26.09.2013

Fan-Boxen im Stadion: Wer tut sich das an?

»An alle, die mich kennen. HEEY!«

In deutschen Stadien grüßen Menschen aus »Fan-Boxen«. Je peinlicher die Auftritte im Stadion-TV, desto besser. Wir fragen: Wer tut sich so etwas freiwillig an?

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Es begab sich zu einer Zeit, in der das deutsche Privatfernsehen die Sicherheitsverwahrung in Deutschland revolutionierte. Es sperrte um die Jahrtausendwende eine Horde geistig Umnachteter in Container und filmte sie dabei (und tut es heute wieder mit Z-Promis). Nicht viel später erreichte auch den deutschen Fußball die Big-Brother-isierung der Gesellschaft: Die Firma Böklunder lockte nichtsahnende Stadiongänger vor eine Kamera und startete somit das Wurtschnappen nach Aufmerksamkeit. Ausgerechnet auf Schalke, wo der damals wie heute herrschende Kotelette-Kaiser Clemens Tönnies wohl in einem Moment der Unachtsamkeit der Konkurrenz die Massenfanhaltung im Stadion-TV überließ. Und damit die Fan-Box der Pandora öffnete.

Denn nur kurze Zeit später mutierte die Box zum Sprungbrett für wahlweise zu Recht unerkannte Gesangstalente oder lüstern-lallende Grüßtanten mit Eierlikör-Vollbetankung. »Ein Leben lang, die selbe Unterhose an, die selbe Unterhose aaaaaan«, war der erste Hit aus der Schalker Spaßkabine. Der Vortrag eines S04-Fans älteren Semesters wurde ein Schlager, standesgemäß vertont von einem gewissen Peter Wackel, – und ist noch heute das programmatische Stimmungslied bei Silberhochzeiten und Vollkörperkontrollen. Damit nicht genug, die Fanbox produzierte Stars am laufenden Band, unterbot verlässlich neue Niveau- und Schmerzgrenzen und ließ so das Vorbild »Big Brother« wie einen Kongress unter Literaturprofessoren erscheinen.

Legten sich so manche Plagen im Alten Testament nach sieben Jahren, so existieren die Fan-Boxen in deutschen Stadien bis zum heutigen Tag weiter – ohne Eingreifen des Staates. Wer den Blick schweifen lässt über die Boxen in deutschen Stadien, kommt zu zwei Schlüssen: 1. Der Schlachtruf »Fußballfans sind keine Verbrecher« muss während der Ausstrahlung in der Halbzeitpause entstanden sein. 2. Deutsche Stadien brauchen nicht mehr Sitzplätze, sondern mehr Ausnüchterungszellen.

Viele Menschen in Deutschland fragen sich: »Wer sind diese Leute aus den Fan-Boxen?« »Was sind die ersten Symptome?« Und: »Hätten wir als Nachbarn nicht etwas merken müssen?« Ein Profiling der Fanbox-Gänger.
 


1. Kleine Kinder
 
Weitgehend wissenschaftlich eruiert ist das Phänomen der Eislauf-Mamas oder Tennis-Papas – doch fast schon chinesischen Drill der Eltern spüren Kinder heutzutage beim Erlernen der Mannschaftsaufstellung oder des Vereinsliedes. Was nützt es schließlich einem Vierjährigen, auf englisch bis 230 zählen zu können, wenn er gleichzeitig nicht im Kopf behalten kann, dass Steven Cherundolo die Rückennummer 6 hat? So klammern sich die Kinder in der Fan-Box an ihre Fahnen und blicken ängstlich zu den erwartungsvollen Eltern neben der Kamera, wenn sie von der »Alten Liebe 96« singen. Nie wurden Marijke Amado in ihrer Paraderolle als »Mini-Playback-Show«-Tröstermami oder Michael Schanze schmerzlicher vermisst. Eine wohltuende Ausnahme war der kleine Schalke-Fan, der die »Ultras Gelsenkirchen« mit einem Lied grüßte und dabei eine sonore Stimme offenbarte, die ihn in jeder Karaoke-Bar bei Joe-Cocker-Songs den Vortritt verschafft. Das Lied: »Gelsenkirchen ist ne schöne Stadt, da müssen wa uns benehmen, doch fahren wir zum Auswärtsspiel benehm wa uns daneben.« Papa muss stolz gewesen sein.
 

2. Junggesellenabschiede
 
Ein jahrelang erarbeiteter Fleischkumpen, im Entferntesten als Bierbauch zu klassifizieren, schwappt auf dem Tisch in der Fan-Box auf und ab. Dahinter wippen Männer in viel zu engen gelb-grünen Trainingsanzügen und mit aufgeklebten Hasenohren, dazwischen jemand mit Werder-Torwart-Trikot und Perücke. Sie singen: »Wiese ist die schönste Frau der Welt.« Der heutige bzw. Noch-Hoffenheimer Keeper Tim Wiese erfuhr noch nie derartige Ehrung. In Berlin wiederum kesselte sich eine Gruppe zu zehnt selbst in die Box ein, hatte aber leider vor Aufregung vergessen, warum eigentlich. Per Synapsen-Notschaltung förderte die Gruppe dann noch ein Liederwirrwarr aus »Hurra, hurra«, »olé, olé« und »niemeehr, nieemeehr« zu Tage. Böse Zungen behaupten, dieses Video diente dem DFB-Sportgericht als entscheidendes Beweismittel, um Herthas Einspruch nach den Relegationsspielen 2012 abzuschmettern.
 



3. Singer- und Songwriter
 
»Absolute Schmerzfreiheit« ist die Grundbedingung für die Hobbymusiker in Fan-Boxen. Mattes vom Kölner Fan-Club »Decke Trumm« machte sie zu seinem zweiten Vornamen und schaffte den Fan-Box-Hattrick. Die Flitsch, Mundharmonika, die Lotusflöte, Ricky-Martin-Tanz, die imaginäre Treppe – Mattes hat sie alle drauf. Und damit war er häufiger im Kölner Stadion-TV als Peter Scholl-Latour auf der Couch von Sandra Maischberger.

 
 
 
 
 
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