Der folgende Text entstammt dem Fan-Spezial-Heft und ist im März 2012 erschienen.
Unten vor dem Haus stand tatsächlich ein Mann mit einem Trabbi. Der Wagen war komplett in Blau und Weiß gestrichen und mit einem Schalke-Wappen versehen. »Ich will zu Catweazle«, sagte der Besitzer mit sächsischem Idiom. Es waren die ersten Tage nach dem Fall der Mauer, die Szene hatte etwas Exotisches: Ein Trabbi im Ruhrgebiet, noch dazu in Blau und Weiß. Und der Schalke-Fan aus der DDR hatte auf seiner ersten Reise in den Westen nur ein Ziel: Catweazle.
Catweazle kannte zu jener Zeit ganz Fußballdeutschland. Diesen Verrückten mit der Trommel, der bei Wind und Wetter an einen Lautsprechermast gelehnt im Gelsenkirchener Parkstadion stand und der Schalker Nordkurve einheizte. Wegen seiner äußeren Erscheinung mit dem Rauschebart und den langen Haaren tauften die Fans ihn Catweazle, nach dem mittelalterlichen Magier einer Kinderserie aus den Siebzigern. Catweazle, der in Wirklichkeit den ruhrgebietstypischen Namen Olschewski trägt, wurde zum Symbol einer leidenschaftlichen und wilden, ja fast anarchischen Fankurve.
Ein blau-weißer Trabbi
Für viele war er ein Held, so auch für den Schalker aus der DDR. An jenem Herbsttag des Jahres 1989 wollte er dem exzentrischen Trommler, den er nur von Bildern kannte, den Trabbi übergeben. Beide fielen sich direkt um den Hals, obwohl sie sich zum ersten Mal trafen. »Ich war total geplättet. Der Wagen sah so abgefahren aus, den habe ich direkt gekauft. Dabei hatte ich gar keinen Führerschein«, erzählt Catweazle. 1500 Mark zahlte er, 500 davon hauten Käufer und Verkäufer bei einer rauschenden Party am Abend zusammen auf den Kopf.
Die Popularität des Trommlers zeigte sich auch in einer anderen Episode. Im Jahre 2005 stand er eines Tages verdutzt im Hausflur. Vor seiner Haustür stapelten sich Blumenkränze, allesamt dekoriert mit blau-weißen Schleifen. Das Telefon schrillte pausenlos. Der Grund: Die Falschmeldung, Catweazle sei gestorben, war derart weit verbreitet worden, dass sogar örtliche Zeitungen einen Nachruf druckten. Noch heute schmunzelt er über die Begebenheit: »Wer erlebt schon seine eigene Beerdigung?« Dass sich überhaupt so viele Mythen um ihn ranken konnten, ist der Tatsache geschuldet, dass der Magier seine Karriere beendet hat - er geht nicht mehr auf Schalke.
Neben seinem Mast stand der junge Mike Hanke
Der Verein zog im Jahr 2001 in die UFO-ähnliche Arena, ein Glitzerding aus der Zukunft, das dem Trommler keinen Platz mehr ließ. Er fragte, ob er eine Stange für die 90 Minuten anbringen könne - Lautsprechermasten gibt es dort ja nicht. Es wurde ihm untersagt, aus Sicherheitsgründen, so hieß es. Ordner erkannten ihn nicht mehr, sie wiesen ihn an, sein Instrument zu öffnen, »ein Ding der Unmöglichkeit«. Da nahm Catweazle Anlauf und trat zum Beweis in die Trommel. Es war, als wäre jemand aus seinem eigenen Partykeller vertrieben worden. »Diese ganzen Fuzzis, diese Sesselfurzer, sehen und gesehen werden - da lach' ich mich kaputt«, motzt er. Mit Eventtouristen beim Fußball kam er noch nie zurecht, vielen empfahl er, doch zum Schach zu gehen, wenn sie seine Trommel störe.
Heute schaut Catweazle die Spiele seines Vereins daheim vor dem Fernseher. Er ist 69 Jahre alt und leidet an einer Nierenkrankheit. Doch wenn er über Schalke spricht, brandet die alte Leidenschaft wieder auf: »Wir müssen zusammenhalten. Hast du nicht das neueste Trikot, bist du kein Schalker - so ein Kokolores.
Es geht doch darum, dass du für den Klub lebst.« Ob zweite Liga oder Europapokal, ob Meppen oder Mailand, Catweazle ist Schalke 28 Jahre mit seiner Trommel hinterher gereist. An seinen Antiquitätenladen klemmte er ein Schild: »Bin sieben Tage mit Schalke weg.« Im Parkstadion bestimmte er den Herzschlag der Kurve. Wenn in dem zugigen Rund der Regen zentimeterhoch auf der Trommel stand und das Team ein Gegentor fing, drehte sich ein Teil der Kurve zu ihm um. Catweazle erhob wie ein Zeremonienmeister den Trommelstock, schrie aus tiefer Kehle »Eeess-null-viier!« und hämmerte drauf los. Und Tausende stimmten mit ein. Er sagt: »Wenn ich auf dem Mast war, dann war Ramba-Zamba.«