Erinnerungen an den Fußball (10)

Ich rauche gern

Zwar besiegte 11FREUNDE-Mitarbeiter Paul Linke einst Benjamin Auer im Kopfballduell. Doch alsbald musste er erkennen: Sein Talent wird nicht ausreichen, um ganz oben mitzuspielen. Ein Trost: Er durfte weiter rauchen. Imago
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Ehrlich, ich habe mir nie Illusionen gemacht. Als der liebe Fußballgott die Talente verteilte, stand ich einfach in der falschen Schlange. Also musste ich mich damit begnügen, was die anderen übrig gelassen haben: die hohe Kunst des Grätschens, den durchsichtigsten aller Hackentricks und die Nervenstärke, jeden dritten Elfmeter zu verwandeln. Mehr war nicht zu holen. Daher begriff ich auch recht früh, dass aus mir kein Profi werden konnte. Mein Platz ist in der Kreisliga, dachte ich. Und Bundesliga ist im Fernsehen.

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Zugegeben, in der D-Jugend tat diese Erkenntnis noch weh. Denn während Gerüchte die Runde machten, Späher aus Mannheim oder Kaiserslautern hätten sich unters Publikum gemischt, wusste ich insgeheim: Die sind nicht wegen mir gekommen. Und als es irgendwann später hieß, Ehrgeiz und Disziplin seien probate Mittel, dem Schicksal zu entkommen – da hatte ich mich bereits für einen anderen Lebensstil entschieden. Und der Schmerz ließ nach. In den folgenden zwanzig Jahren meiner Karriere bin ich dann mehrmals fast Meister geworden und wäre mehrmals fast nicht abgestiegen. – Wobei auch ich einige fußballerische Sternstunden vorzuweisen habe.

Dann bin ich dankbar

Einmal habe ich drei Tore in einem Spiel gemacht. Gegen den großen Rivalen aus Weingarten. Am Ende fehlte trotzdem ein Punkt zum Aufstieg. Oder das Pokalspiel gegen den FCK – ich habe Benjamin Auer im Luftkampf besiegt. (Was wahrlich nicht einfach war, denn dieser Typ wuchtete damals nahezu jede Flanke in den Winkel.) Und als ich den anschließenden Konter zum Erstaunen meiner Mannschaft mit einem platzierten Linksschuss abschließen konnte, sah es für uns versöhnlicher aus – 1:8. Von dem Jungnationalspieler im Kasten habe ich nie wieder etwas gehört.

Ach, sollen die Talentierten doch um die Welt reisen, Pokale stemmen und in einem Monat so viel Geld verdienen, wie ich, wenn es gut läuft, in meinem gesamten Leben. Ich bin nicht neidisch. Wozu auch. Wenn ich mir die vielen Fußballer anschaue, die falschen Träumen nachhängen und ihr Leben auf der Ersatzbank verbringen, bevor sie eines Tages mit dreißig aufwachen, nur um festzustellen, dass ein strammer Schuss und fünf Übersteiger nicht ausreichen, um ganz oben mitzuspielen. Dann bin ich dankbar. Der Fußballgott hat es letztlich doch nur gut gemeint mit mir.

Dank gebührt übrigens auch meinen Eltern. Nie haben sie mich zum Training geprügelt. Nie haben sie mir das Rauchen verboten, in der Hoffnung, durch mich ihren Lebensabend vergolden zu können. Sie waren stets Realisten. Als ich aber am letzten Sonntag den Elfmeter erfolgreich verwandeln konnte, da freute sich meine Mutter, die es zufällig und nach Jahren der Abwesenheit an den Spielfeldrand verschlagen hatte. Sie war stolz auf ihren Sohn und gönnte mir die Kippe. Dass wir dennoch abgestiegen sind, war ihr ehrlich gesagt egal. Sie hatte sich nie Illusionen gemacht. Aus ihrem Sohn sollte halt kein Profi werden.

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Hier geht's zur 9. Folge der "Erinnerungen an den Fußball": 11FREUNDE-Spanienexperte Jörn Höcker war, ist und bleibt ein Underdog www.11freunde.de/ballkultur/102066 .

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