliche Relevanz – bis Heysel und Hillsborough

Ich bin 1961 in Berkhamsted/Hertfordshire geboren worden, nicht weit entfernt vom Stadion des FC Watford. Mein Großvater war eine Zeit lang Bürgermeister von Berkhamsted und war für den Bau von vielen Sportstätten der Umgebung verantwortlich. Mein Vater engagierte sich schon früh im örtlichen Jugend- und Amateurfußball – die Leidenschaft für den Sport wurde selbstverständlich auch an mich weitergegeben. Wenn ich nicht gerade zu den »Hornets« aus Watford ging, saß ich in der Stadt und zeichnete. Ich malte alles: Straßen, Häuser, Flüsse, Menschen. Menschliche Portraits waren eine echte Herausforderung, also fing ich an, mit meiner Polaroidkamera Bilder als Vorlagen zu schießen. Ich sah die Fotos und dachte mir: Warum willst du das jetzt noch zeichnen? Ein Fotograf wurde geboren.

Als Fotografie-Student der University of Westminster wollte ich selbstverständlich nicht weniger als mit meiner Kunst die Welt verändern. Ich wusste schon früh, dass ich ein bestimmtes Thema brauchte, um mich einzigartig zu machen. Ich war süchtig nach Konzerten und Festivals. Aber Musik war Ende der Achtziger fototechnisch genauso ausgelutscht wie Politik oder soziale Konflikte. Ich war noch immer verrückt nach Fußball, aber dem Spiel fehlte irgendwie die gesellschaftliche Relevanz.

Das änderte sich spätestens nach dem 15. April 1989. Die 96 Toten von Hillsborough waren ein Schock, Drama und Weckruf zugleich. Plötzlich merkten auch die, die Fußball zuvor für ein stupides Spiel von 22 Männern mit einem Ball gehalten hatten, dass es noch viel mehr war. Nach der Heysel-Katastrophe vier Jahre zuvor war das Image des englischen Fußballfans nun noch miserabler. Fans waren dumpfe Idioten, die Menschenleben auf dem Gewissen hatten. Der ominöse Taylor Report schien das auch noch politisch zu untermauern.

Fans sind Menschen, die sich irgendwann in den Fußball verknallt haben

Das konnte ich so nicht stehen lassen. Sicherlich, insbesondere der englische Fußball hat in diesen Jahren auf viele richtig üble Gestalten eine schon fast magische Anziehungskraft ausgeübt. Aber 99 Prozent der Zuschauer waren doch Menschen wie ich, die sich einst in den Fußball verknallt hatten und von dieser Liebe nicht loskamen.



(Foto: Stuart Clarke)

Ich wusste jetzt, in welches Thema ich meine ganze künstlerische Leidenschaft und meinen Ehrgeiz investieren würde und startetet mein Projekt »The Homes of Football«. Eine bis heute fortgeführte Sammlung von Fußball-Fotos. Quasi mein Tribut an die Fußball- und vor allem Fan-Kultur. Aufmerksame 11FREUNDE-Leser werden Auszüge dieser Strecke in den vergangenen Jahren regelmäßig im Magazin gefunden haben.

>>>> Ein kleiner Vorgeschmack auf Stuart Clarkes neuestes Machwerk – in unserer Bildergalerie!

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier extremistisches Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nicht akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!