Fans kaufen spanischen Profiklub

Oviedo für alle

Warum kaufen 40.000 Fans aus aller Welt Aktien des spanischen Zweitligisten Real Oviedo? Weil sie den Fußball lieben.

Ben Roberts

Néstor Susaeta besorgte die Ecke und David Fernández den Moment, auf den sie so lange gewartet hatten. Als der Ball im Netz zappelte, schrie Míguel Fernandi: »Tor!« Er schrie und seine Stimme brach. Jene Stimme, die Real Oviedo mehr als zehn Jahren lang begleitet hatte. »Tor! Tor! Tor! Tor! Tor!«, schrie er immer wieder, fast eine halbe Minute lang. »Tor für Real Oviedo! Danke, David Fernández. David, ich liebe dich!«

Der Klub hat einen prominenten Fan: Juan Mata

Auf einem staubigen Parkplatz unweit des Stadions Ramón Carranza in Cádiz, wo das Spiel ausgetragen wurde, standen 150 Oviedo-Fans, die am Eingang des bereits überfüllten Stadions trotz gültiger Tickets abgewiesen und von der Polizei zurück zu ihrem Bus geleitet worden waren. Damit wurden sie um die Chance gebracht, den Moment, den sie nicht nur herbeigesehnt, sondern für den die meisten von ihnen auch hart gearbeitet hatten, mit eigenen Augen mitzuerleben. Stattdessen lauschten sie Fernandi am Radio und sprangen vor Freude herum, ebenso wie 2000 weitere Fans im Stadion, die mehr Glück gehabt hatten als sie.

Daheim in Oviedo, auf der anderen Seite von Spanien, sah sich Juan Mata, der Spielmacher von Manchester United, das Spiel mit seinen Großeltern im Fernsehen an. Mata stammt aus Oviedo und spielte, bis er 15 Jahre alt war, für den Klub. Jetzt konnte er die Tränen kaum zurückhalten. Auch sein Großvater, Stammgast in Oviedos Stadion Carlos Tartiere, war tief bewegt. Matas Vater war unten in Cádiz im Stadion und schickte von dort eine SMS nach der nächsten. Vom Balkon seines Großvaters schaute Mata hinab auf die Plaza América, wo Fans in blauen Trikots in den Brunnen sprangen. Dort, wo Real Oviedo traditionell seine großen Siege feierte und überall sonst hatten die Feierlichkeiten begonnen.

Anhänger auf der ganzen Welt

»Überall« ist in diesem Fall keine Übertreibung. Real Oviedo, ein Fußballklub aus einer Stadt mit 223 000 Einwohnern, ein geschichtsträchtiger Verein, der aber seit 14 Jahren nicht mehr in der ersten spanischen Liga gespielt hat, hat heute Fans nicht nur in Oviedo, in Asturien oder dem restlichen Spanien. Er hat Fans in London, Berlin und Portland. Er hat Fans in fast 140 Ländern auf der ganzen Welt. Und ich will es nicht verheimlichen: Auch ich bin einer dieser Fans. Nicht weit von Madrid schaltete ich den Fernseher aus, setzte mich ins Auto und fuhr ins Krankenhaus, wo meine Frau seit einem Monat lag, und überbrachte ihr die Neuigkeit.

»Verdammte Hacke, es ist wirklich passiert.«

Wirklich passiert war dies: Mit seinem Tor hatte David Fernández den Aufstieg Oviedos in die zweite spanische Liga perfekt gemacht. Nach zwölf Jahren war der Klub wieder in eine Liga zurückgekehrt, ab der man in Spanien von Profifußball spricht. 2001 aus der ersten Liga abgestiegen und ein Jahr später aus der zweiten, hatte der Klub ein Jahrzehnt entweder in der drittklassigen Segunda División B verbracht, die aus vier Gruppen zu je zwanzig Vereinen besteht, oder gar noch eine Etage tiefer in der Tercera División, die 18 regionale Ligen umfasst. Ein geschichtsträchtiger Klub, der 38 Jahre im Oberhaus verbracht und im Europapokal gespielt hatte, hatte in Stadien antreten müssen, vor denen es nicht einmal genug Platz für den Teambus gab, und spielte auf Plätzen, die bessere Äcker waren.

Sein erstes Spiel kommentierte Fernandi im November 2003 für den Lokalsender Radio Sele. Oviedo siegte damals 3:1 gegen den großen Rivalen Sporting Gijón – oder ehrlich gesagt: dessen zweite Mannschaft. So weit unten waren sie angekommen.

Wiedererweckung in Oviedo

Mehr als ein Jahrzehnt lang spielte Oviedo in Stadien, wohin die Zuschauer in gerade mal dreistelliger Zahl kamen, außer wenn Real zu Besuch war. Aber: Die Fans kamen weiterhin. Manchmal war es erniedrigend, aber dann fanden sie ihren Stolz wieder und zugleich auch Demut. Aus den Kämpfen, die anstanden, erwuchs nach und nach eine eigene Identität. Der Abstieg führte zu einer Art Wiedererweckung der Fans von Real Oviedo. Und wer weiß, vielleicht ist es sogar eine für die Fußballanhänger in ganz Spanien.

Als Oviedo vor zehn Jahren in der vierten Liga gegen den Stadtrivalen Club Astur spielte, war die Naranco-Tribüne im Stadion Tartiere voll besetzt. Das wäre nicht weiter bemerkenswert, allerdings wurde das Spiel nicht im Tartiere ausgetragen, sondern auf einem städtischen Kunstrasenplatz dahinter, der nur 1000 Zuschauern Platz bot, nicht annähernd genug für die Anhänger der Gäste. Also öffnete Oviedo das Tartiere und ließ 2500 Fans ein, die einen freiwilligen Obolus entrichteten, um dem Spiel vom eigenen Stadion aus zuzuschauen. Ein Auswärtsspiel, das man sich quasi von zu Hause aus ansehen konnte.

Das Bild hatte Symbolcharakter, erst recht angesichts des Gegners. Oviedos Erzrivale ist traditionell Sporting Gijón, doch selbst der bekam nie auch nur annähernd die Verachtung zu spüren, wie sie Astur damals vorbehalten war. Astur war nämlich Profiteur der Krise bei Real, als massive Schulden und politische Machtkämpfe in der Stadt den Klub in den Abgrund zu reißen drohten.

Verbindlichkeiten, Abgänge, Abstiege

Angesichts von Verbindlichkeiten von mehr als 20 Millionen Euro hatte es nach dem Abstieg 2001 nur um die sofortige Rückkehr ins Oberhaus gehen können. Aber nach einigen schmerzhaften Abgängen, darunter Torwart Esteban zu Atlético Madrid, wurde Oviedo Vorletzter und stieg erneut ab. Schlimmer noch: Es ging gleich zwei Etagen tiefer hinunter.

Einige Spieler waren nämlich nicht bezahlt worden und hatten die Spielergewerkschaft AFE eingeschaltet. Als Oviedo eine Zahlungsfrist verstreichen ließ, war das Schicksal des Klubs besiegelt. Die Spieler gingen, der Verein erhielt keine Ablösesummen und wurde in die vierte Liga zwangsversetzt. Der Bürgermeister von Oviedo, Gabino de Lorenzo sprach vom »Ende von 77 Jahren Geschichte.« Für ihn stellte sich die Sache so dar, dass der überschuldete Klub in der Viertklassigkeit keine Chance hatte. »Den Verein künstlich am Leben zu erhalten, würde bedeuten, die Fans erneut zu betrügen. Dies ist ein Bankrott von der Größe einer Kathedrale, und das Einzige, was noch bleibt, ist die Sterbeurkunde zu unterschreiben«, erklärte er.

Was der Bürgermeister dann auch gleich noch tat, oder zumindest glaubte er, es zu tun. Gabino strich die städtischen Mittel für den Klub und machte sich stattdessen für ein anderes Team in der Stadt stark, besagten Astur Club de Fútbol. Ein Klub praktisch ohne soziale Basis in der Stadt, der nie höher als viertklassig gespielt und den Großteil seiner Geschichte in regionalen Ligen zugebracht hatte.

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