28.05.2007

Erinnerungen an den Fußball (3)

Siegmar schäumte vor Wut

Manche Philosophen sagen, dass nur die unerfüllte Liebe glücklich sein könne. Sie sollten Fußballfans werden. Denn so sehr wir diesen Sport auch lieben – er gibt uns nichts als grüne Hosenbeine und blaue Flecken, wie Johannes Scharnbeck zu berichten weiß.

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In einem höllischen Tempo zischte der Ball mir entgegen, wieder und wieder. Wir spielten zu zweit in dem großen Garten hinter meinem Elternhaus (Foto), Siegmar und ich, zwei Pfähle und Mamas Wäscheleine markierten das Tor. Siegmar hatte den härtesten Schuss von ganz Kolrep, einem klitzekleinen Dorf in Brandenburg, während des Spiels bewegte er sich jedoch sehr hüftsteif. Siegmar war ein Riese mit Halbglatze, er war geistig behindert und Ende dreißig. Im Sommer stampfte er jeden Tag bei uns auf den Hof, und bevor er meinen Eltern von seinen Lieblingsschlagern erzählen konnte, drückte ich ihm einen Ball in die Hand und zerrte ihn auf die Wiese.



Wir wechselten uns ab, zuerst knallte er den Ball aufs Tor, danach versuchte ich es mit Weitschüssen. Siegmar schoss meistens mit der Pieke, aber mit seinen schwarzen Halbschuhen gab er der Kugel immer wieder einen unberechenbaren Drall. Wenn er von einem kleinen Hügel schoss, flogen die Bälle halbhoch auf mich zu – und ich konnte in dankbarer Torwartmanier spektakuläre Paraden zelebrieren. Wenn Siegmar zwischen den Pfosten stand, hechtete auch er jedem Ball hinterher, trotz seiner schnieken hellbraunen Cordhose. Meist hatte er mehr Grasflecken auf der Hose als ich.

Einmal im Jahr, beim Dorffest, traten wir Kinder gegen unsere Väter an. Dann pilgerte die ganze Dorfgemeinschaft nach dem Kaffeetrinken zum Bolzplatz. Siegmar spielte immer bei den Vätern. Wir lieferten uns regelmäßig heiß umkämpfte Duelle – mit Beschimpfungen, üblen Fouls und überschwänglichem Jubel. Unsere Väter wechselten Siegmar jedoch erst dann ein, wenn sie die Brechstangen-Taktik ausgerufen hatten. Er war eben sehr hüftsteif. Einmal schoss ich kurz vor dem Abpfiff das Siegtor, ich kriegte mich nicht mehr ein vor Freude. Siegmar schäumte vor Wut. Am nächsten Tag knallten wir uns im Garten wieder die Bälle um die Ohren.

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In der nächsten Folge der "Erinnerungen an den Fußball" berichtet 11FREUNDE-Mitarbeiter Christoph Ries von einem Trauma, das ihm Manfred Bender vom KSC zufügte. Ries war sieben! Sieben!

Hier geht es zur zweiten Folge der "Erinnerungen an den Fußball": 11FREUNDE-Redakteur Jens Kirschneck verlässt seine erste große Liebe, den FC Bayern, wegen Langeweile und heiratet Arminia Bielefeld www.11freunde.de/ballkultur/101917 .

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