11.06.2007

Erinnerungen an den Fußball (12)

No sports, gottverdammt!

11FREUNDE-Mitarbeiterin Ayla Kiran liebt den Fußball. Doch der Fußball, das Schwein, liebt sie nicht zurück. Seit jeher springt er ihr vom Fuß und rollt zu anderen. Also versuchte sie, Judo zu lieben. Vergebens.

Text:
Bild:
Imago
Ich gehörte zu der Fraktion von nervigen Mädchen, die mit Eintreten der Pubertät auf eine Dauerkarte auf der langen Bank der Schulsporthalle abonniert war. Ob Stufenbarren, Volleyball oder rhythmische Sportgymnastik: Keine Ausrede war mir zu albern, keine Entschuldigung zu durchsichtig, dem allwöchentlichen Martyrium zu entgehen. Ich hielt es wie Winston Churchill, wie ich nicht müde wurde, zu betonen. No sports, gottverdammte Scheiße.



Diese Komplettverweigerung war weniger einer jugendlichen Rebellion gegen die Enge des Hamburger Lehrplans oder gar Faulheit geschuldet, sondern meine Argumentation beruhte auf wissenschaftlich erwiesenen Fakten: Ich besaß weder Schnelligkeit, noch Kraft, noch Koordination. Ich lief gegen Türrahmen, stolperte über hervorstehende Pflastersteine, und trete noch heute jedem Tanzpartner mit Nachdruck vors Schienbein. Ich war ein Bolzen im Getriebe jedes konstruktiven Sportunterrichts. Was aber weitaus schlimmer wog: Schon früh war mir klar, ich würde nie Bundesliga spielen.


Fünf Ballkontakte und ein halbgarer Übersteiger


Dabei gab es kaum eine Sache, die ich mir mehr gewünscht hätte, als einen schlammigen Sportplatz umzupflügen. Als mir klar wurde, dass es für Mädchen doch eher ungewöhnlich war, all seine Leidenschaft in den Fußball zu stecken, war es schon lange um mich geschehen. Schon mit sechs war ich auf meinem neuen Fahrrad durch die Hochhaussiedlung gebrettert und stellte mir vor, mit den riskanten Manövern umtanzte meine ich Gegenspieler. Und während mein Bruder als Schlussmann des TuS Neu-Steilshoop eine glorreiche 0:13-Niederlage nach der anderen kassieren durfte, hatten meine Eltern mich beim Judo angemeldet. Um die „Koordination etwas zu schulen“, flehten sie mich an. Damit sie lernt, wie man sich beim Fallen abrollt, sollte das heißen. Ich ging widerwillig zum Training mit anderen, armseligen Bewegungslegasthenikern. In den Pausen bettelte ich unseren Trainer an, einen zwergwüchsigen BWL-Studenten namens Mario, mir beizubringen, einen zerrupften Schaumstoffball hochzuhalten. Ich quälte mich vier endlose Jahre, dann hatten weder meine Eltern, noch Mario, noch ich, weiterhin Geduld. Die Bilanz: der grüne Gurt, aber nie mehr als fünf aneinanderfolgende Ballkontakte und ein halbgarer Übersteiger. Enttäuscht waren wir alle.

Auf dem Rad jedoch schlüpfte ich in die Rolle meiner Idole, die ich im Fernsehen bewunderte: Oft war ich Sócrates, den ich zum großen Amüsement meiner Mutter liebte. Dann mutierte ich zum flinken Klinsmann, oder dem kleinen Pierre Littbarski (von dem ich bis zu meinem zehnten Lebensjahr annahm, er hieße Pierrelitt Barski). Ich spielte für die deutsche, die türkische, die argentinische, und, während eines kurzen Intermezzos 1988, sogar für die sowjetische Nationalmannschaft. Meine halsbrecherischen Stunts auf dem Asphalt wurden in meiner Fantasie zu atemberaubenden Alleingängen über die Länge des Spielfeldes; hob das Rad auf dem unebenen Untergrund ab, verwandelte ich einen entscheidenen Elfmeter. Und endete die Fahrt wie so oft in einer der angrenzenden Hecken, war ich – Hol die Sau vom Feld! - das Opfer eines rüden Fouls geworden. Mein imaginärer Gegner wurde dann unter Pfiffen mit der fälligen roten Karte vom Platz gejagt, und ich kroch aus dem Gebüsch, wischte mir Rotz und Wasser aus dem Gesicht und erklomm mit zitternden Knien, unter dem tosenden Applaus der Zuschauer, wieder mein Rad. Noch heute kann ich sagen: Das waren die schönsten Momente meiner aktiven Laufbahn.

Mein letztes Spiel bestritt ich mit vierzehn, auf dem Asphaltplatz meines Gymnasiums. Wir spielten gegen unsere Austauschklasse aus Frankreich, einem Pulk Kangol-Mützen tragender Kettenraucher mit bemitleidenswertem Oberlippenflaum. Nach drei Fouls (zwei davon am eigenen Mann) wurde ich zu meiner eigenen Sicherheit vom Platz gestellt. Das war's dann.

Jahre später entbrannte ich vor unglücklicher Liebe zu einem Jungen, der mir versprochen hatte, mir das Ballhochhalten beizubringen. Ich hätte es eigentlich besser wissen müssen.

Nur Text
Nur Bild
 
 
 
 
 
 
Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden