Erinnerungen an den Fußball (9)

Ich bin ein Underdog

Unser Spanien-Experte Jörn Höcker ist nicht zu beneiden: In der Jugend des TuS Langenheide bekam er regelmäßig auf die Mütze. Um sich wenigstens bei der Sportschau freuen zu können, entschied er sich dann für den 1. FC Köln. Tja. Imago
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Ob im Pokalfinale oder in der ersten Runde, ob im Ligageschehen oder in Benefizspielen – so lang ich denken kann, war ich immer für den Underdog in einer Partie. Vielleicht liegt es daran, dass ich in der Jugend selbst immer derbe einstecken musste, vielleicht aber auch an der langen Leidenszeit meines Fandaseins.

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Mit sechs Jahren zog es mich erstmals zum Fußballtraining meines Dorfvereins. Wir waren an meinem ersten Tag beim TuS Langenheide damals 13 Kinder – allerdings aus drei verschiedenen Mannschaften zusammengewürfelt. Bei Spielen sah es da das eine oder andere Mal schon düsterer aus: Nicht selten traten wir in Unterzahl an. Trikots waren auch eine Rarität. Da musste ein gewisser Sebastian schon mal im Feinripp-Unterhemd den Kasten hüten – bis er weinend vom Trainer rausgenommen wurde. Es war wirklich niemandem zuzumuten.

„Wir kommen wieder, und dann machen wir euch alle platt“


Wir bekamen also regelmäßig die Hütte voll. „Klar, wenn die Gegner auch immer drei bis vier Jahre älter sind“, dachten wir uns, und hielten wie selbstverständlich die Stange. Einstellige Niederlagen wurden da zum Teil schon frenetisch gefeiert. Ich erinnere mich noch gut, als wir damals in Peckeloh im mütterlichen Auto vom Parkplatz rollten und der freche Martin dem ebenfalls abfahrenden Gegner zurief: „Wir kommen wieder, und dann machen wir euch alle platt.“ Heute denke ich mir: Mann, was peinlich – aber wir hatten Spaß, auch ohne zu siegen. Und das sollte schließlich das Wesentliche am Fußball sein.

Oft habe ich mir gedacht, wenn ich selbst schon keinen Erfolg beim Kicken habe, müsste mich doch wenigstens mein Team in der Bundesliga entschädigen. Damals war mein Heimatverein Arminia Bielefeld noch in den Niederungen der Oberliga versunken, also kam ich durch meinen Vater („Mein Sohn, such’ dir einen Verein mit Charakter aus – also nicht Bayern.“) auf den 1. FC Köln. Im ersten Jahr reichte es noch zu Platz zwei. Ich feierte mit dem Team, zumindest gedanklich.

„Den Verein wechseln, das macht man nicht“


Was folgte, ist gut und gerne als langer Leidensweg zu umschreiben. Mit dem Fall ins Mittelmaß war's für den Traditionsverein noch lange nicht genug. Der mehrfache Abstieg in die Zweitklassigkeit (und ich glaube immer noch, dass der Effzeh nie abgestiegen wäre, wenn sich Schalkes Oliver Held damals nicht als Torwart geübt hätte!) stellte mein Fußballerherz auf eine große Probe – aber schließlich war ich durch meinen Vater ja zu einem guten Charakter erzogen worden: „Den Verein wechseln, das macht man nicht“, so mein Dad einmal. Daran gedacht habe ich aber auch wirklich nie.

Jeden Abstieg habe ich so bislang mit Würde ertragen. Jedes Mal raffe ich mich wieder auf, wenn ich nach Spielen wie gegen Wacker Burghausen oder den FC Augsburg aus dem Stadion trotte, und schreie in mich hinein: „Wir kommen wieder, und dann machen wir Euch alle platt!“

Bis dahin bleibt jedoch noch viel Zeit, in Pokalspielen oder bei Weltmeisterschaften mit den Underdogs zu fiebern – weil ich ja selbst einer bin.

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In der nächsten Folge: „Ich rauche gern“ – 11FREUNDE-Mann Paul Linke zieht durch.

Hier geht's zur achten Folge: 11FREUNDE-Redakteur Dirk Gieselmann erinnert sich an sich selbst als rechten Verteidiger www.11freunde.de/ballkultur/101933 .

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