22.03.2014

Erinnerungen an die analoge Verschlüsselung

Abschalten! Jetzt!

Dank moderner Technik können wir fast immer und überall Fußball verfolgen. Doch was tun, wenn kein Smartphone zur Hand ist und man sich in der niedersächsischen Provinz befindet? Eine Zeitreise in die Epoche des verbotenen Bildrauschens.

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Wir alle lieben Dinge aus unserer Kindheit. Wir vergöttern technische Geräte aus unserer Jugendzeit und wir schwelgen in nostalgischen Erinnerungen beim Streifzug über Ommas modrig duftenden Dachboden. Selbst Loriot fand, dass früher mehr Lametta war. Als ich neulich einen Ironie-Schnauzbartträger mit einem tragbaren Plattenspieler sah, der mit überdimensionalen Kopfhörern eine Joy Division-Platte hörte (zumindest war das Cover von »Unknown Pleasures« auf seinen Jutebeutel gedruckt), erinnerte mich das an drei Dinge: 1. Muhammad Ali hatte in seinem Fantasie-Cadillac einen mobilen Plattenspieler. 2. Ich muss unbedingt meine zigfach überspielten Mixtapes hervorkramen, um in Gedanken an meine Teenager-Gefühlswelt ein bisschen zu weinen. 3. Ich habe große Lust, mal wieder ein paar Minuten einer analog verschlüsselten Fernsehübertragung eines Fußballspiels anzuschauen.

In klebrig-nostalgischer Rückblende wirkt selbst analoges Pay-TV inklusive seiner Ausschlussprinzipien wie ein unschuldiges Vergnügen, das längst in Vergessenheit geraten ist. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich früher mit meinem Vater zusammen Fußball-Vorberichte aller Art auf »Premiere« gesehen habe – unverschlüsselt! Nach dem Anpfiff war der Traum vom Bezahlfernsehen jedoch schnell wieder vorbei. Denn dann trat das altbekannte Bildrauschen ein, von einem perfiden Programmchef vermutlich per Hand eingeschaltet. Doch es war nicht alles schlecht in Zeiten analoger Verschlüsselung: immerhin gönnten die Gralshüter der Lizenzrechte dem einfachen Fernsehzuschauer den Ton der Partie. So verfolgte ich in meiner Kindheit eine Reihe von Fußballspielen ohne Bild, dafür mit umso mehr Kampfgeist: Fußball war nicht wie Krieg. Es war viel mehr als das, es war Ameisenkrieg. Für immer unvergessen beispielsweise ein undurchsichtiges Strafraumgetümmel, das der Kommentator und ich aufgeregt zu entschlüsseln versuchten.

Was ist die Matrix?

Die Vorfreude auf den Spielbeginn steigerte sich im Verlaufe des Vorberichts immer weiter. Bis zum Koitus Interruptus. Denn immer wenn der Höhepunkt, respektive Fußball, kurz bevor stand, gaben die Programmchefs Anweisungen abzuschalten. Meistens war das einige Sekunden nach dem Anpfiff. Ich erinnere mich jedoch an ein Spiel, bei dem ein aufstrebender Medien-Praktikant offenkundig eingeschlafen oder gefesselt war oder beides. Er gönnte den Ottonormalverbrauchern ganze fünf Minuten der Übertragung. Es war wie Weihnachten und Sylvester zusammen. Neunziger-Jahre-Bundesliga-Stars rannten in unglaublich bunten Trikots über einen herrlichen grünen Rasen, dessen erdigen Duft man fast schon riechen konnte. Doch dann, kurz vor eben jenem Strafraumgetümmel: wieder Koitus Interruptus.

Immerhin befeuerte die Abwesenheit von Bildrechten die Fantasie, ähnlich einer Radioübertragung. Allerdings ging der Premiere-Kommentator natürlich davon aus, dass der Zuschauer ein Bild vor Augen hat. Ein Informationsgefälle, das beim Normalsterblichen ohne Pay-TV nur als schemenhafte Codierungssequenzen auf dem Bildschirm zu sehen war. Als Kind schaute ich Fußball, wie die Protagonisten in dem Science-Fiction-Klassiker »Matrix« das gleichnamige digitale Gefängnis. Auch ich sah die Codierung gar nicht mehr, sondern nur noch Werder, Bayern, Dortmund.


Analoge Verschlüsselung (Hier vermutlich der Mitschnitt einer Aufsichtsratssitzung des FC Bayern München)

 
 
 
 
 
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