Erinnerungen an Irland: Unterwegs mit Iren in Posen

So muss das Paradies aussehen

Irischen Fans kann nichts die gute Laune verhageln. Nicht einmal drei Niederlagen in der Vorrunde und das vorzeitige EM-Aus im Jahr 2012. Gefeiert wurde trotzdem. 11FREUNDE-Autor Ron Ulrich war seinerzeit hautnah dabei.

Es war wohl nicht die beste Idee, mit einem Pferd an diesem Montag durch die Altstadt von Posen zu laufen. Im Normalfall stellen sich die Touristen für ein Foto eher scheu neben den Vierbeiner, doch an diesem Tag war nichts normal. Gleich schwang sich ein Fan mit blankem Oberkörper in bester John-Wayne-Manier aufs Pferd und thronte dort mit der irischen Fahne, als führe er eine Reiterstaffel an. Wenig später zweckentfremdeten andere Iren das Tier als Transportmittel für mehrere Bierkästen und erkundeten »Boys in green“ jene Körperteile, die nicht in jedem Biologiebuch auftauchen.

Ein Autofahrer hatte derweil damit zu kämpfen, dass ihm ein Italienier in Römerkostüm aufs Dach stieg und von dort mit einem Plastikschwert den Gesang »Seven Nation Army“ koordinierte. Was sich am Montag in Poznan abspielte, war ein beeindruckendes Fest von Italienern, Polen und vor allem Iren, das am frühen Montagmorgen begann und wohl bis zur Stunde andauert. Wahrscheinlich wird so mancher Barbesitzer in den nächsten Tagen beim Aufräumen noch einen freudetrunkenen Fan unter dem Tresen auffinden.

Iren singen polnische, Polen irische Lieder

Fans aller Länder vereinigten sich zu einem Fußball-Woodstock, Polen, Italiener, Iren stimmten noch um sieben Uhr am Dienstagmorgen, als die Sonne längst aufgegangen und die Zapfhähne versiegelt waren, den polnischen Ruf an: »Polska – Bialo-Czerwoni«. Es war die pure Freude, keinerlei Aggressionen, keinerlei Misstöne. »Trappatoni – he used to be Italian but he is Irish now«, schallte es, angestimmt von Italienern wohlgemerkt. Und die Iren umschmeichelten nicht nur die polnischen Damen in den kurzen Röcken, sondern gleich die ganze Stadt Posen: »We will never go home«, sangen sie. »Fußball, billiges Bier, hübsche Frauen, tolle Stadt – so muss das Paradies aussehen«, sagte ein Fan. Die Polen gaben den Gesang zum Besten, den sie von den Iren gelernt hatten und der sinnbildlich für den ganzen Tag stand: »F... you, Roy Keane, we sing when we want.«

Der frühere Nationalspieler Keane hatte nach dem 0:4 der Iren gegen die Spanier gegenüber einem englischen TV-Sender gespottet, dass man nicht nur zum Singen zu einem Turnier fahren solle. »Die Spieler und Fans sollten ihre Mentalität ändern«, kritisierte Keane die Party-Atmosphäre – und die irischen Fans antworteten deutlich: Wir singen, wann es uns gefällt.

Das konnte auch eine Botschaft an die Uefa sein, die in diesem Turnier vor allem auf den Jubel auf Knopfdruck setzt. In den Stadien postieren sich die Kameramänner direkt vor den Fankurven, um kurios angezogene Zuschauer, attraktive Frauen oder eine Mischung aus beidem einzufangen. Viele auf den Rängen tun der Uefa den Gefallen, balgen sich darum, im Bild zu sein, betteln den Kameramann an, sind sich für keine Pose zu dumm, kugeln sich beim hysterischen Winken die Schulter aus. Die Stadien, so scheint es, sind voll mit Teletubbies.

There is only one Angela Mööörkel

In Posen feierten die Fans ihre eigene Party und die Uefa schaute nur zu. Die mit Techno-Beats aufgepumpte, offizielle Fan-Zone verwahrloste. »Volunteers« wurden durch die feiernde Altstadt mit Schildern geschickt: »Follow us to the Fan-zone«. Doch Italiener und Iren dachten gar nicht daran, sie zelebrierten lieber in der Altstadt den »Poznan dance«. »Was die Uefa sagt, interessiert uns nicht«, meint Marcin. Er hat vor dem Stadion mit seinen Freunden kurzerhand den Vorgarten zur Kneipe verwandelt. In der Einfahrt stehen Bierzeltgarnitur, Regenschirme und Zapfsäule. Der Vater steht am Grill und die Großeltern hocken auf den Treppen des Hauseingangs, sie winken den Fans mit dem Spazierstock zu.

Die Iren belagern die Bänke. Und sie haben für die Deutschen einen schönen Gruß parat: »There is only one Angela Möörkel – she gave us the cash, we are on the lash. Walking in a Möörkelwonderland.« Frei übersetzt: Merkel hat uns das Geld geschickt, wir versaufen es. Ken aus Dublin holt eine Runde Bier. »Ich zahle. Ihr habt uns schon genug Geld gegeben.« Er trägt eine Pudelmütze in den irischen Nationalfarben, die Schultern hängen etwas, grüne Farbe verläuft in seinem Gesicht. Ken ist an die 70 Jahre alt, den großen Triumph der Iren 1988 hat er in Deutschland miterlebt, wenn Irland ruft, dann kommt er. Und es ist egal, dass er und sein Kumpel nicht mehr die Jüngsten sind. Und es ist egal, dass es drei Uhr in der Früh ist und Ken von einem nüchternen Zustand so weit entfernt ist wie Irland vom Einzug ins Viertelfinale. Sie singen sich die Seele aus dem Leib, ab und an wird jemand mit runtergelassener Hose auf einem Stuhl über die Köpfe getragen, purzeln Menschen mit Trappatoni-Masken übereinander, überlappen sich die Gesänge. »When I see you Ireland, I just cant get enough« oder das atemberaubende »Fields of Athenry«. Elysion liegt in Polen.

Die Besitzer des Hostels hat uns freundlicherweise noch zwei Betten ins Zimmer gestellt, wahrscheinlich damit wir uns nicht alleine fühlen. So schlafen wir nicht neben zehn, sondern zwölf volltrunkenen Iren zwei Stunden lang den Fußball-Rausch aus. Würde man den Geruch dieses Zimmers konservieren können, wäre er eine Waffe, vor der selbst Achmadinedschad zurückschrecken würde. Durch das geöffnete Fenster wehen die Gesänge von den Straßen ins Zimmer. Es ist mittlerweile neun Uhr morgens. Man hört: »F... you, Roy Keane, we sing when we want.«

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