Europapokal 1988: Bayer-Espanyol 6:2 i.E.

»VIPs lachten Ribbeck aus«

In den 80ern führte Andrzej Buncol die polnische Nationalmannschaft und Bayer Leverkusen zu den größten Triumphen ihrer Geschichte. Wir sprachen mit ihm über Fußball in Zeiten des Kommunismus und Erich Ribbeck. Europapokal 1988: Bayer-Espanyol 6:2 i.E.

Herr Buncol, Sie sind im polnischen Gliwice (deutsch: Gleiwitz) geboren, genauso wie Lukas Podolski, Thomas Sobotzik, Martin Skaba und Sebastian Boenisch. Ist Gliwice eine Fußballstadt?

Dass Spieler wie Podolski von dort kommen, ist nicht mehr als Zufall. Denn eigentlich ist Gliwice keine richtige Fußballstadt. Zumindest war sie es lange Zeit nicht. Piast Gliwice hat  immer in der zweiten Liga gespielt. Erst seit 2008 kicken die in der ersten polnischen Liga. An sich ist die Stadt vielleicht vergleichbar mit einer Stadt aus dem Ruhrgebiet wie Essen oder Gelsenkirchen. Auch in Gliwice wird Kohle gefördert. Nur dass Gliwice weniger fußballverrückt ist. 

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Die meisten bekannten Spieler aus Gliwice haben Polen bereits in ihrer Kindheit oder Jugend verlassen. Sie nicht. Erst mit 27 haben Sie sich für einen ausländischen Verein entschieden. Warum?

Die jüngeren Generationen haben es heute viel einfacher. Als ich Fußball gespielt habe, war das zur Zeit des polnischen Kommunismus. Da hat der polnische Fußballverband einfach nicht erlaubt, dass ein Spieler unter 28 ins Ausland wechselt. Für mich war das natürlich bitter. Bei der WM 82 in Spanien habe ich alle Spiele von der ersten bis zur letzten Minute gespielt. Wir sind WM-Dritter geworden. Und nach dem Turnier musste ich ein Angebot von Juventus Turin ausschlagen, weil es unmöglich war, die Liga zu verlassen, schließlich war ich erst 23.

Dennoch sind Sie mit 27 anstatt 28 Jahren gewechselt. Wie kam es zu diesem Regelbruch?

In Polen herrschte der Ausnahmezustand. An der Macht war nicht die Regierung, sondern das Militär. Das hatte auch Einfluss auf den Fußball. So gab es im Land insgesamt zwei Militärmannschaften, die vom Militär gesponsort waren. Die eine war in Breslau, die andere in Warschau. Das Militär hat diesen Zustand ausgenutzt und mich für zwei Jahre zu Legia Warschau geholt, da ich noch keinen Wehrdienst geleistet hatte. Dort habe ich dann für zwei Jahre einen Vertrag unterschrieben. Als es später zu neuen Vertragsverhandlungen gekommen ist, habe ich gesagt, dass ich nur verlängere, wenn ich nach der WM 86 den Verein ins Ausland verlassen darf. Da sie mich halten wollten, konnten wir uns einigen.

Wenn Sie sich einen Verein in Polen hätten aussuchen können, wäre es dann Legia Warschau gewesen?

Nein, ich wollte nie nach Warschau gehen. Warschau war die Hauptstadt, dort trugen die Menschen ihre Nase etwas höher. Ich kam aus Schlesien. Da bestand eine natürliche Rivalität zu Warschau, weil die in der Hauptstadt der Meinung waren, sie seien etwas Besseres. Vielleicht war es von der Mentalität her vergleichbar mit einem Wechsel von Köln nach Düsseldorf.

Wie war Ihre Zeit in Warschau?


Für mich war es das Wichtigste, dass ich keinen normalen Wehrdienst leisten musste. Ich habe zwar eine Militäruniform bekommen. Aber die habe ich in den Schrank gehängt und nach zwei Jahren wieder rausgeholt, um sie abzugeben. Ich konnte in zivil rumlaufen und mich – wie jeder andere Fußballer – frei bewegen. Und das Training war nur vormittags und nachmittags. Ansonsten stand mir meine Zeit frei zur Verfügung. Hätte ich zum normalen Wehrdienst antreten müssen, wäre meine Fußballkarriere vielleicht beendet gewesen. Also kann ich im Nachhinein nur sagen: Klar, ich war in Warschau, wo ich nicht hin wollte, aber zumindest konnte ich meinen Beruf ausüben. Das war sehr viel wert.

Nach der WM 86 sind sie dann zum FC 08 Homburg gewechselt. Homburg statt Turin. Wie kam das zustande?

Vor der WM war ich mir nicht sicher, ob Polen stark genug ist, einen ähnlichen Erfolg wie den dritten Platz bei der WM 82 zu wiederholen. Schließlich hatten wir eine starke Gruppe und hätten auch in der Vorrunde scheitern können. Und wenn du in der Vorrunde rausfliegst, dann interessiert sich kein Schwein für dich. Kein Turin, und auch kein Homburg. Also musste ich überlegen, ob ich auf Risiko gehe: Kommen wir wieder so weit oder nicht, spiele ich um einen Vertrag bei einem großen Verein oder nicht? Mir war eigentlich klar, dass die Mannschaft nicht so gut war wie 82. Wir waren alle älter geworden. Daher habe ich letztlich nach dem Motto gehandelt: Hauptsache, ins Ausland.

Und dieses Motto führte dann zum Wechsel nach Homburg?

Auf die WM in Mexiko haben wir uns 10 Tage in Nürnberg vorbereitet. Dort sind Berater auf mich zugekommen. Ich habe nicht lange überlegt und den Vertrag in Homburg unterschrieben, bevor wir nach Mexiko gereist sind. Ich dachte mir: Homburg ist zwar ein kleiner Verein, aber wenn ich dort gut spiele, kann ich immer noch wechseln. Das war sicherlich die weniger riskante Variante, aber im Endeffekt habe ich alles richtig gemacht. Wir haben mit Polen die Vorrunde nur mit Mühe überstanden und waren dann im Achtelfinale direkt weg. Und mit Homburg sind wir im ersten Jahr Bundesliga nicht abgestiegen. Das war  für Homburgsche Verhältnisse schon ziemlich gut. Schließlich hatten wir keine allzu gute Mannschaft.

Eine Mannschaft, zu der auch Jimmy Hartwig zählte.


Ja, aber Jimmy war zu der Zeit körperlich schon kaputt. Er konnte nicht mehr laufen und hat ständig Probleme mit seinem Knie gehabt. Wenn er gespielt hat, hat er das Bein nachgezogen. Jeder konnte sehen, dass er nicht fit war. Leider hat sein Knie einfach nicht mehr mitgemacht. Aber als Kollege war er super okay. Ein netter, lustiger Kerl, der mir sehr geholfen hat.

Neues Land, fremde Sprache, neue Mannschaft. Wie kamen Sie denn zurecht?

Es war nicht einfach für mich. Am Anfang konnte ich fast gar nichts verstehen. Aber mit der Zeit habe ich immer mehr Wörter gespeichert. Mittlerweile haben die Brasilianer bei Bayer Leverkusen einen Dolmetscher auf dem Trainingsplatz. Damals war das anders. Ich habe einfach geguckt, was meine Mitspieler machen, und das gleiche getan. Und irgendwie kommt man dann zurecht. Natürlich war es nicht leicht, aber die Fußballsprache lernt man doch auf kurz oder lang.

Nach einer Saison Homburg sind sie nach Leverkusen gewechselt und haben die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen, was in der polnischen Öffentlichkeit als Skandal empfunden wurde.

Bei Leverkusen waren wir fünf Ausländer (Bum-kun Cha, M.Q. da Paixao Tita, Minas Hantzidis, Florian Hinterberger und Andrzej Buncol, Anm. d. Red.). Das waren zwei zu viel, da laut Regeln nur drei Spielen durften. Da mein Vater aber in Deutschland geboren wurde, war es kein Problem, die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen. Das habe ich auch gemacht.

Und die Reaktionen fielen heftig aus. Die polnische Öffentlichkeit sah darin einen Skandal. Haben sie das nachvollziehen können?

Nein, denn ich habe meinen polnischen Pass nicht abgegeben. Ich hätte noch 50 weitere Spiele für Polen machen können. Wenn ich den polnischen gegen den deutschen Pass eingetauscht hätte, okay..., aber das habe ich nicht. Trotzdem hat mich die polnische Presse ziemlich weggeputzt. Die haben mich Verräter genannt und Jagd auf mich gemacht, als hätte ich den Staatspräsidenten erschossen. Aber das Problem war ein ganz anderes: Antoni Piechniczek hatte nach der WM 86 seinen Trainerstuhl geräumt und Platz für Wojciech Lazarek gemacht. Mit seiner ersten Amtshandlung hatte der erst mal erklärt, dass er auf alle im Ausland spielenden Pofis verzichtet. Danach spielte die polnische Nationalmannschaft wirklich schlecht. Und weil ich nicht mehr mitspielte, war ich der Sündenbock. Dass ich nicht mehr für Polen gespielt habe, lag aber nicht an meinem deutschen Pass, sondern am Trainer.

Wie nah ging Ihnen die öffentliche Reaktion in Polen?

Ich war nicht beleidigt, aber traurig. In meinen Augen hatte ich nichts Schlimmes gemacht. Es gibt Hunderte Polen, die es gemacht haben wie ich. Nur ich war bekannt, ich war Fußballer, und dann mussten sie draufhauen. Das habe ich damals als sehr ungerecht empfunden. Irgendwann hat sich das Ganze normalisiert. Aber das erste halbe Jahr war schon heftig.

Mit Trainer Erich Ribbeck hatten sie bei Leverkusen einen Trainer, der nicht unbedingt für heftige Reaktionen bekannt ist. Es heißt, er pflege zivilisierte Umgangsformen und sei nie laut geworden.

Wer das sagt, hat keine Ahnung. Ich habe Ribbeck oft genug laut erlebt. Schließlich ist es für uns in der Bundesliga zunächst nicht gut gelaufen.

Dafür umso besser im Uefa-Pokal. Sie haben gleich in ihrer ersten Saison den Titel geholt. Doch das Final-Hinspiel bei Espanyol Barcelona wurde mit 0:3 verloren. Wie haben Sie sich danach noch motiviert?


An das Finale kann ich mich noch genau erinnern. Wir hatten das Spiel eigentlich unter Kontrolle. Und das hört sich bei einem 0:3 total Banane an. Aber im Hinspiel waren wir sehr gut, hatten zwei, drei gute Chancen, bis Espanyol kurz vor der Halbzeit mit der ersten Chance das 1:0 machte. Dann sind wir in die Kabine gegangen und haben uns gesagt: »Das drehen wir gleich noch.« Auf dem Platz sah das dann anders aus. Zu Beginn von Hälfte zwei haben wir uns das 0:2 gefangen, dann das 0:3, und das war´s. Noch während des Rückflugs aus Barcelona hat Ribbeck sich ein Mikrofon genommen und gesagt: »Es ist noch nichts verloren.  Wir haben noch ein Rückspiel, in dem wir das Ergebnis drehen können.« Viele Leute im Flugzeug haben geschmunzelt, und die VIPs  haben ihn ausgelacht. Doch ich habe daran geglaubt, denn wir waren die bessere Mannschaft, obwohl wir 0:3 verloren hatten.

Das Rückspiel gab Erich Ribbeck und Ihnen Recht. Warum ist Barcelona so eingebrochen?


Ich hatte das Gefühl, Espanyol ist sich zu sicher. Mit dem 3:0 im Rücken dachten die wohl, die Sache sei schon gelaufen. Die sind mit der Einstellung auf den Platz gegangen, dass nichts mehr passieren kann.

Und zunächst sah es auch danach aus. Zur Halbzeit stand es noch 0:0. Was haben sie gedacht, als sie in der Kabine saßen?


»Wir müssen immer weiter machen und alles probieren. Wir brauchen das erste Tor, dann nehmen wir die Zuschauer mit.« Das habe ich gedacht. Ich wollte uns einfach nicht aufgeben. Und das hat auch funktioniert. Mit dem ersten Tor kam das Stadion, es tobte. Und dann haben wir den nötigen Druck aufgebaut, das 2:0 und 3:0 geschossen und das Spiel im Elfmeterschießen gedreht – unglaublich.

Ihr größter Erfolg als Spieler?

Nein, es war ganz sicher ein Riesenerfolg. Aber mein größter Erfolg war der dritte Platz mit Polen bei der WM 82.

Ich nehme an, sie haben den Leverkusener Europokalsieg trotzdem gebührend gefeiert...


Wir haben drei Tage gefeiert. In der Nähe vom Stadion war eine große Halle, in der wir die ganze Nacht Party gemacht haben. Am nächsten Tag dann mit dem Autokorso durch Leverkusen, ein Besuch beim Bürgermeister und Freitag ab ins Trainingslager, wo wir uns auf das letzte Bundesligaspiel gegen Bayern vorbereitet haben. Am Samstag vor dem Spiel wurden noch Fotos mit dem Pokal gemacht und ein bisschen von dem üblichen Trara, dann ging es los. Ich muss schon sagen, dass wir recht ordentlich gefeiert hatten, aber irgendwie haben wir es im Laufe des Spiels geschafft, 3:0 vorne zu liegen. Wir waren so euphorisch, dass wir uns in einen Rausch gespielt haben. Am Ende haben wir noch 3:4 verloren. Aber die Hauptsache war ja, dass die Fans ein gutes Spiel gesehen haben. Also haben wir danach weitergefeiert.


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