Erinnerungen an den Fußball (5)

Gegen die Jungs aus der Dritten

„Liebst Du mich noch?“, fragte Eva Adam, und Adam sagte: „Wen denn sonst!“ Ähnlich funktioniert das Verhältnis zwischen Fan und Fußball. Das kann auch 11FREUNDE-Redakteur Tim Jürgens bestätigen. Ihn packte die herbe Liebe in Aurich auf dem Bolzplatz. Imago
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Als Helmut Schön Uli Hoeneß an die Hand nahm und mein Vater vor dem Fernseher resigniert den Kopf schüttelte und mit gespielter Lustigkeit „Oh, oh, oh“ rief, wurde auch mir bewusst, dass Fußball mehr ist als 22 Leute, die einem Ball nachjagen. In der Schule sangen wir in auf dem Weg in die Pause „Deutschland hat den Weltpokal“. Was blieb uns übrig, schließlich hatte Schöns Truppe soeben den Europameistertitel wegen eines Nervenflatterns des Ulmer Metzgersohns verzockt. Hinter der Reilschule am Neuen Hafen in Aurich kickten wir uns durch unsere Kindheit. Sogar die 5-Minuten-Pause nach der ersten Stunde konnten wir gegen die Jungs aus der Dritten öfter mal für uns entscheiden.

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Mein Kumpel Dietmar war ein flinker Dribbler, der so manchen 10-Jährigen alt aussehen ließ. Seine Brüder Edgar und Achim komplettierten an den Nachmittagen unsere Straßenmannschaft aus der „Von-Harlem-Straße“, in der auch mein jüngerer Bruder Kai und der rothaarige Jürgen Martens bald ihr Debüt gaben. Unsere Intimfeinde waren die Eilers aus der Oldersumer Straße 36 (dem Haus gegenüber der Rotlichtbar „Lord Nelson Pub“ und dem Edeka-Discount von Herrn Wessels, der uns Kindern beim Einkaufen gerne mal falsch heraus gab), der Großfamilie eines ostfriesischen Taxiunternehmers, für deren Team neben den drei Orgelpfeifen Wolfgang, Arnold und Reiner auch deren große Schwester Elke kickte. Sie war eigentlich ein großer Fan von Rod Stewarts „I’m sailing“, auf unserem Sandplatz vergaß sie aber jegliche Relaxtheit und wehrte sich in Zweikämpfen mit Bissen und Kniffen. Achim quittierte Elkes Ausfälle nicht gerade gentlemenlike, in dem er der Furie knapp vor die Füße spukte. Denn er beherrscht das Kunststück, den Speichel durch beide Schneidezähne mit einem Zischgeräusch kraftvoll und zielgenau auszuspeien.

Ich habe den Höhepunkt zu früh erlebt


Ich stand im Tor. Mein Vorbild hieß Wolfgang Kleff, weil er noch ein bisschen cooler aussah als Sepp Maier. Und weil mein Vater – neben Eintracht Braunschweig – eher mit den Gladbachern als mit dem FCB sympathisierte. In einem der häufigen Entscheidungsspiele hielt ich im Elfmeterschießen alle 10 Strafstöße von den Eilers, in deren Mannschaft an diesem Tag auch der 14-jährige Frank spielte, der angeblich zur See fuhr, weil er keine Eltern mehr hatte. In der Nachbarschaft erzählte man sich, sie hätten mit einem Schlauch die Abgase in das Innere ihres Audi 60 geleitet und seien erstickt.

Ich war gerade acht geworden, hatte zum Geburtstag ein Paar Torwarthandschuhe namens „Kleff“ von Deichmann (16,95 Mark, uff) bekommen – und parierte jeden Ball. In der Gärtnerei nebenan gab es zur Belohnung einen kräftigen Schluck aus dem Wasserhahn. Wenn ich es so recht bedenke, habe ich den Höhepunkt in meiner aktiven Laufbahn etwas zu früh erlebt.

Vor kurzem war ich nach fast 20 Jahren das erste Mal wieder an der Reilschule. Alles wie früher, nur der Bolzplatz war gesperrt. Inzwischen hatte sich hausgestellt, dass die Schule im Krieg zu einem Krankenhaus umfunktioniert worden war. Unter unserem Bolzplatz sollen lange vor unserer Zeit Leichen und Medikamentenabfälle begraben worden sein. Die chemische Kontaminierung des Bodens könne erhebliche Gesundheitsschäden hervorrufen, sagen die Auricher Grünen. Aber keine Sorge, mir geht’s gut.

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In der nächsten Folge erzählt 11FREUNDE-Mitarbeiter Tobias "Dixi" Börner wie es zuging, damals, auf dem Dorf.

Hier geht es zur vierten Folge der "Erinnerungen an den Fußball", in der 11FREUNDE-Rohdiamant Christoph Ries berichtet, wie Manni Bender ihn in blanken Schrecken versetzte www.11freunde.de/ballkultur/101929 .

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