Fans vs. Polizei – der ewige Konflikt

Mehr Dialog wagen!

Die Vorfälle im Nordderby haben wieder eines deutlich gemacht: das Verhältnis Fans/Polizei ist zerrütteter denn je. Der Weg zur Besserung führt über einen vernünftigen Dialog beider Lager. Aber der gestaltet sich schwieriger als erwartet. Fans vs. Polizei – der ewige Konflikt

Vorurteile, Klischees, verdrehte Wahrnehmung: Das Verhältnis zwischen der Polizei und deutschen Fußball-Fans bleibt das Dauerthema in der Szene. Kaum ein Spieltag, an dem nicht an irgendeinem Bahnhof, irgendeinem Stadion zwischen Freiburg und Rostock Polizisten auf Fans prallen – nicht selten haben die Konflikte Verletzte zur Folge, sehr häufig geraten Situationen außer Kontrolle. Und immer tiefer werden die Gräben zwischen beiden Lagern. In Bremen hätte das angespannte Verhältnis am vergangenen Wochenende fast einen Todesfall zur Folge gehabt; ein HSV-Anhänger musste noch im Stadion wiederbelebt werden, weil ein Konflikt zwischen Polizei und Hamburger Anhängern beinahe zu einer Massenpanik geführt hatte.

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Während sich der Fußball also immer mehr zu einer perfekt funktionierenden Bespaßungsmaschine entwickelt, wird das ohnehin miserable Verhältnis zwischen der Staatsgewalt und dem lautesten, weil aktivsten Teil der Fanszene, Woche zu Woche erneut auf die Probe gestellt. Besserung ist nicht in Sicht, obwohl beide Seiten seit Jahren nach Lösungen für die Vielzahl an Problemen suchen. Das Problem ist nur: So sehr sich Fans und Polizei um Annäherung bemühen, es fehlt eine gemeinsame Basis. Wie soll sich das nur ändern?

Kennzeichnungspflicht für Polizisten? »Nicht akzeptabel«

Alexander Bosch arbeitet für Amnesty International in der Themenkoordinierungsgruppe »Polizei und Menschenrechte«, seit Juli 2010 versucht die Organisation mit der Kampagne »Mehr Verantwortung für die Polizei« auch Fußball-Fans zu erreichen. Bosch und seine Kollegen treten mit konkreten Forderungen an die Polizei heran – und legen damit ihre Finger in offene Wunden. »Kennzeichnungspflicht« ist so ein zentrales Anliegen. Polizisten – ob im Stadion oder auf der Demo – sollen deutlich zu identifizieren sein und so Betroffenen von Polizeigewalt die Möglichkeit geben, entsprechend fundiert Beschwerden oder Anzeigen einzureichen. Das stößt auf wenig Gegenliebe bei der Polizei. »Das ist nicht akzeptabel«, sagt Jörg Radek, Mitglied des Geschäftsführenden Bundesvorstandes der Gewerkschaft der Polizei (GdP). Er sieht die Persönlichkeitsrechte der Beamten in Gefahr und befürchtet Übergriffe radikaler Gegner auf deren Familien. Bei Amnesty ist man sich darüber im Klaren, sagt aber: »Diese Befürchtungen sind unbegründet. Die Polizisten müssen nicht ihren Namen auf der Brust tragen, eine Identifikationsnummer reicht aus. Die kann bei jedem Einsatz geändert werden, um den Polizisten ausreichend Schutz zu bieten.«

Punkt Zwei in der Amnesty-Agenda ist eine »unabhängige Untersuchungskommission«. Alexander Bosch erklärt: »Immer wieder wird uns berichtet, dass Anzeigen von Fans mit Gegenanzeigen der Polizisten beantwortet werden. Unabhängig von den Anzeigen wegen Widerstand müssen alle Anzeigen gegen Polizisten wegen rechtswidriger Polizeigewalt schnell, umfassend und unabhängig bearbeitet werden. Da dies in vielen Fällen nicht erfolgt, setzen wir uns auch für unabhängige Untersuchungskommissionen ein.« Auch hier kommt die Antwort der Polizei prompt: »Das ist nicht nötig. Jede Anzeige, die gegen einen Polizisten läuft, wird von einer anderen Dienststelle ermittelt, und das nach festgelegten Regeln.« Ob das den von Kritikern angemahnten »Korpsgeist« und »Polizeiklüngel« umgeht, lässt sich allerdings nicht feststellen. Jörd Radek sagt: »Wenn es heißt: ›Ihr deckt euch ja alle gegenseitig‹, kann man genauso gut argumentieren, dass friedliche Fans Krawallmacher aus den eigenen Reihen decken. Welche Regeln gelten dort?« Wer hat Recht? Wo verlaufen die Grenzen?

Tatsächlich sind beide Seiten argumentativ näher miteinander verwoben, als zunächst angenommen. Die Kernthesen sind eindeutig: Kommunikation und Selbstregulierung sind derzeit die einzigen Möglichkeiten um die »verkrusteten Strukturen« (Radek) aufzubrechen. »Auf Treffen mit Fußball-Fans erlebe ich es immer wieder: Die Polizei ist Spielverderber, den Beamten vor Ort wird misstraut. Ich verstehe das Bedürfnis nach Aufklärungsarbeit, wenn sich eine Situation – wie aktuell in Bremen – so entwickelt. Aber wir leben eben nicht in einem Polizeistaat – die interne Aufklärungsarbeit findet ja statt! Sie können sicher sein, dass das Verhalten der Polizisten im Bremer Weserstadion akribisch untersucht wird.« Radek fordert die Selbstregulierung vor allem innerhalb der Fanszene. Von Fans größtenteils gebilligte Kriminaldelikte, wie Schalklau oder der Angriff auf gegnerische Anhänger, »sind ein Beleg dafür, dass einigen Fußball-Fans das nötige Unrechtbewusstsein fehlt.«

Jede Woche schwere Straftaten

Der GdP-Sprecher steht mit dieser Meinung nicht alleine da. In einem Interview mit der »Süddeutschen Zeitung« bestätigte Michael Gabriel, Leiter der Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS), bereits vor einigen Monaten: »Große Teile der Fanszene tolerieren ein Verhalten, dass mit positiver Fankultur nichts mehr zu tun hat: Schals klauen, Fahnen klauen, andere Gruppen oder Fan-Treffs angreifen – da machen viel zu viele Leute mit. Wenn Rainer Koch (Vizepräsident des DFB, d. Red.) sagt, dass Woche für Woche schwere Straftaten begangen werden, dann kann man dem kaum widersprechen.« Die Folgen dieser Wahrnehmungen von Seiten der Polizei sind gravierend. »Ich gebe zu, dass die Einstellung der Polizei gegenüber bestimmten Fangruppen von deren Auftreten beeinflusst ist«, sagt Jörg Radek, »aber wir richten uns auch nach unseren Erfahrungswerten.« Heißt im Klartext: Wer im Vorjahr Mist gebaut hat, kann sich sicher sein, dass er im nächsten Jahr mit einer gehörigen Portion Misstrauen seitens der Polizisten empfangen wird.

Andersherum ist es natürlich genauso. Polizisten aus Bremen haben bei Hamburger Fans seit jeher einen miserablen Ruf. Die Szenen nach dem Ende des vergangenen Nordderbys dürften dieses Verhältnis nur noch verschlechtert haben. Dabei taucht in der Suche nach den Schuldigen für die 24 Verletzten aus dem Weserstadion ein neuer Buhmann auf: Die Deutsche Bahn. Die Konfrontation zwischen Fans und Polizisten war nämlich erst deshalb ausgeartet, weil der Einsatzleiter die Gäste aus der Hansestadt laut Informationen von SPIEGEL Online mehr als 40 Minuten lang im Stadion zurückhielt – ausgerufen waren 20 Minuten. Erst als HSV-Anhänger Richtung Ausgang drängten, um den letzten Zug in die Heimat nicht zu verpassen, brach das Chaos los. »Die Deutsche Bahn ist längst in der Pflicht«, kritisiert GdP-Mann Radek und nennt das Unternehmen »unflexibel«. »Hätte die Bahn dem Bremer Einsatzleiter die Zusicherung gegeben, dass der Zug nach Hamburg am Bahnhof so lange gewartet hätte, bis alle Fans ihn erreicht hätten, hätte es wohl niemals Verletzte gegeben.«

Vielleicht fehlt der Schiedsrichter mit Fingerspitzengefühl

Es sind auf den ersten Blick Kleinigkeiten, die das Verhältnis zwischen Polizei und Fans zu einem einzigen großen Missverständnis haben werden lassen. Diese Kleinigkeiten zu beseitigen ist die zentrale Aufgabe der nächsten Jahre innerhalb der Fanszene. Kein Zweifel: Eine Lösung für alle diese Probleme wird es nie geben, wohl aber Versuche zur Besserung der bestehenden Verhältnisse. Grundvoraussetzung dafür: Offene und dauerhafter Dialog zwischen beiden Parteien. Dass dieser bereits im Gange ist, ist ein gutes Zeichen.

Vielleicht fehlt dem Dialog noch das, was auch Amnesty-Sprecher Alexander Bosch vermisst: »Der Dialog ist da, das ist der richtige Weg. Was jetzt noch fehlt – um in der Fußballsprache zu bleiben – ist das nötige Fingerspitzengefühl.« Was wiederum vermuten lässt: Vielleicht fehlt einfach der richtige Schiedsrichter.

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