Fanprojekte vs. Polizeigewerkschaft

Gewalt aus dem Bastelraum

Die kommunikative Zusammenarbeit zwischen Fanprojekten und Polizei galt einst als Allheilmittel für die Gewalt in der Kurve. Doch die jüngsten Konfrontationen zeigen: die Gräben zwischen Fans und Polizei sind weiterhin vorhanden. Fanprojekte vs. Polizeigewerkschaft Mannheim, 2. September 2009. Während der Regionalliga-Partie zwischen Waldhof und den Gästen von Kaiserslautern II kommt es bereits während des Spiels zu Konfrontationen zwischen der Polizei und Fans beider Vereine. Im Stadion fliegen Raketen und Bengalos auf den Rasen, in der 55. Minute wird das Spiel für 20 Minuten unterbrochen. Nach offiziellen Angaben werden acht Polizisten leicht verletzt, das Fernsehen zeigt Bilder von marodierenden Fußballfans in den Straßen von Mannheim. Die Medien berichten von gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Anhängern und Polizei, Hooligans in Mannheim, Krawallmacher aus Kaiserslautern. Man kennt die Bilder, man kennt die Berichte.

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Jörg Rodenbüsch ist Sprecher der Bundesarbeitsgemeinschaft der Fanprojekte Süd. Nach dem Spiel in Mannheim hat er viel zu tun. Im Gespräch mit 11FREUNDE stellt er die These auf: »Wenn die Basics stimmen, müssen wir uns um irgendwelche Auswüchse, egal in welcher Liga, keine Gedanken mehr machen.« Basics? »Wir müssen es schaffen, dass Fußballfans, insbesondere bei diesen sogenannten Risikospielen, so stressfrei wie möglich anreisen, abreisen und das Spiel erleben können.« Laut Rodenbüsch wurden im Vorfeld der Partie in Mannheim folgenschwere Fehler gemacht.

Man kennt die Bilder, man kennt die Berichte

Der Sonderzug, der Fans aus Kaiserslautern zum Waldhof bringen sollte, hielt zwar in Kaiserslautern, nicht aber an den Bahnhöfen Schifferstadt und Ludwigshafen, wo am 2. September »mehrere hundert Fans« (Rodenbüsch) die Bahn vorbeirauschen sahen. Die Anhänger vom Betzenberg mussten sich mit S-Bahnen und Shuttlebussen nach Mannheim transportieren lassen. »Da war die Stimmung schon gereizt«, sagt Rodenbüsch. In Mannheim erwartete die ohnehin verspätete Fangruppierung ein Kessel der Polizei, der die ungeduldigen Anhänger lange warten ließ. Die Stimmung drohte erneut umzukippen, »bis die Polizisten eine findige Idee hatten«, beschreibt der BAG-Sprecher die Situation am Bahnhof. Per Lautsprecherdurchsage gaben die Beamten die beruhigende Information aus, dass die Partie am Waldhof erst dann angepfiffen werden würde, wenn auch der letzte Fan aus Kaiserslautern das Stadion betreten habe.

Entschuldigen Sie bitte: Ist das der Sonderzug nach Mannheim?

18 Uhr. Im Waldhof-Stadion pfeift Schiedsrichter Tobias Weiz die Partie pünktlich an, schon bald erfährt das der erste Fan aus dem wartenden Auswärtspulk via Handy. Die Wut auf die Polizei, die scheinbar absichtlich eine Falschmeldung verbreitet hat, wächst. Endlich wird die Menge zum Stadion begleitet. An den Eingangstoren müssen sich die Fans einer äußerst gründlichen Leibesvisitation unterziehen, das Spiel ist bald seit einer halben Stunde im Gange. Die Wut entlädt sich schließlich in den ersten Rangeleien, die Polizei reagiert mit Pfefferspray, Schlagstock und Schäferhunden. Die bereits im Stadion stehenden Kaiserslauterer hören den Lärm und vermuten einen Übergriff der Mannheimer, »also ist ein ganzer Pulk von Leuten aus dem Block gerannt«, sagt Rodenbüsch. Die Polizisten, nunmehr von zwei Seiten bedrängt, müssen sich verteidigen. Als von dritter Seite auch noch Waldhof-Anhänger auftauchen, ist das Chaos perfekt.

In den Tagen nach den Krawallen in Mannheim erscheint Ausgabe 41 der Online-Infobroschüre der Gewerkschaft der Polizei (GdP) Baden-Württemberg. Die für jeden User frei zugängliche »GdP-digit@l« veröffentlicht als Aufmacher eine GdP-Pressemeldung vom 10. September 2009: »Hat die ´gewaltbereite´ Mannheimer Ultras-Szene einen eigenen `Bastelraum´ im Carl-Benz-Stadion?«: »Mannheim: Mit Entsetzen hat die Gewerkschaft der Polizei (GdP) eine Meldung zur Kenntnis genommen, wonach im Mannheimer Carl-Benz-Stadion die gewaltbereite Ultras-Szene einen eigenen ´Bastelraum´ unterhalb der Tribüne (Waldhofblock), haben soll.« 

Die Reaktion der Mannheimer Ultras lässt nicht lange auf sich warten: beim nächsten Heimspiel prangt über der Choreo ein Plakat mit der Aufschrift: »Made in ´Bastelraum´«. »Gerade ein Transparent beim gestrigen Spiel, bestätigt den Verdacht der GdP, dass im sogenannten `Bastelraum´ Straftaten (hier Beleidigungen) vorbereitet werden. Darum lassen wir da nicht locker«, verkündet »GdP-digit@l« und meint die in die Kurvenchoreographie »integrierte Beleidigung« A.C.A.B. (All Cops are Bastards).

»Made in ´Bastelraum´«

»Die GdP tut ihren Kollegen vor Ort einen Bärendienst, wenn sie so platt über die Vorfälle berichtigt«, behauptet Jörg Rodenbüsch, der seit Anfang der achtziger Jahre als Fanbetreuer und Projektler arbeitet. »Dadurch läuft man Gefahr, dass sich Ultras bundesweit gegen die Polizei solidarisieren.« Im Frankfurter Waldstadion wurden bereits die ersten Banner gesichtet, die direkt auf den Mannheimer Vorfall Bezug nahmen. Möglicherweise hat die GdP unnötig einen Stein ins Rollen gebracht. Weitere Auszüge aus dem Gewerkschaftsblatt lassen das zumindest vermuten. Bezug nehmend auf die Aussage eines »Waldhof-Insiders«, der den Beamten mitgeteilt haben soll, dass ein »einschlägig als gewaltbereiter ´Fußballfan´« die »Schlüsselgewalt« für den Mannheimer Bastelraum besitze, liest man auf Seite zwei der »GdP-digit@l«: »Demnach lagen wir mit der Sachlage nicht so verkehrt. Der SV Waldhof Mannheim ist da wohl zu ´blauäugig´ und naiv. Ein Schäfer würde ja auch nicht die Bewachung seiner Schafsherde einem Wolf überlassen, oder!?«

»Meine Kollegen und ich haben schlichtweg die Schnauze voll«, antwortet Rüdiger Seidenspinner auf Anfrage von 11FREUNDE. Seidenspinner ist Landesvorsitzender der GdP-Baden-Württemberg. Der Gewerkschaftler spricht von »66 zum Teil schweren Verletzungen während der Einsätze bei Fußballspielen« auf Seiten seiner Kollegen allein in diesem Jahr und gibt eine Teilschuld den Fanprojekten: »Die sind ungemein wichtig, aber was ich nicht verstehen kann: warum distanzieren sie sich nicht in aller Deutlichkeit von den Straftätern unter den Fußballfans?« Das Wort »Straftäter« gebraucht Seidenspinner sehr häufig, er will deutlich machen »dass es uns nicht um den normalen friedlichen Zuschauer geht, der seine Fahne schwingt und Choreographien vorbereitet.« Straftaten, das seien beim Fußball »Körperverletzung, schwere Körperverletzung und Beleidigung. Straftaten, die vor allem von den so genannten ´Hooltras´ begangen werden.«

»Warum distanzieren sie sich nicht von den Straftätern?«

Seidenspinner fordert von Fans und Fanprojekten eine klare Distanzierung von diesen »Straftätern«. Die fehlerhaften Abläufe im Vorfeld der Partie Mannheim gegen Kaiserslautern II will er nicht leugnen (»Fehler bei der Einsatztaktierung werden im Nachhinein besprochen.«), die Hauptursache sieht er darin nicht: »Seien wir doch mal ehrlich: dieses Spiel war nicht die erste Begegnung zwischen Mannheim und Kaiserslautern, die in die Hose gegangen ist.« Und auch der Fanprojektler Rodenbüsch sagt: »Natürlich wird es immer Anhänger geben, die die Gewalt nicht nur provozieren, sondern auch wollen.«

Das Problem bleibt bestehen: eine in gewissen Vereinen verstärkt auftretende gewaltbereite Fanszene. »Straftäter«, sagt Rüdiger Seidenspinner, »werden von uns mit aller Härte verfolgt.« »Wenn man einen Geist des Misstrauens vor Ort pflegt«, sagt Jörg Rodenbüsch, »dann wird man nie die Situation erreichen können, dass über Jahre hinweg eine angenehme Stimmung zwischen Polizei und Fans entsteht.«

Einen erfolgreichen Dialog wünschen sich beide Seiten, die Erfahrungen der Vergangenheit haben gelehrt, dass auf dieser kommunikativen Ebene bereits im Vorfeld gewalttätige Ausschreitungen verhindert werden konnten. In einer Pressemitteilung, die auf die Berichterstattung der GdP aufmerksam machen sollte, begrüßt die BAG-Süd »dass die Bundespolizeidirektion Koblenz kürzlich zu einem offenen Dialog« geladen hatte. »Nur ein solch ernst gemeinter Dialog kann auch zur Lösungsfindung und letztendlich auch zum Abbau des `Feindbildes Polizei´ beitragen.«

Bleibt nur die Frage, wo sich beide Parteien treffen. Die goldene Mitte wäre eine gute Antwort. Doch wo die liegt, kann momentan noch keiner sagen.

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