27.05.2007

Erinnerungen an den Fußball (2)

Sie war wunderschön

Fußball ist eine sperrige Geliebte. Wegen ihr brachte sich 11FREUNDE-Redakteur Jens Kirschneck im Alter von fünf Jahren selbst das Lesen bei – zum Dank machte sie aus ihm einen Arminia-Bielefeld-Fan. Die Sau.

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Dass ich anders als die anderen Kinder war, wurde mir schnell bewusst. Derweil die anderen mit ihren Lego-Steinen Autos und Flugzeuge bauten, entwarf ich Fußballstadien. Als ich fünf Jahre alt war, brachte ich mir selbst das Lesen bei, weil meine Mutter keine Zeit hatte, mir die Bundesligaergebnisse vorzulesen.



Sonst aber habe ich Frau Kirschneck senior in Bezug auf meine Fußballsozialisation viel zu verdanken. Während mein Vater mit dem Sport wenig bis nichts am Hut hatte – unseren einzigen gemeinsamen Kick hätte ich beinahe mit dem Leben bezahlt –, war Frau Kirschneck, die aus einer Fußballersippe stammte, Anfang der 70er eine glühende Anhängerin der himmelstürmenden Fohlen von Borussia Mönchengladbach. Weil sich damals alles auf deren Duell mit den Roten aus München konzentrierte, wurde ich mit sechs Jahren Bayern-Fan – die erste rebellische Geste meines jungen Lebens. Ich gewann mit den Bayern von 1974 bis 1976 dreimal den Europapokal der Landesmeister, dann wurde mir die Sache zu langweilig. Während ich die Ferien bei meiner Tante im ostwestfälischen Spenge verbrachte, machten wir einen Ausflug in die benachbarte „Großstadt“ Bielefeld. Die Tante fragte, was ich denn gerne sehen würde, und ich antwortete wie aus der Pistole geschossen: „Das Stadion!“ Kurz darauf stand ich an einem warmen Sommertag auf der menschenleeren Alm. Sie war wunderschön.

,Wenn ich groß bin, will ich auch so ein toller Fußballer werden wie du.“


Seit diesem Moment gab es für mich nur noch Arminia Bielefeld. Und die aktive Karriere? Als ich noch sehr klein war, traf ich einmal Uwe Seeler. Der eierköpfige Fußballer stand damals im Herbst seiner Karriere und besuchte ein Einrichtungshaus in meiner Heimatstadt Minden, wohl um sich ein paar Mark dazu zu verdienen. Es waren ja andere Zeiten. Ich fasste mir ein Herz, trat an ihn heran und sagte: ,,Wenn ich groß bin, will ich auch so ein toller Fußballer werden wie du.“ Seeler lächelte milde und streichelte mir über den Kopf. Heute weiß ich, dass es für den großen Wurf nie gereicht hätte, aber eine Zeitlang stellte ich mich gar nicht so blöd an. Zumindest so wenig blöd, dass mich der Jugendtrainer des größten Mindener Vereins, der mein Treiben im Hinterhof unserer Sozialwohnung vom Balkon aus beobachtet hatte, zum Probetraining einladen wollte. Meine Eltern aber sagten: „Guter Mann, wir haben gerade ein Haus gebaut und ziehen in Kürze in eine adrette Vorortsiedlung. Dann soll der Junge besser da in den Fußballverein gehen.“ So landete ich im Alter von zehn Jahren beim SV Bölhorst/Häverstädt (Foto). Mein Trainer wurde ein Mann mit dem seltsamen Namen Ude Perl, der von Fußball leider so viel Ahnung hatte wie mein Vater. Das war’s dann.

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In der nächsten Folge berichtet 11FREUNDE-Mitarbeiter Johannes Scharnbeck von verbissenen Duellen mit dem Riesen Siegmar im Garten hinter seinem Elternhaus.

Hier geht es zur ersten Folge: Philipp Köster (102) erinnert sich www.11freunde.de/ballkultur/101910 .
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