18.11.2013

Erinnerungen an Meppens Zweitligajahre

Irgendwo bei Holland

Seite 2/3: Panik? Das kennt man im Emsland nicht
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In einer Hinsicht erfüllten die Spieler die Erwartungen: Sie machten dem Klub die Kassen voll. Vor dem Match gegen Hertha musste gar eine Geldzählmaschine angeschafft und zwischenzeitlich der Kartenverkauf gestoppt werden, weil niemand so genau wusste, ob das Stadion schon ausverkauft war. Die strömenden Massen und die daraus resultierende Atmosphäre beflügelten die Mannschaft. »In der Oberliga sind zwar auch Menschen zum Zuschauen gekommen, aber es gab keine richtigen Fans«, erinnert sich Josef Menke. Auf einmal jedoch war Fußball in Meppen ein Spektakel, und das wollten die Spieler bis zum Schluss auskosten. Einen ganzen Monat lang dauerte die Aufstiegsrunde und der Außenseiter aus dem Emsland ließ sich einfach nicht abschütteln. Schließlich kam es vor dem letzten Spiel in Erkenschwick im Hause Menke zu einem denkwürdigen Dialog. »Du, wie ist das denn, wenn ihr da heute gewinnt?«, fragte die Gattin. »Dann sind wir aufgestiegen«, antwortete der Spielmacher.

Es wäre zu viel gesagt, dass beim SV Meppen in dieser Phase Panik ausbrach, dazu neigt der Emsländer nicht. Doch ein dezent gesteigerter Pulsschlag war rund um das Vereinsheim zu spüren. Präsident Wolfgang Gersmann, der für die finanziellen Angelegenheiten verantwortlich war, setzte vorsorglich Lizenzspielerverträge auf. Manager Gerd van Zoest versuchte jede Nervosität im Keim zu ersticken und funktionierte die Fahrt nach Erkenschwick zu einer Art Betriebsausflug um. Die Spieler fuhren im Doppeldeckerbus mit ihren Ehefrauen ins Ruhrgebiet, zwischendurch gab es ein Kaffeetrinken am See. Alle wirkten entspannt, nur bei Trainer Persike verfing diese Strategie nicht: »Ich dachte, jetzt muss es passieren. Solch eine Chance kommt nie wieder!« Kurz vor dem Ziel dann der Alptraum: Der Bus passte nicht unter einer Brücke durch, es fehlten ein paar Zentimeter. Mit der allgemeinen Gelassenheit war es nun vorbei. »Wir wussten nicht, was wir tun sollten«, erzählt Persike. »Lassen wir Luft ab, aber wie kriegen wir die dann wieder drauf?« Schließlich eskortierte die Polizei die Meppener Delegation auf einer alternativen Route zum Stadion, wo sie gerade mal vierzig Minuten vor dem Anpfiff eintraf.

Vertragsunterschriften auf der Hochzeit

Zweieinhalb Stunden später war der Aufstieg perfekt. 4:2 hatte der SV Meppen gewonnen, da spielte es gar keine Rolle mehr, dass sich Topfavorit Hertha mit einem 1:3 gegen Remscheid um alle Chancen gebracht hatte. Es wurde eine denkwürdige Nacht. 2000 Meppener hatten das Team nach Erkenschwick begleitet und gleich an Ort und Stelle gefeiert. Als dann der Mannschaftsbus gegen Mitternacht auf dem Vereinsgelände eintraf, war dort alles voll mit Menschen. Die Spieler mussten sich durch den Hintereingang in die Klubgaststätte kämpfen, so überfüllt war der Laden. In die ausgelassene Stimmung mischte sich eine gewisse Geschäftigkeit. Vier Spieler, die am nächsten Morgen bereits in den Urlaub fliegen wollten, mussten dringend noch Profiverträge abschließen. »Die waren schon selig angehaucht und haben fast blanko unterschrieben«, meint Gerd van Zoest. Die meisten anderen Kicker unterzeichneten ihre Arbeitspapiere am folgenden Wochenende auf der Hochzeit von Angreifer Dietmar Sulmann.

1100 Mark Grundgehalt im Monat zahlte der SV Meppen im ersten Profijahr, hinzu kamen Punktprämien. Da war klar, dass die Spieler ihre bürgerlichen Berufe nicht aufgeben konnten. »Die Arbeitgeber in Meppen waren sehr kulant«, sagt Persike, der selbst bei der Wehrtechnischen Dienststelle, einer zivilen Bundeswehrbehörde, auf eine halbe Stelle umstellte. Nichtsdestotrotz galt beim SV bis weit in die Profizeit hinein: Trainiert wird erst nachmittags ab vier. Auch was die Trainingsinhalte und -umfänge anging, war Persike unsicher, schließlich hatte er noch nie auf diesem Niveau gearbeitet. Also rief er seinen Bekannten Willi Reimann an, der damals den FC St. Pauli coachte, und holte sich ein paar Tipps. Der begnadete Techniker Josef Menke lief den ganzen Sommer über, weil er Sorge hatte, den körperlichen Anforderungen der zweiten Liga nicht zu genügen. Und Manager Gerd van Zoest

hatte damit zu tun, die zahllosen Medienanfragen an den Sensationsaufsteiger zu bearbeiten. Dennoch freute sich ganz Meppen auf die schöne neue Fußballwelt, bis das 0:3 von Offenbach im Auftaktspiel die ganze Euphorie auf einen Schlag eliminierte. Ein hessischer Radioreporter kommentierte das Geschehen schonungslos: »Ich habe heute den ersten Absteiger gesehen!«

 
 
 
 
 
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