10.09.2013

Eto’o beendet seine Nationalmannschaftskarriere

Der Rücktritt nach dem Rücktritt

Samuel Eto’o hat seine Karriere in Kameruns Nationalelf beendet. Wieder einmal. Ein Rückblick auf ein großes Missverständnis.

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Samuel Eto’o erzählt gerne Geschichten von früher. Eine handelt von seiner Mutter, die auf dem Markt Fische verkaufte. Sie blieb jeden Tag so lange, bis sie genug Geld verdient hatte, um dem kleinen Samuel und seinen Geschwistern ein Abendessen zuzubereiten und ein paar neue Schuhe kaufen zu können. In einer anderen Geschichte geht es um den besten Sommer seiner Kindheit: den Juni von 1990. Kamerun spielte damals in Italien eine phänomenale WM und der 38-jährige Roger Milla, der vor dem Turnier von den Verbandsbossen zu einem Comeback überredet worden war, tanzte sich in die Herzen der Fans. Im Achtelfinale gegen Kolumbien stibitzte er Torhüter René Higuita den Ball vom Fuß und schoss in der 108. Minute das entscheidende 2:0. Der neunjährige Samuel Eto’o saß in einer Hütte im Armenviertel von Douala und rannte danach auf die Straße und schrie so laut wie nie zuvor und nie mehr danach. In diesem Sommer beschloss er, Fußballprofi zu werden.

Eto'o liebt diese Geschichten, denn sie erzählen von einem Menschen, der nie genug hatte – und nicht von einem, der nie genug bekommen konnte. Sie lassen ihn normal erscheinen.

Der frühe Eto'o

Wie so viele andere Afrikaner hatte sich Eto'o bereits in jungen Jahren auf den Weg nach Europa gemacht. Mit 14 wollte er in Frankreich Fuß fassen, doch der Traum platzte, bevor er richtig begonnen hatte. In Le Havre absolvierte er ein Probetraining, und bereits nach einem Tag urteilte der Trainer: »Untauglich!« Weil Eto’o nicht zurück wollte, tauchte er illegal bei einer Tante in Paris unter. Erst nach einigen Monaten stellte er sich und flog zurück.

Ein Jahr später versuchte es Eto’o ein zweites Mal. Dieses Mal war er erfolgreicher. Eto’o wechselte zu Real Madrids Jugendmannschaft Castilla. Von da an ging es steil bergauf, seine Vereine hießen: CD Leganés, RCD Mallorca, FC Barcelona und Inter Mailand, und seine Zahlen und Erfolge lesen sich wie eine ausgedachte Superlativsammlung: Für Mallorca 54 Tore in 133 Spielen, für Barcelona 108 Tore in 152 Spielen, Torschützenkönig in der Primera Division, bester Torjäger in Mallorcas Geschichte, hinter Lionel Messi, Cesar und László Kubala viertbester Torschütze in Barcelonas Geschichte, Weltpokalsieger mit Real Madrid und Inter Mailand (2000 und 2010), drei Champions-League-Titel (2006 und 2009 mit dem FC Barcelona, 2010 mit Inter Mailand). Seine Weggefährten verbeugten sich allenthalben vor ihm. Etwa Thierry Henry, damals Stürmer-Kollege beim FC Barcelona: »Er ist der beste  Stürmer der Welt. Seine Daseinsberechtigung sind Tore.« Oder José Mourinho, sein ehemaliger Trainer von Inter Mailand, der ihn kürzlich zum FC Chelsea holte: »Er ist fantastisch.«

»Ich werde rennen wie ein Schwarzer...«
 
Und Samuel Eto’o? Der äußerte sich stets ein bisschen sonderbar. Mal klang das so: »Real Madrid bin ich ewig dankbar, dass sie mich aus Afrika geholt haben«, und mal so: »Madrid, du Arschloch, huldige dem Meister!« Und manch einer fragte sich, was mit dem Mann irgendwas passiert war, seit er 1996 seine Heimat verlassen hatte. Und was er wirklich meinte, als er bei seiner Ankunft in Barcelona gesagt hatte: »Ich werde rennen wie ein Schwarzer, um zu leben wie ein Weißer.«
 
Manchmal schrieben die Zeitungen in Italien und Spanien, dass Eto’o den Bezug zum Geld verloren habe, und 2008 kursierten Meldungen, dass der Stürmer sich jedem Ölmilliardär der Welt angeboten habe. Der Verein sei egal, Hauptsache es klingele in der Kasse. Die »Süddeutsche Zeitung« berichtete damals von einem Klub aus Usbekistan, der 40 Millionen Euro für eine Saison geboten haben soll.

Machatschkala und 20 Millionen Euro
 
Doch Eto'o blieb in Europa, auch weil er in Italien mit 10,5 Millionen Euro Jahresgehalt der Top-Verdiener der Serie A wurde. Gleichzeitig besaß er einen vorzeigbaren Fuhrpark, allerdings war die Sache mit Autofahren komplizierter als die mit dem Toreschießen – ein paar Hummer, Jaguar und Ferrari mussten an der Leitplanke dran glauben, und die Fans und Journalisten wunderten sich noch ein bisschen mehr.
 
»Ach, die Presse«, sagte Eto’o, wenn das Gespräch auf sein Gehalt und ausschweifendes Leben kam. »Immer werde ich aufs Geld reduziert. Das mag ich nicht.« 2011 wechselte er er trotzdem in die russische Premjer-Liga zu Anschi Machatschkala. Dort trainieren die Spieler hinter Stacheldrahtzaun auf einem Gelände mit gelben Palmen aus phosphoreszierendem Plastik. Eto'o kassierte für diesen Standortnachteil 20 Millionen Euro. Im Jahr. Netto. Klare Ansagen.

 
 
 
 
 
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