Erinnerungen an die WM 1998

Generation Olaf

Das WM-Viertelfinale 1998 Deutschland gegen Kroatien verfolgte Dirk Gieselmann auf seinem Abi-Ball. Als beim Stand von 0:1 Olaf Marschall ins Spiel kam, wusste er: Das Leben ist gar nicht so toll wie ursprünglich angenommen. Erinnerungen an die WM 1998

Wer ist schuld daran, dass ich mich schäme, wenn ich an den Sommer zurückdenke, in dem ich mein Abiturzeugnis bekam? Berti Vogts? Davor Suker? Ich selbst?

Dreizehn Jahre hatten wir darauf hingebüffelt. Und das sollte der Lohn sein: Der Abi-Ball! Der große Abend im »Schusterkrug« in Wagenfeld, ein Exzess unter der gemieteten Lichtorgel, mit billigen Schnäpsen und noch billigeren Zigarren. Die Jungs in Anzügen mit Schulterpolstern, die Mädchen in Schweinchen-Rosa. Mein Gott, waren wir hässlich, mein Gott, waren wir schick.  

Die älteren Jahrgänge erzählten sich Sagenhaftes von diesem Ereignis: Lehrer, die besoffen in die Bowle hechteten, der Hausmeister im Klammerblues mit der Klassensprecherin. Wir hätten es ein »Event« genannt, aber dieses Wort kannten wir damals nur als Ausdruck für die einzelnen Disziplinen bei »Summer Games« auf dem C64. Als ich den Saal betrat, jagte der Alleinunterhalter »What is Love?« von Haddaway aus dem Synthesizer. Baby, don't hurt me.

High Five, ich hab nen Schnitt von 3,9!

Nie zuvor und nie danach ist ein Mensch so arrogant wie in dem Sommer,
in dem er von zu Hause weg geht. Das war so ein Sommer: Nichts war peinlich, nichts wichtig. Die Schule war vorbei, das Berufsleben noch in weiter Ferne. Der »Schusterkrug« in Wagenfeld war eine Promenade der kaum volljährigen Gockel. High Five, ich hab nen Schnitt von 3,9! Wir mochten noch kein Bier, aber tranken es, als hingen wir an der Flasche.    

Doch vor dem Suff stand das WM-Viertelfinale Deutschland gegen Kroatien. In einer Ecke der angrenzenden Kneipe flimmerte ein Fernsehapparat in die Rauchschwaden, missmutig saßen ein paar Altbauern am Tisch davor und glaubten von Anfang an nicht an einen Sieg: »Dat wird nix.« Dahinter wir, viel zu laut, viel zu fröhlich, viel zu ahnungslos. Im Fernsehen: »Tanne« Tarnat, Jens Jeremies, Jörg Heinrich. Und Berti Vogts. Auch wir hätten ahnen können, dass dat nix wird.   

»Wir wollen euren Skalp«, hatte der kroatische Stürmer Davor Suker vor dem Spiel gebellt. Den Skalp kannste haben, dachten wir, wir haben Abi. Unsere Aufgeblasenheit hielt jedoch nur so lange an, wie die Deutschen noch zu elft waren. Dann flog Christian Wörns wegen groben Foulspiels vom Platz. Fünf Minuten später traf Robert Jarni zum 0:1. Mir war mit einem Mal unwohl. Ob jemand sah, dass ich gar nicht so breite Schultern hatte, sondern bloß Polster trug?

Wir waren die Golden Goals, eine Generation aus Bierhoffs


In der Halbzeitpause gingen wir wieder rüber in den Ballsaal. Dort schoben Diplom-Ingenieure ihre Töchter übers Parkett. Der Alleinunterhalter klimperte selbstvergessen. Wir waren Weltmeister 1990 geworden, 1992 ins EM-Finale gekommen, 1994, na gut, Letchkov gegen Häßler, was soll er machen, aber 1996: Europameister! Wir waren die Golden Goals, eine Generation aus Bierhoffs – wir konnten nicht viel, aber Glück, ja Glück, das hatten wir. 

Doch was nun? 0:1 hinten. In Unterzahl. Wir wollten hier unser Abitur feiern, Scheiße. Berti raus! Davor, don't hurt me.  

Zurück in der Kneipe, die Altbauern hatten sich ein neues Herrengedeck kommen lassen und gingen vom Schlimmsten aus. Sie hatten Recht: In der 79. Minute brachte Vogts Olaf Marschall. Olaf. Marschall. Olaf. Eine Minute später traf Vlaovic zum 0:2. In der 85. machte Suker das 3:0. Abpfiff. Und alles war ein entsetzlicher Schmerz.  

Andere hatten auf ihrem Abi-Ball im »Schusterkrug« in Wagenfeld gesehen, wie Andi Brehme den Elfmeter reinkloppt. Sie hatten das Abitur in der Tasche und waren auch noch Weltmeister. Im Sommer 1998 aber flog die deutsche Nationalmannschaft im Viertelfinale gegen Kroatien raus. Und wir mit ihr. Aus der Generation der Bierhoffs wurde die Generation der Olafs. Nicht wenige von uns studierten trotzdem BWL. Mein Gott, waren wir hässlich, mein Gott waren wir schick.   

Und wer ist nun schuld daran, dass ich mich schäme, wenn ich an den Sommer zurückdenke, in dem ich mein Abiturzeugnis bekam? Berti Vogts? Davor Suker? Ich selbst?

Ich sag mal: Das mit den Schulterpolstern nehme ich auf meine Kappe, Berti hat alles richtig gemacht, als er er wenig später zurücktrat. Nur auf Sukers Entschuldigung warte ich bis heute.

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