Europapokal 1986: Uerdingen-Dresden 7:3

Der perfekte Thrill

Call it a Comeback! Nach einem 0:2 im Hinspiel und einem 1:3-Pausenstand dachte man in Krefeld zunächst nur an Schadenbegrenzung. Doch es kam alles ganz anders. Im vielleicht besten Europapokalspiel der Fußballgeschichte. Europapokal 1986: Uerdingen-Dresden 7:3Imago Spielbericht

Eine Aufholjagd der Extraklasse. Ein Bruderduell mit einem tragischen Verlierer. Ein Abend für die europäische Fußballgeschichte. In gut 30 Minuten fünf Tore zu schießen, um nicht auszuscheiden, ist schon schwierig genug. Was die Uerdinger dann zeigten, hatte es in bis dahin 30 Jahren Europapokal noch nicht gegeben. Nicht wenige der ohnehin nur 18 000 Zuschauer hatten sich schon zur Halbzeit auf den Heimweg gemacht. Und der ZDF-Reporter Rolf Kramer hatte den Dresdnern in der bei deutsch-deutschen Begegnungen damals üblichen Fairplay-Haltung voreilig zum Erreichen des Halbfinales gratuliert.

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Denn nach dem 0:2 im Hinspiel ließ der Pausenstand von 1:3 keine Hoffnung mehr. Doch dann geschah mit einem Anlauf von einer knappen Viertelstunde Unfassbares. Funkel traf in der 57. Minute per Foulelfmeter, fünf Minuten später rutschte ein von Gudmundsson getretener und von Minge abgefälschter Freistoß in die Maschen. Dazu lupfte Wolfgang Schäfer in der 66. Minute den Ball ins Netz. Begünstigt wurden die Tore allerdings durch das Pech der Dresdner. In der Halbzeitpause mussten sie ihren vorzüglichen Keeper Jakubowski gegen das nervlich überforderte Greenhorn Jens Ramme ersetzen. Und spätestens nach diesen drei Toren machte den Dresdnern sicher auch die Erinnerung an das Europapokal-Aus im Vorjahr zu schaffen. Da nämlich hatte Dynamo schon einmal tüchtig den Hintern versohlt bekommen. Nach einem 3:0 daheim gegen Rapid Wien, hatten die Sachsen auswärts noch 0:5 verloren. Den Uerdingern waren derlei psychologische Erwägungen fremd. Nach weiteren zwölf Minuten, in denen die angeknockten Dresdner herumstolperten als hätte man ihnen Catamin, jenes Betäubungsmittel, mit dem man Schlachtvieh ruhig stellt, verabreicht, folgte der entscheidende Doppelschlag innerhalb von 90 Sekunden. In der 78. Minute schoss Klinger flach von der Strafraumgrenze, unmittelbar darauf (die Ballrückeroberung nach dem Anstoß dauerte keine zehn Sekunden), wehrte Dörner einen Kopfball von Schäfer aus der Nahdistanz mit dem Arm ab. Funkel verwandelte den fälligen Strafstoß eiskalt. Surreal wurde diese Partie nun, weil Dynamo urplötzlich die letzten Kräfte mobilisierte. Vollack vereitelte in nur einer Minute drei Großchancen. Erst unmittelbar danach legte Schäfer seinen aberwitzigen Sololauf über 80 Meter hin, der damit endete, dass er den Torwart anschoss, den Abpraller glücklich vor die Brust bekam und zum Endstand einschob.

Die Uerdinger wussten nicht, wie ihnen geschah: »Wir hatten in der Halbzeit geschworen, uns mit Würde aus dem Wettbewerb zu verabschieden«, sagte Trainer Feldkamp kopfschüttelnd. So wenig war man auf Feierlichkeiten eingestellt, dass der Masseur von einem Kiosk zwei Kisten Pils heranschleppte und Gudmundsson sechs Flaschen Sekt organisierte. Die Dresdner zeigten sich als würdige Verlierer, obwohl sie schon ahnten, dass Köpfe rollen würden. So beantwortete Trainer Klaus Sammer auch die sarkastischsten Fragen der Pressevertreter höflich. Nörgler und Pedanten mögen nun vielleicht einwenden, dass der Coup der Uerdinger zu nichts führte, im Halbfinale war gegen Atlético Madrid Schluss. Und eine gewisse Einschränkung mag auch sein, dass beide Klubs nie wirklich zur europäischen Spitze gezählt haben, allen voran die »Zweijahresfliege« (Ulrich Hesse-Lichtenberger) Bayer Uerdingen. Was aber den nahezu perfekten Thrill, den die Zuschauer an diesem Abend am Fernseher erlebten, in keiner Weise schmälert.


Aufstellung

Bayer 05 Uerdingen: Werner Vollack, Matthias Herget, Michael Dämgen, Wolfgang Funkel, Werner Buttgereit, Rudolf Bommer, Horst Feilzer, Friedhelm Funkel, Franz Raschid (52. Dietmar Klinger), Larus Gudmundsson (72. Peter Loontiens), Wolfgang Schäfer. Trainer: Karl-Heinz Feldkamp

Dynamo Dresden: Bernd Jakubowski (46. Jens Ramme), Hans-Jürgen Dörner, Andreas Trautmann, Matthias Döschner, Reinhard Hafner, Ralf Minge, Jörg Stübner, Hans-Uwe Pilz, Ulf Kirsten, Matthias Sammer (28. Torsten Gütschow), Frank Lippmann. Trainer: Klaus Sammer


Statistik

0:1 Minge (1.), 1:1 W. Funkel (13.), 1:2 Lippmann (35.), 1:3 Bommer (42., Eigentor), 2:3 W. Funkel (58., Foulelfmeter), 3:3 Gudmundsson (63.), 4:3 Schäfer (65.), 5:3 Klinger (78.), 6:3 W. Funkel (79., Handelfmeter), 7:3 Schäfer (86.)

Schiedsrichter: Lajos Nemeth (Ungarn)
Zuschauer: 18 000
Stadion: Grotenburg Krefeld
Datum: 19. März 1986
Wettbewerb: Europapokal der Pokalsieger (Viertelfinale)


Stimmen

»Daraus werden Legenden gestrickt.« (ZDF-Kommentator Rolf Kramer)

»Wir waren total am Boden.« (Werner Vollack)

»Das ist wie ein Wunder!« (Wolfgang Funkel)

»Das Spiel meines Lebens.« (Wolfgang Funkel)

»Mir ist ganz schwindelig vor Glück.« (Wolfgang Funkel)

»Für mich war in der Halbzeitpause klar, wir sind geschlagen. Wir waren uns aber einig, uns noch gut aus dem Europacup zu verabschieden. Deshalb haben wir mit voller Kraft weitergespielt. Erwarten Sie nicht, dass ich das, was in der zweiten Halbzeit geschah, fußballerisch erklären kann.« (Bayer-Trainer Karlheinz Feldkamp)

»Wenn man zur Halbzeit 3:1 führt und zu Hause schon mit 2:0 gewonnen hat, dann ist das Endergebnis extrem.« (Dynamo-Trainer Klaus Sammer)


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