Europapokal 1986: Uerdingen-Dresden 7:3

»Wie ein Hammer-Schlag«

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Wolfgang Funkel, wenn Sie von Fremden auf das Spiel angesprochen werden, was interessiert die am meisten?

Meistens erzählen mir die Leute, dass  sie spätestens zur Halbzeit umgeschaltet haben, weil sie dachten, die Partie sei gegessen.

Kein Wunder. Nach der 0:2-Hinspiel-Pleite netzte Minger in Uerdingen schon in der ersten Minute gegen Sie ein. Waren Sie zu offensiv ausgerichtet?

Wir waren schon sehr offensiv ausgerichtet, da wir mindestens drei Tore schießen mussten, um weiterzukommen. Als wir uns dann das 0:1 gefangen haben, war das wie ein Schlag mit dem Hammer. Viele von uns haben das Spiel in diesem Moment abgehakt.

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Haben Sie die Resignation auch beim Trainer gespürt?

Nein, er ist von der Bank gesprungen, hat wild gestikuliert und noch versucht, uns nach dem Rückstand nach vorne zu peitschen. Er war jemand, der Theater gemacht hat, ein Hans Dampf eben.

Das Heißmachen dürfte sich in der Pause beim Stand von 1:3 erledigt haben.

Ja, in der Halbzeit saßen wir alle mit hängenden Köpfen da. Keiner von uns hat mehr an ein Weiterkommen geglaubt. Beide Spiele zusammengerechnet lagen wir mit 1:5  hinten und hatten noch 45 Minuten Zeit, um das zu drehen – ein in Ding der Unmöglichkeit.

Wie hat Feldkamp reagiert?

Der Trainer hat nur gesagt: »Wir müssen uns zumindest mit Würde verabschieden.« Also sind wir rausgegangen und wollten versuchen, vielleicht noch ein Unentschieden oder einen knappen Sieg zu holen, um den Menschen im Stadion und an den Fernsehschirmen etwas zurückzugeben.

Als Sie wieder auf den Platz gingen, stand für den Dresdner Keeper Jakubowski Ersatzkeeper Ramme auf dem Platz.

Jakubowski hatte kurz vor der Halbzeit einen Zusammenprall mit mir. Ich hatte ihn mit dem Knie am Rücken erwischt, allerdings unbeabsichtigt.

Später stellte sich heraus, dass sich Jakubowski in Folge des Zusammenpralls die Schulter gebrochen hatte und anschließend seine aktive Laufbahn beenden musste. Haben Sie noch einmal über die Situation gesprochen, die zu seiner Verletzung führte?

Als ich Co-Trainer in Oberhausen war, hatten wir Ende der 90er ein Trainingslager in der Ex-DDR. Plötzlich tippt mir Jakubowski bei einem Freundschaftsspiel auf die Schulter. Es hat nicht lange gedauert, bis wir auf den Unfall zu sprechen gekommen sind. Er meinte: »Eigentlich müsste ich dir jetzt in den Hintern treten.« Aber im Endeffekt mussten wir beide lachen.

Hat der Torwartwechsel ihr Spiel beeinflusst?

Erst einmal nicht. Als wir aus der Kabine gekommen sind, wussten wir nichts von dem Wechsel. Zudem kannten wir Ramme nicht – weder seine Stärken noch seine Schwächen.

Sie haben es  in der zweiten Halbzeit auffallend häufig über hohe Bälle versucht.

Das hatten wir uns schon vor dem Spiel vorgenommen, weil unsere Mannschaft mit kopfballstarken Spielern gespickt war. Als der Ersatztorwart dann unglaubliche Schwächen bei hohen Bällen zeigte, versuchten wir es umso häufiger. Zumal er auch beim Rauslaufen nicht die beste Figur machte.

Doch der Anschlusstreffer sollte durch einen Foulelfmeter fallen. Haben Sie daran geglaubt, mit dem 2:3 die Wende einleiten zu können?

Nein, da noch nicht. Zunächst war das nicht mehr als Ergebniskosmetik. Ich habe mir einfach meine Lieblingsecke, vom mir aus gesehen die rechte, ausgesucht und ihn reingemacht – ohne mir groß  Gedanken zu machen. Zu dem Zeitpunkt hat noch keiner auf dem Feld, der Trainerbank oder im Stadion daran geglaubt, das wir Dresden aus dem Wettbewerb schmeißen.

In der 79. Minute haben Sie dann den entscheidenden Handelfmeter zum 6:3 verwandelt. Dieses Ergebnis hätte bereits für Weiterkommen gereicht. War ihnen in diesem Moment die Bedeutung des Elfmeters bewusst?

Ja, und wie. Vor dem Strafstoß wurde ich plötzlich extrem nervös. Ich habe mir denn Ball zurechtgelegt, zu den anderen Spielern geblickt und konnte ihnen ansehen, wie viel Hoffnung sie in meinen Schuss legten. Sie standen da, hielten die Hände auf dem Kopf und warteten völlig gebannt auf meinen Schuss.

Hat sich das auf Ihre Nervosität ausgewirkt?

Als ich das gesehen habe, musste ich schon einige Male tief Luft holen. Auch mein Anlauf war ungewöhnlich lang. Ich bin eine halbe Ewigkeit zum Anlauf zurückgegangen und habe überlegt, in welche Ecke ich schießen soll. Dann laufe ich, schieße in meine Lieblingsecke, und drin. Der Ball hatte genau zwischen die Hände des Keepers und den Pfosten gepasst.

Und dann fiel Ihnen Ihr Bruder in die Arme.

Ja, erst mein Bruder, dann alle anderen. Ich hätte das ganze Stadion umarmen können. Die ganze Anspannung war mit einem Schuss wie weggeblasen. Für mich war klar, dass ich den entscheidenden Treffer geschossen hatte. Doch ich war so kaputt, dass ich eine Pause gebraucht hätte.

Anstatt einer Pause wartete ein Europapokalfight auf Sie. Dresden kam zurück.

So komisch es klingt: Dresden ist aufgewacht und hat sofort wieder Druck gemacht. Auf einmal waren wir wieder die Gejagten. Bei jedem Dresdner Angriff wurden wir nervöser und haben die Bälle nur noch unkontrolliert weggehauen. Unser Keeper, Werner Vollack, musste noch die eine oder andere Parade zeigen. 

Doch dann die 86. Minute: Wolfgang Schäfer kommt an den Ball und netzt nach einem 80-Meter-Solo zum 7:3 ein.

Der hätte eigentlich zu meinem Bruder passen müssen. Schäfer läuft aus spitzem Winkel auf Ramme zu, mein Bruder steht mittig völlig frei und könnte den Ball ganz locker ins leere Tor schieben. Doch Schäfer schießt den Torwart an, bekommt den Ball wieder vor die Füße, und er macht das 7:3. Wenn er den Ball nicht reingemacht hätte und die Dresdner wären noch zu ihrem Treffer gekommen, hätten wir ihn gelyncht.  

Sie sollen nach dem Schlusspfiff geschluchzt haben: »Mir ist ganz schwindelig vor Glück«.


Das weiß ich nicht mehr so genau. Ich kann mich nur noch daran erinnern, dass ich nach dem Spiel keine Stimme mehr hatte und nur rumgepiepst habe. Schließlich haben wir uns während des Spiels fast durchgehend angeschrieen, um uns hochzupushen. Nach jedem Tor sind wir noch lauter geworden. Und bei der Ehrenrunde wurde dann nur noch geschrieen.

Wie haben Sie gefeiert, als das Schreien nachließ?

Wir haben in der Kabine noch ein paar Bier getrunken, später in  Krefeld was gegessen und uns dann in alle Winde verstreut. Ich bin mit Matthias Herget in die Düsseldorfer Altstadt gefahren.

Eine Kneipentour?

Tour nicht direkt. Wir sind nur in eine Kneipe gegangen: »Die Pille«. Direkt neben der Pinte. Der Chef kannte mich flüchtig. Er kam zu unserem Tisch und sagte: »Glückwunsch, das war ja ein Super-Spiel.« Als ich dann Matthias kurz vorgestellt habe, fragte der Chef: »Spielst Du auch Fußball?«

Und Hergets Reaktion?

Matthias musste ganz schön schmunzeln. Schließlich spielte er schon in der Nationalelf. Aber er ist ja ein lockerer Typ. Also haben wir den Chef aufgeklärt und hatten noch einen richtig schönen Abend.

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