17.07.2012

Filip Krstics Weg vom FC Valencia zum Berliner AK

Das lange Erwachen

Filip Krstic lebte vor fünf Jahren den Traum eines jeden Jugendkickers. Der Deutsch-Serbe wechselte von Hertha BSC zum FC Valencia und trainierte zusammen späteren Europa- und Weltmeistern. Weil die Spanier seine Ablöse nicht zahlten, war er jedoch nie spielberechtigt. Es war der Anfang einer verhinderten Karriere.

Text:
Christoph Erbelding
Bild:
imago / Privat

Ein Hauch von Don Vito Corleone lag in der Luft. »Ein Angebot, das man nicht ausschlagen kann«, nennt Filip Krstic rückblickend den Vertrag, der seine Fußballkarriere verändern sollte. Es läuft die Saison 2006/07, als ihn der FC Valencia haben will. Er soll einen Zwei-Jahres-Vertrag unterschreiben, dazu gibt es eine Option auf 36 weitere Monate. Nur Formsache, dass diese irgendwann gezogen wird, erzählen ihm die Spanier. Krstic ist 18 Jahre jung, serbischer Juniorennationalspieler, er hat sich bei der U17-EM mit Englands Theo Walcott duelliert.  Er ist Linksverteidiger, die werden bekanntlich immer gesucht, und aktuell Kapitän der A-Jugend von Hertha BSC. Zuvor spielte er jahrelang im Nachwuchs des FC Bayern München. Krstic könnte auch in Berlin versuchen, über die U23 in den Profikader vorzustoßen, einen Ein-Jahres-Vertrag hat er dort noch. Dazu rät ihm sein Vater. Der Berater Dusan Bukovac tut es nicht. Er hat den Valencia-Deal eingefädelt, die große Karriere geplant. Krstic hat eine Woche Bedenkzeit. Dann unterschreibt er. Der Traum kann beginnen.

Juli 2012. Filip Krstic sitzt in einem Hotel in Berlin-Mitte. Es gehört den Eltern seiner Freundin. Der gebürtige Münchner ist zurück in seiner Wahlheimat. Statt FC Valencia heißt sein Verein heute Berliner AK. Regionalliga Nordost statt Primera División. Die große Fußballwelt ist für ihn passé. Manchmal wird er noch daran erinnert, zuletzt bei der EM. Dort sah er die Weggefährten von einst, David Villa, Mats Hummels, Raul Albiol, Thomas Müller. Doch das ist lange her. »In meiner Karriere sind sehr viele Dinge sehr unglücklich gelaufen«, sagt der 23-Jährige und nippt an seinem Wasser. Aus den anvisierten fünf Jahren beim FC Valencia wurden gerade einmal sechs Monate. Gespielt hat für den spanischen Topklub nie. Der Traum war kurz. Das Erwachen dauert bis heute an.

Herumalbern mit David Villa

Als Krstic im Sommer 2007 nach Valencia kommt, scheint alles organisiert zu sein. Das Gehalt fließt regelmäßig. Genaue Zahlen will er nicht nennen, den Zehntausend-Euro-Bereich pro Monat gibt er zur Orientierung preis. Er bekommt eine eigene Wohnung, ein Auto, eine Mitarbeiterin auf der Geschäftsstelle spricht deutsch und kümmert sich um sämtliche Anliegen. Nur bei einer Sache sind auch ihr die Hände gebunden: Die Spielerlaubnis fehlt. »Der Sportdirektor Armadeo Carboni wurde entlassen, kurz bevor ich in Valencia ankam. Er hatte mich verpflichtet und wollte mich langsam ins Team einbauen. Der neue Sportdirektor (Angel Ruiz, d. Red.) hatte eine andere Philosophie, wollte lieber auf spanische Jugendspieler und nicht auf junge Ausländer setzen. Er plante nicht mit mir«, erläutert Krstic. Ruiz passt es in diesen Tagen sehr gut, dass Carboni die fällige Ablöse für Krstic – rund 350000 Euro – noch nicht nach Berlin überwiesen hat. Die Hertha pocht auf das Geld, Valencia weigert sich, es zu zahlen – Krstics Spielerlaubnis hängt in der Luft. Sie wird nie in Valencia ankommen.

Krstic trainiert fleißig. Der Trainer, Quique Sánchez Flores, lässt ihn mittun, auch wenn er ihn nicht einplanen kann. Der Großteil der Mannschaft akzeptiert ihn. »Wirklich große Spieler erkennt man daran, dass sie einem jungen Spieler immer helfen wollen«, lernt Krstic in dieser Zeit. David Villa, später Europa- und Weltmeister, ist so einer. Der Starstürmer muntert ihn immer wieder auf, nimmt ihn in den Arm, albert mit ihm herum. Nikola Zigic, der wie Krstic aus Serbien stammt, lernt mit ihm die spanische Sprache, isst mit ihm regelmäßig zu Mittag. »Ich habe mich nie einsam gefühlt in Valencia«, sagt Krstic. Doch bei Spielen in der Primera Divison, in der Champions League oder im Pokal sitzt er nur auf der Tribüne. Ein unbefriedigender Zustand, an dem sich auch nach Monaten nichts ändert. Krstic zieht die Konsequenzen, sieht sich nach Alternativen um. »Ich wollte nicht einfach meinen Vertrag absitzen.« Er spricht mit Berater Dusan Bukovac, der die nächsten Angebote an der Angel hat: FC Genua oder AS Livorno. Serie A, Italien. Nicht mehr die ganz großen Vereine Europas, aber das ist Krstic egal. Er will spielen, zu einer Mannschaft gehören. Er unterschreibt nach einem Probetraining für drei Jahre in Livorno. »Weil ich mich dort sehr gut aufgenommen gefühlt habe.«

Der AS Livorno steckt im Abstiegskampf, aber was für Krstic viel schlimmer ist: Das Warten auf die Spielerlaubnis geht zunächst weiter. Auch Livorno zahlt die von Hertha geforderte Ablöse erst mit Verzögerung. Erst Anfang März ist auch der letzte Cent seiner Ablöse in Berlin angekommen, darf Krstic in Pflichtspielen auflaufen. Es kommt zum Duell mit Giovanni Pasquale um den Linksverteidigerposten. Pasquale, der heute bei Udinese Calcio spielt, schenkt Krstic nichts. Um den neuen Kontrahenten einzuschüchtern, beginnt er immer früher mit dem Training als es der Trainer verlangt. Krstic eifert ihm nach. Nicht selten sind die beiden die ersten am Trainingsplatz. Doch letztlich spielt immer der erfahrenere Pasquale. Krstic kommt nur einmal, am letzten Spieltag – mittlerweile ist Livorno abgestiegen – zum Einsatz, wird bei der 1:2-Niederliage in Empoli eingewechselt. Es ist bis heute sein einziger Einsatz in einer europäischen ersten Liga.

Den erkrankten Vater stolz machen

Wenn es nach Dusan Bukovac gegangen wäre, hätte sich Krstics Reise quer durch die Welt fortgesetzt. Nach dem Ende der Saison 2007/08 holte er Angebote aus den ersten Ligen in Portugal, Zypern, ja sogar Dubai für seinen Klienten ein. »Ich war 19. Das war doch keine Perspektive für mich. Ich wollte lieber in Livorno bleiben.« Sein sechs Monate zuvor abgeschlossener Vertrag mit den Italienern galt jedoch nicht für die zweite Liga. Livorno bot ihm einen neuen Kontrakt an, allerdings mit weitaus weniger Gehalt. »Das wäre mir egal gewesen. Ich fühlte mich wohl, sah dort die Perspektive, zu spielen.« Doch die Verhandlungen gerieten schnell ins Stocken. Von Bukovac trennen mag sich Krstic zunächst aber nicht. »Berater haben sehr viel Einfluss auf einen jungen Spieler«, sagt er dazu heute. Sätze wie »Du bist wie ein Sohn für mich« beeindruckten ihn. So hielt sich Krstic in Livorno ein halbes Jahr fit, ohne dass sich vertraglich etwas tat. Erst dann trennte er sich von Bukovac. Zu spät: Livorno hat auf seiner Position mittlerweile für Nachschub gesorgt. Krstic muss endgültig gehen.  

Eineinhalb Jahre hat der Deutsch-Serbe als aktiver Spieler auf dem Buckel, in der Bilanz stehen bis zur Winterpause der Saison 2008/09 lediglich 32 Pflichtspiel-Minuten. »Als junger Spieler musst du spielen«, betont Krstic. Was er dort an Praxis verlor, wird er nie wieder aufholen können. Dazu kommt ein privater Schicksalsschlag. Krstics Vater erkrankt schwer an Kehlkopfkrebs. Da hat sich Krstic gerade Arminia Bielefeld angeschlossen. Jede freie Minute macht er sich auf den rund 700 Kilometer langen Weg nach München, um bei der Familie zu sein. »Ich hatte den Kopf nicht frei für Fußball. Mittlerweile habe ich gelernt, damit umzugehen. Doch das verpasste meiner Karriere einen Knick.« Krstic läuft parallel in der zweiten Bielefelder Mannschaft in der Oberliga auf und schielt nach oben. Er hat einen Förderer: Jörg Böhme, damals Kotrainer der Arminia-Reserve, empfiehlt den Cheftrainern (erst Michael Frontzeck, später Thomas Gerster) immer wieder, Krstic mal eine Chance zu geben. Doch sie kommt nicht. »Ich frage mich noch heute, warum man mich überhaupt geholt hat.« Nach einem Jahr bricht er in Bielefeld seine Zelte ab.

SV Babelsberg, SpVgg Unterhaching, FSV Frankfurt II – die weiteren Stationen offenbaren bei seiner Vorgeschichte einen sportlichen Absturz. Ein Probetraining bei New England Revolution hätte ihm um ein Haar einen Fünf-Jahres-Vertrag in der amerikanischen Major League Soccer gebracht. Warum er nicht unterschrieb? »In den USA wechselt man nicht zu einem Verein, sondern bindet sich an die Liga. Es besteht die Gefahr, herumgereicht zu werden, ein halbes Jahr hier, ein halbes Jahr dort zu spielen.« Davon hatte Krstic genug. Die großen Angebote werden vorerst nicht mehr kommen, das weiß er. Und ist gerade deshalb froh, zurück in Berlin zu sein. Dort kennt er das Umfeld und hat in Jens Härtel einen Trainer, der auf ihn baut. »Mein größter Fehler war es, in so jungen Jahren Berlin zu verlassen und zu Valencia zu wechseln«, gibt er zu. Mit dem großen Fußball hat er allerdings noch nicht zu 100 Prozent abgeschlossen. Aus einem ganz speziellen Grund. »Ich will versuchen, nochmal weiter nach oben zu kommen. Damit mein Vater stolz auf mich sein kann.«

 
 
 
 
 
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