Fanaktion des Jahres: Der »12:12«-Protest

Fünf vor Zwölf

Im Rahmen der Kampagne »12:12« schlossen sich die Fans gegen den Sicherheitswahn in deutschen Stadien zusammen. In unserer aktuellen Ausgabe #140 hält Philipp Köster eine Laudatio für den Gewinner der 11FREUNDE-Wahl »Fanaktion des Jahres«.

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140

Es war im Sommer 2012, als der deutsche Fußball schier durchzudrehen drohte. Befeuert von populistischen Politikern, sensationsheischenden Medien und hilflosen Funktionären tobte eine Diskussion um die Sicherheit in deutschen Fußballstadien, die in ihren extremen Spitzen dazu führte, dass ein Moderator mit Bengalos Puppen anzündete, Sandra Maischberger am liebsten Truppen aus Mazar-i Sharif nach Gelsenkirchen und Dresden verlegt hätte und die Stehplätze in deutschen Stadien zweifelsfrei als Brutstätte von Hass und Gewalt identifiziert wurden. Eine nationale Krise, die schließlich in einen Maßnahmenkatalog mündete, der, wenn er konsequent umgesetzt würde, eine echte Bedrohung für die Fußballkultur hierzulande darstellen würde.

Der Zumutungen darin sind viele, sie reichen von Vollkontrollen über die Beschneidung von Gästekontingenten bis hin zu nochmalig ausgeweiteter Kameraüberwachung der Anhänger. Ein groteskes Szenario, untermauert von hingebogenen und verzerrten Statistiken über die vermeintlich unaufhörlich steigende Gewalt bei Fußballspielen. Am 12.12.2012 wurde das Sicherheitskonzept nach nur moderaten Änderungen mit großer Mehrheit von den Klubs beider Bundesligen verabschiedet, gegen den entschiedenen Widerstand der Anhänger, der sich zuvor unter dem Signet »12:12« versammelt hatte und nun auch in großer Zahl vor der Tagungsstätte, einem Frankfurter Hotel, auf das Ergebnis wartete. War der Protest also wirkungslos?

Anhänger als Gesprächspartner auf Augenhöhe

Ganz im Gegenteil! Über Wochen hatten Anhänger in der ganzen Republik die ersten 12 Minuten und 12 Sekunden zahlreicher Bundesliga-Partien geschwiegen, anstatt zu singen und Fahnen zu schwenken. Die nahezu gespenstische Stille, die sich in diesen Minuten über die Stadien senkte, erinnerte daran, dass nicht nur Tricks und Tore auf dem Rasen, sondern auch das mitfiebernde, brüllende, leidende Publikum den Fußball so faszinierend machen. Oder um es noch einmal in das alte Bonmot des Fanforschers Rogan Taylor zu packen: »Fußball ohne Fans? Nur ein Kick von zweiundzwanzig Kurzbehosten im Park!« Und es waren eben nicht nur Ultras und Kutten in den Kurven, die sich am Protest beteiligten, sondern auch die Leute auf den Schalensitzen auf der Gegengerade. Eben jene, die zuvor gerne von Politikern und Funktionären als Gegenentwurf zu den anarchischen Fankurven in Stellung gebracht wurden.

Das Publikum jedoch, das wurde in diesen Wochen klar, ließ sich nicht gegeneinander ausspielen. Schon deshalb hatte sich der Protest gelohnt. Und wenn nicht alles täuscht, ist auch in den Gremien des deutschen Profifußballs die Erkenntnis gewachsen, dass sich eine fanfreundliche Atmosphäre in den deutschen Stadien nur herstellen lässt, wenn man die aktiven Anhänger als Gesprächspartner auf Augenhöhe begreift und dass Voraussetzung für ein friedliches Miteinander nur ein ständiger Dialog sein kann. Ein Dialog, der beide Seiten in die Pflicht nimmt und ihnen Kompromisse abverlangt. Auch das ist eine Erkenntnis des »12:12«-Protests, der »Fanaktion des Jahres«.

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