Fans übernehmen Klub

Revolution an der Graswurzel

20.000 Internetnutzer haben den Verein Ebbsfleet United übernommen. Für 50 Euro Jahresbeitrag können sie bei der Mannschaftsaufstellung mitreden - und nicht nur das. Ein Besuch bei dem kleinen englischen Klub. Imago Vier Stunden noch bis zum Spiel, und einer ist schon da. Ein älterer Herr in Gummistiefeln stellt Plastikhütchen auf dem Parkplatz vor dem Stadion auf. Er stapft durch den Matsch und watet durch riesige Pfützen. "Hallo, ich bin der Platzwart, kann ich Ihnen helfen?", fragt der freundliche Herr. Was hält er von der Übernahme seines Klubs? "Eine wunderbare Sache", sagt er und lacht. "Ich bin dabei. Jetzt kann ich mitreden bei der Aufstellung des Teams."

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Der regenbeständige Platzwart heißt Peter Norton, ist 72 Jahre alt und neuerdings einer der rund 20.000 Eigner des Ebbsfleet United FC. Vergangene Woche übernahm die Internetseite myfootballclub.co.uk den fünftklassigen Fußballklub in der Grafschaft Kent, östlich von London. Per Tastatur und Bildschirm dürfen die weltweit verstreuten Teilhaber künftig über die Geschicke des Fünftligisten mitbestimmen. 50 Euro Jahresbeitrag zahlt jeder von ihnen dafür an den Verein.

Das hier ist die Wirklichkeit

Das Projekt soll ein Zeichen sein gegen den Fußball als großes Geschäft. Gegen die Tycoons und Oligarchen, denen vor allem der Fußball auf der Insel in die Hände fiel. Und es soll beweisen, dass Fans nicht nur nörgeln können, sondern am Ende die besseren Klubfunktionäre sind. Fast wie im digitalen Managerspiel - doch das hier ist die Wirklichkeit.

Inmitten von Schornsteinen und einem Gewirr von Stromleitungen ragen die Flutlichtmasten des Stadions Stonebridge Road auf. Ebbsfleet ist ein Industriegebiet, ein Teil der Gemeinde Northfleet am Südufer der Themse. Die Lampen der Fabriken erleuchten mit dem Flutlicht den dunstigen Abendhimmel. Vor allem Zement wird hier produziert. Hinzu kommen viele kleinere Betriebe: vom Möbelhersteller bis zur Autowerkstatt. Mit seinen Wellblechdächern wirkt das kleine Stadion selbst wie ein Gewerbehof. Drumherum wird gebaut. Eine geschäftige Gegend braucht neue Wohnungen. Die Siedlungen werben aber auch um Pendler aus London. Hier draußen ist es nicht unbedingt schön, aber günstiger als in der überteuerten Haupstadt.

Innerhalb weniger Tage brach die weite Welt über Northfleet und seine 13.000 Einwohner herein. Ganz in der Nähe des Stadions eröffnete "Ebbsfleet International", ein neuer Bahnhof für den Eurostar auf seinen Fahrten zwischen London und Paris. Fast zeitgleich kam die Nachricht von der Übernahme, von Tausenden Fußballfans in Deutschland, Japan und sonstwo auf der Welt, die nun das Sagen haben bei dem Klub, der erst kürzlich seinen Namen von Gravesend & Northfleet FC in Ebbsfleet United änderte und dazu passend den Eurostar zu seinen Sponsoren zählt.

Dem harten Kern der Fans missfiel schon die Umbenennung. Einige Dutzend stehen auch an diesem regnerisch nebligen Abend auf der klapprigen Tribüne hinter einem der Tore. Im Kent Senior Cup geht es gegen Ramsgate, vor ein paar hundert Zuschauern. Wer nach der Übernahme fragt, bekommt Schimpfwörter auf die Klubführung zu hören, von denen "fucking bastards" noch das freundlichste ist. "Schon bei der Umbennennung haben sie uns vor vollendete Tatsachen gestellt", sagt ein Fan im roten Klubtrikot. "Und jetzt das." Seinen Namen will er lieber nicht nennen. "Dieses Experiment kann für uns nach hinten losgehen", sagt ein anderer Fan. "Was ist, wenn die Teilhaber die Lust verlieren?" Vorstandsmitglied Roly Edwards sieht darin kein Problem. "Wir machen keine Schulden", sagt er. "Die Teilhaber wollen kein Geld." Das Risiko sei überschaubar, die bislang eine Million Euro der Teilhaber flössen in den Aufbau einer starken Mannschaft.

"Ich freue mich auf die Herausforderung", sagt der Trainer

Bei diesem Thema sind sich auch die Fans einig: Das mit dem Geld, das sei schon okay. Aber wie sollen Zehntausende gemeinsam ein Team aufstellen? Trainer Liam Daish, einst Profi unter anderem bei Birmingham City und Coventry City, glaubt, damit umgehen zu können. "Ich freue mich auf die Herausforderung, gemeinsam mit so vielen Teilhabern ein Siegerteam aufzubauen", sagt Daish. Er ist sicher, dass es bei der Aufstellung letztlich doch auf ihn ankommt. Dass die Teilhaber seinen Vorschlägen folgen, die er ihnen per Internet zur Abstimmung vorlegt. Dann will Ebbsfleet United möglichst bald in die vierte Liga, die unterste durchgehend professionelle Spielklasse aufsteigen. Schon im Januar soll ein Teil des Geldsegens in Transfers investiert werden. Vielleicht gelingt der Aufstieg dann ja noch in dieser Saison, obwohl Ebbsfleet zurzeit nur Tabellenzehnter ist.

James Appiah freut sich über die neuen Perspektiven seines Lieblingsvereins. Er wohnt in der Nähe und geht seit sieben Jahren zu "The Fleet". Der 42-jährige Fan möchte jetzt auch beim Internet-Projekt dabei sein. Bald will er sich anmelden. Außerdem kann er sich vorstellen, im nächsten Jahr auf seine fast 2000 Euro teure Jahreskarte beim FC Arsenal zu verzichten und lieber für ein paar hundert Euro nur noch zu Ebbsfleet zu gehen. Das wäre genau der gewünschte Effekt dieser digitalen Revolution an der Graswurzel.

Appiah glaubt, dass der englische Fußball mit seinen vielen Fans weltweit ideal ist für ein solches Projekt. "Ich bin in England geboren, meine Familie kommt aus Ghana", sagt James Appiah. "In Ghana sind englische Klubs sehr populär. Und überall sonst in Afrika." Sogar unterklassige englische Vereine seien dort sehr bekannt, weil auch bei ihnen viele Afrikaner oder Briten afrikanischer Abstammung spielten. James Appiahs Sohn Kwesi wird an diesem Abend eingewechselt, beim souveränen 3:1-Sieg gegen Ramsgate. Würde er seinen Sohn als Miteigner dann immer aufstellen? "Wenn er schlecht spielt nicht", sagt James Appiah. "Das habe ich ihm auch schon klar gemacht."


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