Ex-Bayern-Spieler Tobias Rau über Druck

»Fußball ist eine Scheinwelt«

In der heute neu erscheinden Ausgabe von 11FREUNDE berichten wir über psychischen Druck bei Profi-Fußballern. Hier erzählt Tobias Rau, der vor einem Jahr mit nur 27 Jahren die eigene Karriere beendete, seine Geschichte. Ex-Bayern-Spieler Tobias Rau über Druck
Heft#101 04/2010
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Tobias Rau, als Sie im Juli 2009 Ihren Abschied aus dem Profifußball verkündeten, sprachen Sie von einer »riesigen Erleichterung«. Warum?

Dass sie mich nicht falsch verstehen: Fußball war mein Traumberuf, ich hatte fantastische Jahre...

...aber Sie waren 27, als Sie diesen Job verletzungsfrei an den Nagel gehängt haben!

Weil ich eines loswerden wollte: Diesen extremen Leistungsdruck, der als Profifußballer auf dir lastet.

Gehört das nicht zum Geschäft dazu?

Scheinbar ja, aber keiner hat mir erklärt, wie ich damit hätte umgehen sollen.

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Also alles Märchen von wegen Fußball als Mannschaftssport?

Wegen der extremen Konkurrenzsituation ist sich in  jeder selbst der Nächste.  Leistung und Erfolg sind im Fußball wichtiger als soziales Verhalten. In jedem Spiel, in jedem Training habe ich diesen Druck verspürt – das ist jetzt Vergangenheit und erleichtert meinen Alltag ernorm.

Sie waren erst 21, als Sie der FC Bayern aus Wolfsburg verpflichtete. Tobias Rau, die neue Hoffnung auf der linken Abwehrseite, ein Shootingstar – wie hat man Sie in München empfangen?

Es war eine andere Welt. Automatisch haben sich die Erwartungen von Medien, Fans und Trainer extrem erhöht. Und damit musste ich alleine klar kommen. Mitgefühl in der Fußball-Kabine gibt es nicht.

Unter Trainer Felix Magath sind Sie nur sporadisch zum Zug gekommen...

Magaths Methode bestand darin, den Konkurrenzdruck enorm hoch zu halten, um so ein Leistungsmaximum zu bekommen. Du wusstest: Deine Leistung muss zu 100 Prozent stimmen, wenn nicht, dann bist du raus.

Früher hat man immer gesagt, dass die jungen Spieler von den erfahrenen Routiniers unter die Fittiche genommen werden. Gibt es so etwas nicht mehr?

Im Grunde genommen nicht. Im Fußball, speziell in München, hat jeder seine eigene Baustelle, um die er sich kümmern muss. Da bleibt keine Zeit für die Gefühle des Mitspielers. Ich hatte das Glück, eine Ausnahme zu erwischen.

Wer war das?

Mehmet Scholl. Wir hatten relativ früh ein gutes Verhältnis und Mehmet hat mir bald auch die Regeln in München erklärt.

Was waren das für Regeln?

Ich bin als junger Neuzugang bei den Bayern anfangs sehr passiv aufgetreten, ich war ziemlich schüchtern. Aber das waren alles Weltstars, die da jeden Tag gegen den Ball traten! Mehmt hat mir gesagt, dass ich deutlich aggressiver auftreten müsse, um dann im entscheidenden Moment das Gespräch mit dem Trainer zu suchen.

Und, hat das geklappt?

Tatsächlich, ja. Ich habe einige Wochen sehr gut trainiert und bin dann zu Felix Magath gegangen: »Trainer, ich fühl mich gut, ich will spielen.« Prompt habe ich einige Spiele gemacht, bis mich eine Verletzung gestoppt hat. Aber dass man im Fußball-Geschäft jemanden hat, der sich für dich einsetzt, ist äußerst selten.

Was ist noch übrig von der viel gerühmten Kameradschaft?

In der Kabine hat man eigentlich keine echten Freunde. Ich schätze die Prozentzahl der Spieler, die in ihrer Mannschaft einen Freund besitzen, auf unter drei Prozent.

Haben Sie nicht versucht unter den Kollegen freundschaftliche Kontakte zu knüpfen, oder sich mal mit eigenen Sorgen jemanden anzuvertrauen?

Kein Fußballer würde es wagen Hilfe von den Kollegen zu suchen. Regel Nummer eins in der Kabine ist: Niemals Schwäche zeigen! Hilfe muss man sich im privaten Kreis suchen, nicht in der Kabine.

Wie wichtig sind Ihnen Freunde?

Sehr wichtig.

Wie haben Sie es dann als Profifußballer aushalten können?

Der Job an sich ist ja fantastisch: Du spielst Fußball und verdienst damit sehr viel Geld. Aber Fußball ist eine Scheinwelt. Deinen eigentlichen Charakter kannst du in diesem Beruf nicht ausleben.

Wie lautet die Konsequenz?

Du wirst zu einem ziemlich guten Schauspieler.

Wie sah Ihre Rolle aus?

Sie unterschied sich auf jeden Fall von der Privatperson Tobias Rau. Ein Beispiel: Im Fußball gibt es auch heute noch Trainer der alten Schule, da musste ich mir im Training Beleidigungen gefallen lassen, die ich im normalen Alltag niemals ungestraft gelassen hätte. Aber das gehört zum Rollenspiel dazu.

Wie hat sich dieser aufgestaute Druck entladen?

Ich habe das bei mir immer in der Sommerpause gespürt, wenn man einmal im Jahr mindestens zwei Wochen lang völlig abschalten konnte. Kein Training, kein Spiel, nichts. Da habe ich erst gemerkt, wie müde ich war. Als Fußballer bist du ja an fast jedem Wochenende Adrenalinkicks ausgesetzt, die andere vielleicht zwei- oder dreimal im Leben verspüren. Das ist anormal.

Sie waren zwei Jahre bei den Bayern und sind dann – nach nur 13 Spielen – zu Arminia Bielefeld gewechselt. Und waren den Druck los.

Von wegen. Der Erwartungsdruck hat sich für mich auch nach dem Wechsel nicht verändert, im Gegenteil. Ich kam als Linksverteidiger von Bayern München, ehemaliger Nationalspieler – man hat von mir pro Spiel zwei Tore oder zumindest eine überragende Leistung erwartet. Erwartungen, die ich natürlich nicht erfüllen konnte.

Wie fällt Ihr Fazit nach neun Jahren Profifußball aus?

Ich hatte eine großartige Zeit und habe einen Traumberuf ausgeübt. Aber Fußball ist ein Wochengeschäft in dem es um enorm viel Geld geht. Da bleibt kein Platz für allzu viel Menschlichkeit. Man muss funktionieren und wenn man nicht funktioniert, dann muss man gehen.

Seit einigen Jahren bemühen sich die Vereine um psychologischen Beistand für Ihre Spieler. Wird jetzt alles besser?

Druck und Stress wird im Fußball nicht weniger werden. Je mehr Geld im Spiel ist, je mehr Medien über Fußball berichten, je mehr Zuschauer ins Stadion kommen, desto größer ist der Druck. Die Bundesliga muss lernen, damit professionell umzugehen. Was heißt, dass man sich einfach noch mehr um die psychologische Ebene bemühen sollte. Da besteht eindeutig Nachholbedarf.

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