Erinnerungen an den Fußball (8)

Nix kucke, wo wachse de Blumken!

Das Prinzip der Erinnerung ist die Verklärung: Übermorgen wird gestern viel schöner sein als heute. So oder so ähnlich denkt auch 11FREUNDE-Redakteur Dirk Gieselmann an die Anfänge seiner überschaubaren Fußballkarriere zurück. Google Earth
Heft: #
67
Ehrlich gesagt: Wo ich herkomme, ist überhaupt nichts los. Die Leute dort umschreiben die hundserbärmliche Einöde, in der sie leben, mit etwas mehr Wohlwollen und sagen feist: „Man kann heute schon sehen, wer morgen zu Besuch kommt.“

Und der Besuch, von dem sie gestern schon wussten, dass er heute in dieser öden Stube unter dem Ticken der Wanduhr sitzen würde, linst an der Gardine vorbei nach draußen auf seinen VW-Passat, mit dem er am liebsten sofort fliehen würde, irgendwohin. Doch erst nachdem ihm ein Blech Butterkuchen und acht Liter Kaffee mit Dosenmilch einverleibt wurden, darf er endlich gehen. Dann fegen die Leute die Krümel von der Tischdecke und stellen schon mal neue Kaffeetassen hin. Denn morgen kommt wieder Besuch. Man sieht es ja schon heute.

[ad]

Wie wollte man als junger Mensch dieser grau-grauen Stimmung der ewigen Wiederkehr von Kaffeekränzchen, runden Geburtstagen und Konfirmationen entrinnen? Schließlich besaß man noch nicht einmal einen VW-Passat, mit dem man glücklich hätte entkommen können. Für mich gab es damals nur einen Weg: Raus auf den Bolzplatz vor unserem Haus.

Atemlos vor Angst und Freude

Diese dunkelgrüne Fläche – mehr Moos als Rasen, mit dem alten Schaukelgestell als Tor – war das Gegenteil all des Voraussehbaren: Gestern konnte noch niemand wissen, wer sich hier heute gegenüberstehen würde. Ich und der Tierarztsohn vielleicht, der nichts draufhatte – außer mit seinen verblüffend unplatzierten Schüssen die Tannen ringsum zu verwüsten. Vielleicht auch ich und mein einarmiger Onkel, der einen Schuss hatte wie ein Ochse. Oft ich und mein Vater, der sich nach der Arbeit noch in den Kasten stellte und meine elliptischen Freistöße über sich ergehen ließ. Oder ich und mein Kumpel gegen die verschlagenen Jungs aus der unheimlichen Siedlung, vor deren Rachsucht wir abhauen mussten, wenn wir sie besiegt hatten, abhauen aus dem eigenen Garten, bis sie sich verzogen hatten und wir uns wieder trafen und auf der Terrasse atemlos Fanta tranken, atemlos vor Angst und Freude. Und nicht selten ich und der Wäschepfahl, den ich elegant aussteigen ließ, um dann zum entscheidenden Tor einzuschießen. Die achtzigtausend Fans liebten mich. Nur ich sah und hörte sie, wo eigentlich Rhododendren standen.

Nein, niemand konnte das wissen. Und das war ja auch das Wunderbare an diesen Nachmittagen auf der Wiese: Das Ungeplante, Unplanbare, geradezu Chaotische. Ein paradiesischer Zustand war das. Doch das Blöde am Paradies ist nun mal, dass man nicht für immer dort bleiben kann. Ich Idiot vertrieb mich sogar selbst von dort.


So schön die Erinnerungen sein mögen, die ich auch an die folgenden Jahre habe, ist es, von jetzt aus betrachtet, ein unverzeihlicher Fehler gewesen, mich einem Verein, dem TuS Sankt Hülfe-Heede (Foto), anzuschließen, als ich acht Jahre alt war. Denn von nun an war es vorbei mit dem wunderbaren Chaos. Alles hatte seine Ordnung – und ich war auf einmal rechter Verteidiger. Was das genau war, offenbarte sich mir nur schemenhaft. Eigentlich wusste ich nur soviel: Nach vorn durfte ich nicht laufen, nicht einmal nach links. Rechts hinten hatte ich zu stehen, und wenn der Ball auf mich zukam, schrieen alle: „Hau ihn raus!“

„Musse kucke, wo Ball!“

Dazu muss man wissen: Wir verloren eigentlich immer haushoch, und ich war wohl so etwas wie der wundeste Punkt in der nicht unbedingt gesunden Heeder Abwehrreihe. Sehnsuchtsvoll beobachtete ich den Ball, mit dem ich gern gespielt hätte, den ich nun aber mit so vielen teilen musste und den ich, wenn ich ihn einmal hatte, immer nur „raushauen“ musste. In meinem Rücken stahl sich währenddessen der zwei Jahre ältere und 20 Zentimeter größere Angreifer davon und erzielte das 15:0 für die anderen. „Musse nix kucke, wo wachse de Blumken! Musse kucke, wo Ball!“, herrschte mich unser Trainer Emilio an, ein aufbrausender Italiener, der aussah wie Luigi, Super-Marios bester Kumpel. Ohne genau zu wissen, warum und wofür, fühlte ich mich schuldig.

Was Emilio uns und besonders mir beibringen wollte – taktische Disziplin, Kombinationsfußball, Uneigennützigkeit – verstand ich erst viel später. Und als ich es verstanden hatte, eins geworden war mit meinem Planquadrat und wir sogar immer öfter gewannen, kam mir das Spielen auf der Wiese vor dem Haus absurd vor. Ich wusste nun, dass mein einarmiger Onkel nicht den härtesten Schuss der Welt hatte – der Mittelstürmer von der SG Hachetal hatte ihn. Ich begann auch zu vermuten, dass mein Vater manchmal einen Ball absichtlich reingelassen hatte. Ein Sieg gegen die verschlagenen Jungs aus der unheimlichen Siedlung war mir bald nicht mehr so wichtig wie das nächste schwere Auswärtsspiel mit dem TuS. Und dass der Wäschepfahl sich nie richtig wehrte – verdammt noch mal, das hatte ich schon lange geahnt!

Ein schwerer Film des Ernstes legte sich über alles. Emilio wurde immer ehrgeiziger. Er kam auf die Idee, uns ohne Ball trainieren zu lassen, jagte uns durch den Wald – „Isse gutt füre Kondizione!“ – und marterte uns mit nicht enden wollenden Mannschaftsbesprechnungen. Fußballspielen war ein Termin in der Woche geworden, wie Konfirmandenunterricht, wie Musikschule, wie Nachhilfe.

Ich ging nicht mehr auf die Wiese vor dem Haus. Die Tannenzweige wurden wieder dichter, das Schaukelgestell landete auf dem Sperrmüll, und die Rhododendren hörten auf, mich zu lieben. Nur ab und an, wenn ich mal wieder in Heede bin und darauf warte, wer morgen zu Besuch kommt, höre ich noch, wie die achtzigtausend Unsichtbaren meine Einwechslung fordern. Das mag seltsam klingen. Aber wie schon gesagt: Wo ich herkomme, ist überhaupt nichts los.



-----------

In der nächsten Folge der "Erinnerungen an den Fußball": Unser Spanien-Experte Jörn Höcker packt aus.

Hier geht's zu sechsten Folge: 11FREUNDE-Mitarbeiter Lukas Große Klönne wird vom Schnaps tankenden Onkel Willy an den Fußball herangeführt www.11freunde.de/ballkultur/102003 .

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier extremistisches Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nicht akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!