Fabrice Muambas Weg zurück ins Leben

Der lächelnde Profi im Krankenhaus

Zwei Monate nach seinem Herzstillstand stand Fabrice Muamba wieder auf dem Fußballplatz und kickte mit seinen Freunden. Es ist ein weiteres Kapitel in der Geschichte eines Mannes, der seinem Schicksal mit Lebensmut und Humor begegnet.

Ein paar vereinzelte Anfeuerungsrufe dringen auf den Rängen durch, ansonsten herrscht Ruhe. Auf dem Platz bildet sich eine Traube aus Spielern, Betreuern, Ärzten. Sie stehen am Mittelkreis, fassungslos, einige wenden sich schnell wieder ab, schlagen die Hände über dem Kopf zusammen. Fabrice Muamba, damals 23 Jahre jung, liegt am Boden und ringt um sein Leben. Das Herz des Fußballers von den Bolton Wanderers schlägt nicht mehr, 78 Minuten lang. Es arbeitet in dieser medizinischen Ewigkeit nur noch im minimalsten Grenzbereich, wird ein Arzt später erklären. Es ist der 17. März 2012, ein Samstag, Bolton spielt im FA Cup gegen Tottenham Hotspur, als der in der Demokratischen Republik Kongo geborene englische U21-Nationalspieler nach 40 Minuten zusammenbricht. Die Fußballwelt ist geschockt. 15 Defibrillatorschläge bekommt Muamba verpasst, als das Spiel bereits längst abgebrochen ist. Ein Kardiologe, Tottenham-Fan, zufällig im Stadion, ist auf den Platz gestürmt, um bei der Reanimation zu helfen. Muamba wird ins Krankenhaus gebracht. Noch dort steht sein Herz eine halbe Stunde lang still. Dann beginnt es wieder zu schlagen. Der Weg zurück ins Leben beginnt.



Fast fünf Monate später ist Fabrice Muamba zum Inbegriff des Optimismus geworden. Zum Vorbild in schwierigen, ja lebensbedrohlichen Situationen. Mit einem vorläufigen Höhepunkt, den er etwa zwei Monate nach seinem Zusammenbruch erreichte. Und über den er jetzt erstmals sprach. Muamba hat wieder Fußball gespielt, als er sich nach der Saison in Dubai im Reha-Urlaub befand. »Ich spielte 25 Minuten. Es war großartig, fühlte sich ganz normal an. Wie im Training«, sagt er der »Sun«. Und lächelte.

Ein guter Fußballer? »Das versuche ich«

Dass Muamba seinen Zusammenbruch überlebte, hat er der guten Erstversorgung am Spielfeldrand zu verdanken. Nicht überallin Europa ist ein Defibrillator in Fußballstadien Pflicht – selbst in Deutschland nicht. In England hingegen schon. Muamba wurde ins künstliche Koma verlegt, wie lange die Behandlung dauern würde, war jedoch ungewiss. Doch bereits zwei Tage nach dem Vorfall machten die ersten verblüffenden Meldungen aus seinem Umfeld die Runde. »Er gibt einige wenige Worte in Englisch und Französisch von sich, was besser ist als nichts«, sagt ein Freund. Gleichzeitig verkünden die Wanderers: »Sein Herz schlägt nun ohne medizinische Hilfe, und er bewegt auch seine Arme und Beine.« Es sind vorerst nur »kleine Zeichen der Besserung«. Doch sie werden in kürzester Zeit größer. Die Welt wundert sich über die Lockerheit, mit der Muamba mit seinem Schicksal umgeht. Als sein behandelnder Arzt Andrew Deaner sich ihm mit den Worten vorstellt: »Ich habe gehört, Sie sollen ein sehr guter Fußballer sein«, antwortet Muamba lächelnd: »Das versuche ich.« Da liegt der Vorfall erst eine Woche zurück. »Ein normales Leben«, heißt es mittlerweile aus dem Klinik-Umfeld, »liegt im Spektrum seiner Möglichkeiten.«





Die Außenwelt nimmt Notiz vom Kampf Muambas um eine gesunde Zukunft. Und Muamba nimmt Notiz davon, dass er nicht alleine ist. Über seine Verlobte Shauna und seinen Vater Marcel bittet er darum, ihn weiter in seine Gebete aufzunehmen. Einen Tag später schlagen die Bolton Wanderers im ersten Spiel nach Muambas Zusammenbruch Blackburn mit 2:1, was angesichts der massenhaften Genesungswünschen zur Nebensache gerät. Muamba fühlt sich gerührt. Am 30. März, 13 Tage sind vergangen, lächelt er in eine Kamera. Seine Verlobte drückt auf den Auslöser, lädt das Foto im Internet hoch und bedankt sich in seinem Namen mit ein paar Sätzen für die »überwältigende Unterstützung«. Am 16. April verlässt Muamba das Krankenhaus. »Ich bin sehr glücklich darüber und möchte noch einmal allen danken, die sich in den vergangenen Wochen so gut um mich gekümmert haben«, sagt er zum Abschied. Das »medizinische Wunder« ist perfekt.

Erkrankter Stilian Petrow durch Muamba inspiriert

»Ich glaube, es ist wahrscheinlich, dass man ihm sagt, er soll nicht wieder Fußball spielen«, sagte Peter Weissberg, der medizinische Direktor der britischen Herz-Stiftung, als er kurz vor Muambas Entlassung nach einem möglichen Comeback gefragt wird. Die ersten Gehversuche als Hobby-Fußballer widerlegen diese These. Muamba kämpft. Das Bolton-Stadion hat er unter Tränen bereits wieder als Fan betreten – am 2. Mai, zum Premier-League-Spiel gegen Tottenham. Zu seinen Comeback-Plänen sagt er: »Ich habe tiefen Glauben an Gott, und ich habe Hoffnung – also wer weiß? Wenn ich von den Toten auferstehen kann, kann ich vielleicht alles schaffen.« Im Kader für die kommende Saison steht er zumindest schon einmal. Muambas Vertrag läuft bis 2014. Die Wanderers, mittlerweile in der zweiten Liga, geben ihm bei seiner Reha alle Zeit der Welt. 





So oder so – den Lebensmut wird der 24-Jährige nicht verlieren, ebenso wenig wie seinen Humor. Als England im EM-Viertelfinale kurz vor dem Elfmeterschießen gegen Italien stand, machte Muamba ein Bild seines Herzmonitors, lud es im Internet hoch und schrieb darunter: »Wird Zeit, dieses blöde Teil aufzuladen.« Für seinen Umgang mit der schwierigen neuen Lebenssituation wurde Muamba von der University of Bolton mit einem Ehrendoktortitel gewürdigt. »Ich bin sehr glücklich darüber und möchte noch einmal allen danken, die sich in den vergangenen Wochen so gut um mich gekümmert haben«, widmete er die Auszeichnung seinen behandelnden Ärzten. Als die Fackel für die Olympischen Spiele in London ankam, durfte auch Muamba sie einige Meter auf den Weg zum Stadion tragen. Es sind symbolische Aktionen, die anderen Leuten Mut machen sollen. So wie beispielsweise Stilian Petrow. Der bulgarische Nationalspieler von Aston Villa bekam Ende März Leukämie diagnostiziert, beendete daraufhin seine Karriere und begann eine Krebstherapie. In einem Statement auf der Club-Homepage erklärte der 32-Jährige, dass er sich beim Kampf gegen die Krankheit von Muamba »inspirieren« lasse. Vom Foto des lächelnden Profis im Krankenhaus.

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