Erinnerungen zum 111. Geburtstag: Das FCK-Wunderjahr 1998

Die Wiedergutmachung

Heute vor 111. Jahren wurde er 1. FC Kaiserslautern gegründet. Zum Jubiläum erinnert sich Ex-Kapitän Andreas Brehme an den einzigartigen FCK-Durchmarsch von 1998, als der Klub vom Abstieg zum deutschen Meistertitel jagte. Erinnerungen zum 111. Geburtstag: Das FCK-Wunderjahr 1998

Ja, Mensch! Es hätte uns beide erwischen können, den Rudi Völler und mich. Am letzten Spieltag der Saison 1995/96 sahen wir alten Haudegen uns wieder, ein Sieg für meinen FCK, und Rudis Leverkusener wären abgestiegen. Aber dann haut uns Markus Münch kurz vor Schluss das 1:1 rein, und alle Lichter gehen aus.

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Als Rudi und ich nach dem Spiel zum Interview gebeten wurden, hatte ich einen solchen Kloß im Hals, dass ich kaum sprechen konnte. Ich war nie zuvor abgestiegen, das war ein neues Gefühl für mich – und kein schönes! Bis dato hatte ich immer auf der Sonnenseite gestanden, war deutscher und italienischer Meister geworden und hatte 1990 die WM gewonnen. Mit Rudi! Plötzlich kamen mir die Tränen, da habe ich mich bei meinem Freund angelehnt. Ich weiß nicht, ob ich mich auch jemand anderem so anvertraut hätte. Da standen zwei Weltmeister Arm in Arm am Abgrund. 

Nicht mal Tante Käthe konnte mich trösten

Was viele vergessen: Damals kämpfte noch ein dritter Weltmeister um das sportliche Überleben. Auch Bodo Illgner hätte mit dem 1. FC Köln noch absteigen können, doch der Sieg in Rostock war die Rettung. Wir hingegen mussten zum ersten Mal in der Geschichte des FCK ins Unterhaus. Zu all den SV Meppens, die sich dort tummelten! Eine wahnsinnig traurige Angelegenheit, nicht nur für uns Spieler. Mir tat die ganze Pfalz leid, die wir so enttäuscht hatten. Fußball ist alles für die Menschen dort, das absolute kulturelle Highlight. Rudi versuchte, mich zu trösten, er zog mich zu sich, doch an diesem 18. Mai 1996 konnte mich nichts und niemand aufmuntern, nicht mal Tante Käthe.

Ich war 35 Jahre alt, der Elfmeter von Rom lag sechs Jahre zurück. Eigentlich hatte mein Entschluss festgestanden, nach der Saison die Schuhe an den Nagel zu hängen. Doch jetzt, als das Unfassbare eingetreten war, erschien alles in einem anderen Licht. Schon bald nach dem Abpfiff wurde mir klar: Als Absteiger wollte ich nicht aufhören.

Wie aber konnte es so weit kommen? Im Vorjahr waren wir noch in den UEFA-Cup eingezogen. Doch 1995/96 ging so ziemlich alles schief. Es war einer der kuriosesten Abstiege aller Zeiten. Nach 34 Spieltagen hatten wir nicht mehr Niederlagen als die Bayern, die auf Platz zwei einliefen. Wir waren abgestiegen, weil wir nur sechs Spiele gewonnen hatten. Rekordverdächtige 18 Mal sprang nur ein Remis heraus! Wir waren technisch zwar sehr stark, aber der kaputte Rasen auf dem Betzenberg verhinderte, dass wir unser Spiel aufziehen konnten. Heute würde man über Nacht einen neuen Rollrasen verlegen, damals mussten wir mit diesem Acker leben. Es war ein Zufallsspiel, bei dem wir immer den Kürzeren zogen: Statt in den letzten Minuten die entscheidenden Treffer zu machen, wie man es vom »Betze« gewohnt war, kassierten wir reihenweise unglückliche Tore, oft erst in der 90. Minute.

Geye sagte nur: »Wir schaffen das schon«

Lange Zeit erkannte die Vereinsführung den Ernst der Lage nicht. Während der Hinrunde war ich Dauergast bei Manager Rainer Geye und versuchte, ihm die Situation vor Augen zu führen. Er sagte immer nur: »Wir schaffen das schon.« Das hoffte ich auch, wusste aber, was dafür noch zu tun war. Nach Geyes Auffassung aber hatten wir den Klassenerhalt schon sicher. Vielleicht war das das Problem der sogenannten Bundesliga-Dinosaurier FCK, Köln und Frankfurt: Weil sie von Anfang an dabei waren, konnten sie sich nicht vorstellen, dass es sie mal erwischen würde – und dann passierte es doch. Geye weigerte sich, einen erfahrenen Spieler zu verpflichten, der die Abgänge von Stefan Kuntz und Ciriaco Sforza ersetzt hätte.

Im Winter kam dann der Brasilianer Arilson. Der sah zum ersten Mal Schnee und wusste überhaupt nicht, was los war. Er spielte nur für die Galerie und war schneller wieder weg, als wir gucken konnten. Aus dem Keller kommt man nicht in Schönheit heraus, sondern nur mit hartem Kampf.  In der Stadt machten einem noch alle Mut, überall hörte ich: »Wir packen's, Andy!« Aber wir kamen da unten einfach nicht weg. Auf einem Abstiegsplatz zu stehen, war für die meisten von uns Neuland.

Tränen in Walters Stube

Im März wurde auch noch Friedel Rausch entlassen, den ich für einen sehr guten Trainer hielt. Ich erinnere mich noch genau an den tränenreichen Abschied: Wir saßen bei Fritz Walter zu Hause. Fritz war am Boden zerstört, er prophezeite den Absturz in den Amateurfußball, sollte der FCK tatsächlich absteigen. Der größte Spieler, den der FCK hervorgebracht hatte, sah sein Lebenswerk vor dem Zerfall.

Friedels Nachfolger wurde Eckhard Krautzun. Ich will nicht nachtreten, aber noch heute klingt mir sein Satz im Ohr: »Wenn wir den Klassenerhalt schaffen, bin ich hier der Gott!« So entfacht man keinen Teamgeist, das ist alles, was ich dazu sage.

Am letzten Spieltag hatten wir dennoch alles selbst in der Hand. Ein Sieg in Leverkusen hätte die Rettung bedeutet. Es war praktisch ein Heimspiel für uns, das Stadion war zu drei Vierteln mit FCK-Fans gefüllt. Nach all dem Rumpelfußball sind wir in dieser alles entscheidenden Partie aufgetreten, als würden wir um die Meisterschaft spielen. Wir waren fest davon überzeugt, dass wir es schaffen würden und spielten die Leverkusener über eine Stunde an die Wand. Doch acht Minuten vor Schluss schickte uns Markus Münch mit seinem Geschoss unter die Latte in die zweite Liga. In ganz Kaiserslautern hingen die Fahnen auf Halbmast. Und Krautzun war doch kein Gott.  
Das Absurde: Eine Woche nach dem Abstieg holten wir in Berlin den DFB-Pokal, 1:0 gegen den KSC mit Icke Häßler und Jens Nowotny. Es war der blanke Hohn, wie ein letztes Zeichen dafür, wie unnötig unser Abstieg gewesen war. Wir fuhren alle unmittelbar danach in Urlaub, unsere Tschechen spielten die EM in England. Zur Saisonvorbereitung sahen wir uns alle wieder. Der Verein hatte es geschafft, praktisch alle Leistungsträger zu halten. Der Impuls dahin kam auch von uns Spielern. Wir empfanden alle ähnlich wie Pavel Kuka, der nach dem Leverkusen-Spiel gesagt hatte: »Ich habe große Schuld.« Wir hatten die Region ins Tal der Tränen gestürzt und wollten sie nun wieder aufrichten. So wie sich die Bayern ein paar Jahre später beim Bankett nach der Last-Minute-Niederlage gegen Manchester United schworen, die Scharte auszuwetzen, fassten wir zusammen den Entschluss, möglichst schnell wieder ins Oberhaus zu kommen. Im Juli, die Vorbereitung lief bereits, kam Otto Rehhagel zum FCK. Atze Friedrich, der damalige Präsident, begrüßte ihn mit den Worten: »Hier darfst du wieder Otto sein!« Und Otto war Otto. Er sagte gleich bei seinem Amtsantritt zu uns: »Glaubt ja nicht, dass das ein Selbstläufer wird!« Er führte von Anfang an unzählige Einzelgespräche, vor allem mit denen, die schon beim Abstieg dabei gewesen waren. Als es losging, hatte er uns längst die Demut gegenüber der zweiten Liga eingeimpft. Für die Mission Wiederaufstieg war es eine sehr wichtige Entscheidung, ihn zu holen. Sofort herrschte wieder Aufbruchstimmung im Umfeld. Für das erste Training unter Rehhagel mussten wir ins Fritz-Walter-Stadion umziehen, weil 30 000 Leute gekommen waren. 

»In Liga 2 brauchte ich  fünf Trikots zum Tauschen«

Wie der Trainer es prophezeit hatte: Einfach war die Saison in der zweiten Liga nicht, es war für mein Gefühl sogar die längste meiner Laufbahn. Zuletzt hatte ich als 20-Jähriger im Unterhaus gekickt, mit dem 1. FC Saarbrücken. 15 Jahre später blickte ich auf eine Weltkarriere zurück –  und musste mit dem FCK gegen Gütersloh oder Unterhaching antreten. Für einige Gegenspieler war es etwas Besonderes, gegen Andreas Brehme, den Weltmeister, anzutreten. Bei manchen Spielen hätte ich fünf Trikots zum Tauschen gebraucht. Gegen Unterhaching konnten wir zum Auftakt kein Tor erzielen, bei den Stuttgarter Kickers gelang uns immerhin ein mühsamer 2:0-Erfolg. Unser erstes Spiel verloren wir dann ausgerechnet in Meppen, dem Inbegriff der Zweiten Bundesliga. Das Emslandstadion kannte ich aber schon, denn dort hatte ich vor einer Ewigkeit mit meinem Stammverein Barmbek-Uhlenhorst in der Oberliga Nord gespielt. 

Unsere Fans folgten uns überall hin – das war phänomenal. Auch die letzte Partie bestritten wir gegen Meppen. Wir waren schon seit drei Spieltagen aufgestiegen, beim Stand von 6:2 ließ ich mich auswechseln, am Ende stand ein 7:6, wie beim Tennis. Wir hatten zwar auch Gurkenfußball geboten, wichtig aber war: Der FCK war wieder erstklassig! Mission erfüllt? Noch nicht! Otto wollte unbedingt, dass ich noch ein Jahr dranhängte. Ich sagte ihm aber klipp und klar, dass ich nicht mehr der Jüngste sei. »Wenn Sie mich brauchen, Trainer, bin ich da«, sagte ich. Aber ein Joker wollte ich nicht sein, ich war noch nie einer, der ins laufende Spiel kommt. Rehhagel stimmte zu, und so wurde ich als Kapitän zum Stand-by-Spieler. Meinem Ansehen in der Mannschaft hat das nicht geschadet – im Gegenteil. Ich wurde eine Art inoffizieller Co-Trainer. Ich saß nicht selten auf der Tribüne und analysierte von dort mit Argusaugen das Spiel. In der Halbzeit eilte ich zum Trainer, um ihm meine Erkenntnisse zu präsentieren. Er hat mich immer um meine Meinung gebeten, oft wollte er auch, dass ich neben ihm auf der Bank saß. Wenn er sich in seiner typischen Rumpelstilzchen-Art über eine Szene ärgerte, konnte es schon mal passieren, dass er mich ordentlich durchschüttelte. 

Otto hatte immer drei, Vier  verlängerte Arme

Mit Zaubermaus Ratinho und dem langen Abwehrmann Michael Schjönberg waren bereits in der Vorsaison zwei Leute zu uns gestoßen, die uns wirklich weiter halfen. Richtige Typen waren das, mit denen man auch feiern konnte, die aber wussten, wann es zur Sache ging. Typen, von denen wir im Abstiegsjahr zu wenige gehabt hatten. Rehhagel zeichnete vor allem seine ehrliche Art aus. Er hat uns an der langen Leine gelassen, hat uns nicht kontrolliert. Zu mir hat er ab und zu gesagt, ich solle mir mal ein, zwei Tage freinehmen. Wenn jemand aufmuckte, regelte er das sofort. Er sagte dann immer: »Was hast du erreicht, was hat Andy erreicht? Ende der Diskussion.« 
Gegenüber den jungen Spielern hatte Otto seine ganz eigene Haltung. Ratinho schickte er auf die Bank, als ihn die Fans mit Sprechchören feierten – er wollte vermeiden, dass die Zaubermaus abhob. Michael Ballack, der vor der Saison aus Chemnitz gekommen war, wollte er für das erste Spiel in München auf die Tribüne setzen. Ich überredete den Trainer, ihm sein Debüt nicht zu verderben. Statt Ballack setzte ich mich in Zivil auf die Bank. Während der Saison sprach ich oft mit dem Jungen. Ich hätte ihn häufiger eingesetzt als Rehhagel, man sah schon das Riesentalent, das in ihm schlummerte. 

Erster Spieltag: Die Bayern vor der Brust

Unser erstes Spiel in der Bundesliga wurde zur Riesensensation. 1:0 gegen die Bayern! Dieser Auftaktsieg war wie ein Sechser im Lotto für uns. In der Pfalz herrschte ja sowieso schon eine Bombenstimmung, aber ab dem ersten Spieltag ritten wir auf einer Welle der Euphorie durch die Saison. Unvergessen sind die Bilder, als Otto nach dem Spiel mit der Wasserflasche in der Hand über die Bande sprang und zu unseren Fans in die Kurve rannte. Für ihn war das auch eine persönliche Genugtuung. Bei dem Verein zu gewinnen, der ihn vorher gefeuert hatte, war das Größte für ihn. 

Vor dem Spiel in München hatte er uns noch eingebläut: »Habt keine Angst!« Danach würden noch 33 Partien kommen, und als Aufsteiger könnten wir beim Meister auch verlieren. Die Bayern, die uns gar nicht für voll nahmen, hatten zwar einige Chancen, aber es blieb beim 0:0 bis Michael Schjönberg zehn Minuten vor Schluss das Siegtor köpfte. Das gab uns enormes Selbstvertrauen – der entscheidende Impuls, der uns durch die Saison trug. Nach der Kür in München folgte die Pflicht zu Hause. Im Heimspiel gegen Mitaufsteiger Hertha und im Spiel in Köln sprang ich für Sforza ein, der auf Länderspielreise war. Gegen die Berliner taten wir uns fast schwerer als beim Rekordmeister. Am Ende gewannen wir mit 1:0 durch ein spätes Tor von Olaf Marschall. Marschall gab in der Partie den Mittelfeldstrategen. Typisch Rehhagel! Er brachte sogar mal einen Abwehrspieler ganz vorne, ließ den jungen Marco Reich auf der verkehrten linken Seite spielen und hatte immer einen Schachzug im Kopf, mit dem keiner rechnete. In der Hinsicht war er seiner Zeit sicherlich voraus. 

Vom Aufsteiger zum Spitzenreiter

Ab dem vierten Spieltag standen wir dauerhaft an der Spitze. Otto versuchte auch nach den Anfangserfolgen stets, den Druck von uns fernzuhalten. Seine Erfahrung und sein Ansehen ermöglichten es ihm, sich in dieser Form vor die Mannschaft zu stellen. Fragen nach Titelambitionen lächelte er nur weg. Viele sagten, dass wir einbrechen würden, nur wir selbst behielten den Mut. Wir hatten ja auch eine erfahrene Mannschaft, die wusste, wie der Hase läuft. Unser Team bestand aus technisch begabten Spielern wie Ratinho oder dem Rückkehrer Sforza, die etwas mit dem Ball anfangen konnten, und Brechern wie Schjönberg oder Harry Koch, die ihn auch mal auf die Tribüne droschen, wenn es nötig war. Kadlec, Sforza, Marschall – das war Ottos Achse auf dem Spielfeld. Er hatte immer seine drei, vier verlängerten Arme auf dem Feld. 

Eine unserer Spezialitäten in dieser Saison waren die Standardsituationen. Freistöße und Ecken haben wir bis zum Umfallen geübt, Rehhagel liebte ja seine langen Kerls, nicht umsonst war das Tor in München durch einen Abwehrspieler nach einer Ecke gefallen. Im Training konnte ich da natürlich auch die eine oder andere Hilfestellung geben. Beim 4:3 gegen Stuttgart entstanden zwei Tore aus Freistößen, ebenso beim 3:1 gegen Bielefeld, als Stefan Kuntz auf den Betzenberg zurückkehrte. Am wichtigsten aber war: Wir gaben Spiele nie verloren. Wenn wir zurücklagen, was nicht selten passierte, kämpften wir weiter, meist mit dem besseren Ende für uns. Das wurde besonders auf der Zielgerade wichtig, als wir mit den Unentschieden in Rostock und Bielefeld und dem 3:2 gegen Gladbach die Weichen für den Titel stellten. Dass wir am ersten Spieltag den Bayerndusel aus München entführt hätten, wie Ballacks Berater Michael Becker behauptete, ist aber völliger Quatsch. Das war alles harte Arbeit! 
Nach den beiden Einsätzen zu Beginn der Saison spielte ich erst am 13. Spieltag wieder. Ich schob Sonderschichten, um nicht gegenüber den Stammspielern zurückzufallen. In Dortmund lief ich als Kapitän auf. Nach einem 0:2-Rückstand sicherte Olaf Marschall mit seinen beiden Toren das Unentschieden. Olaf spielte die Saison seines Lebens. Wirklich phänomenal, in welcher Verfassung er damals war. Er traf aus allen Lagen, außerhalb und innerhalb des Sechzehners, natürlich oft per Kopf, aber auch im Fallen, sogar im Liegen! Als er sich am 15. Spieltag in Gladbach verletzte, war das ein schwerer Schlag für uns. Am 17. Spieltag war der HSV auf dem Betzenberg zu Gast. Wieder einmal sprang ich für Miro Kadlec als Libero ein, wieder einmal gerieten wir in Rückstand – und wieder einmal gingen wir als Sieger vom Platz. 2:1 – Herbstmeister! Die Stimmung in Lautern war nun das genaue Gegenteil von 1996. So deprimiert die Leute gewesen waren, so euphorisch waren sie nun. Der Bäcker gratulierte mir beim Brötchenholen, in der Innenstadt kamen alle auf uns Spieler zu. Noch vor der Winterpause verlängerte der Verein mit Otto Rehhagel. Nach der Pause taten wir uns ohne Goalgetter Marschall zunächst schwer. Dennoch verloren wir in der Rückserie nur gegen Bayer Leverkusen. Punkt für Punkt hamsterten wir uns zusammen, zehrten von zwischenzeitlich neun Punkten Vorsprung auf die Bayern. Jürgen Rische, der für Olaf spielte, machte in dieser Zeit viele entscheidende Tore. Wenn es mal läuft, dann läuft es eben bei allen.  

»Fritz, du kannst reinkommen, sie haben gewonnen!«

Wir hatten in dieser Saison auch das Glück, dass die Bayern nie bessere Ergebnisse erzielten als wir. Als wir 2:2 in Rostock spielten, schafften sie es nicht, in Bielefeld zu gewinnen. Am 32. Spieltag war am Freitagabend Borussia Mönchengladbach zu Gast auf dem Betzenberg. Nach Jörgen Petterssons 0:2 kurz vor der Halbzeit schien alles gelaufen. Bei einer Niederlage hätten uns die Bayern mit einem Sieg überflügeln können. Das Gladbach-Spiel aber war wie ein Abziehbild der gesamten Saison. Noch vor der Pause machte der wieder genesene Olaf Marschall den Anschlusstreffer und erzielte nach einer Stunde auch noch den Ausgleich. In der 90. Minute dann noch ein letzter Angriff. Nie werde ich vergessen, wie Marco Reich die Flanke mit rechts von der linken Seite in den Sechzehner schlägt, wie Marschall hochsteigt und sich den Ball selbst an die Schulter köpft. Von dort flog er in hohem Bogen in den Winkel. Hattrick! Der Trainer flitzte an der Seitenlinie entlang, wir lagen uns alle in den Armen. Unglaublich! Fritz Walter, mit dem ich engen Kontakt hatte, hat dieses und all die anderen Spiele nicht gesehen. Er ging aus Nervosität immer spazieren. Seine Frau Italia rief ihm das Ergebnis zu: »Fritz, du kannst reinkommen, sie haben gewonnen!« 

Mit dem 4:0 gegen Wolfsburg am nächsten Spieltag wurden wir Meister. Das wussten wir allerdings zunächst nicht, weil Duisburg gegen Bayern später abgepfiffen worden war. Wir machten nicht den Fehler, zu früh zu jubeln wie die Schalker drei Jahre danach. Wir warteten – die Spannung war unerträglich! Als das 0:0 in Duisburg bekanntgegeben wurde, brachen im Stadion und in der Stadt alle Dämme. Ich feierte zusammen mit dieser phantastischen Mannschaft die größte Sensation, die ich in meiner Karriere erlebt habe. So reisten wir am 34. Spieltag schon als Meister nach Hamburg. Das letzte Spiel meiner Karriere bestritt ich in meiner Heimatstadt. Zwei Jahre zuvor hatte ich noch an Rudis Schulter geweint –und durfte jetzt die Schale in den Himmel stemmen. Kann man sich ein schöneres Ende dieser Geschichte vorstellen?

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