Fanprotest in der Schweiz

Kunst gegen Kultur

Nach Fanprotesten bekommt das neue Stadion des Schweizer Klubs FC Luzern nun doch keinen Kunstrasen. Der Luzerner Kunstrasen-Gegner Stefan Gasser sagt, wie protestiert wurde und warum nun doch auf Natur gespielt wird. Fanprotest in der Schweiz Stefan Gasser, wann erfuhren die Fans des FC Luzern vom Vorhaben des Vereins, im neuen Stadion auf Kunstrasen zu setzen?

Im Sommer 2009 war das letzte Spiel im alten Stadion, dann begann der Abriss. Am 23. Dezember wurde uns dann der definitive Beschluss des Vereins, in der neuen Arena Kunstrasen zu verlegen, mitgeteilt – sozusagen als Weihnachtsgeschenk...

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Wann und wie formierte sich der Protest auf Fanseite?

Schon im Dezember 2008 waren die ersten Gerüchte aufgekommen. In den Vereinsorganen und in Interviews drückten die Verantwortlichen immer öfter ihre Tendenz zu Kunstrasen aus. Die Indizien sprachen klar für Kunstrasen.

Hat der Verein die Fans über das Thema Kunstrasen informiert?

Es hieß immer, wir würden über alle wichtige Themen rund um das neue Stadion informiert. Das war aber diesbezüglich nicht der Fall. Wir wurden in die Diskussion zunächst nicht einbezogen – erst als der Kunstrasen schon beschlossen und unser Protest angelaufen war.

In welcher Form haben Sie gegen den künstlichen Belag protestiert?

Beim Spiel gegen Basel wollten wir im ganzen Stadion rote Pappen verteilen, untermalt mit dem Spruchband »Wir zeigen dem Kunstrasen die rote Karte!« - jeder Zuschauer hätte selbst entscheiden können, ob er die Karte hochhält oder nicht. Wir hatten sogar schon die Pressemitteilungen fertig, als dann in letzter Minute der Verein die Aktion verboten hat – FCL-Präsident Walter Stierli begründete das Verbot offiziell damit, sie würde zu viel Müll verursachen. Letztendlich durften wir die Karten dann nur in der Fankurve zeigen.

War das Aktionsverbot ein Novum?

Uns wurden vorher noch nie irgendwelche Aktionen verboten. Aber das war ihnen anscheinend dann nicht mehr so geheuer... Das Votum der Fankurve war dann aber eindeutig – es war fast alles rot. Dadurch kam dann auch die Diskussion in den Medien auf – darüber, dass der Verein die Stimme der Fans nicht hören will und sogar Angst davor hat.

Wie ging es weiter?

Nach der Aktion im Spiel gegen den FC Basel und der öffentlichen Reaktion darauf wurden wir vom Verein doch zu Gesprächen eingeladen, bei denen wir uns gegenseitig unsere Standpunkte klar machten. Mittels gezielter Leserbriefe wurde das Thema zudem im Fokus der Öffentlichkeit gehalten.

Die Klub-Offiziellen ließen sich also durch die Protestaktion zum Dialog bewegen?

Sie waren wohl schon sehr erstaunt über solch eine Aktion. Das mag ein Grund dafür gewesen sein, dass wir uns zusammen setzen konnten und unsere Standpunkte ausgetauscht haben. Aber ich bin realistisch: Schlussendlich war es sicher nicht in erster Linie unser Verdienst, dass das Stadion nun Naturrasen statt Kunstrasen bekommt.

Sondern?

Mit Naturrasen ist mittlerweile die Chance extrem gestiegen, hier in Luzern Länderspiele austragen zu können, nachdem die Nationalmannschaft in St. Gallen zwei Mal ausgepfiffen wurde. Luzern ist damit zu einem der letzten Standorte für »kleine« Länderspiele geworden. Davon erhoffen sich die Verantwortlichen Zusatzeinnahmen, nachdem sie wohl einsehen mussten, dass Kunstrasen doch nicht den erhofften Geldsegen durch Drittveranstaltungen wie Konzerte bringen wird.

Also eine politische Entscheidung?

Ganz klar. Interessanterweise führt der Verein jetzt teilweise die gleichen Punkte als Argumente für den Naturrasen auf, die er vorher für Kunstrasen ins Feld geführt hat.

Worum ging es Ihnen bei Ihrer Argumentation für Naturrasen?

Darum, dass die Identität des Fußballs beibehalten wird. Luzern war immer schon ein Verein, der sich seine Siege hart erarbeitet hat. Die Innerschweiz und der FCL-Anhang waren schon immer eher konservativ-bodenständig und verlangten von den Spielern vor allem Einsatz, Kampf und Schweiß. Da ist es komisch, dass wir auf einmal den Ballkünstlern aus den Großstädten nacheifern wollen. Das ist ein totaler Mentalitätsbruch.

Ist Kunstrasen für Sie auch ein Symbol für die Kommerzialisierung im Fußball?

Auf jeden Fall. Schon der Verkauf des altehrwürdigen Namens Allmend war ziemlich einschneidend (der FC Luzern spielt nach Fertigstellung in der Swissporarena, die Red.) und für mich eigentlich unakzeptabel. Mit der zusätzlichen Verlegung von Kunstrasen wäre man bei der Kommerzialisierung so weit gegangen wie noch kein anderer Verein in der Schweiz.

Inwiefern nimmt der Verein – außerhalb der Kunstrasenfrage – beim neuen Stadion, das im kommenden Jahr eingeweiht wird, auf die Fans Rücksicht?

Es wird auf jeden Fall Stehplätze geben, nach aktuellem Stand fast über den gesamten Hintertorbereich. Diese Forderung von uns Fans wurde vom Verein eigentlich auch nie wirklich in Frage gestellt. Außerdem geht es unter anderem noch darum, dass wir genügend Flächen für Fanfahnen erhalten – möglichst alle, die nicht für Werbung genutzt werden. Ziemlich vieles ist aber noch vage. Wir stehen aber im ständigen Dialog.

Gab es in der Kunstrasenfrage Solidarität von anderen Schweizer Vereinen?


Bei uns in der Schweiz ist das eigentlich nicht so üblich. Sicher, es gab ein paar Plakate gegen die Stadion-Umbenennung, zum Beispiel von den Fans des FC Basel. Aber Solidarität mit anderen Szenen ist diesbezüglich eigentlich nicht nötig, bringt nichts und fand auch nicht statt.

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