Erinnerungen an den BSV Rehden in den Neunzigern

Auch Zwerge haben klein angefangen

Der BSV Rehden ist der einzige Verein, der den Vormarsch des FC Bayern in die zweite Pokalrunde noch stoppen kann. Doch es gab Zeiten, da war er nicht der Nabel der Fußballwelt. Der ortskundige Dirk Gieselmann erinnert sich schmerzlich.

Als der BSV Rehden noch SG Rehden-Wetschen-Dickel hieß

Ich möchte ja ungern das Dorffest sprengen, liebe Leute, niemand soll sich an seiner goldenen Bratwurst verschlucken – aber ich muss doch bei aller Euphorie wenigstens darauf hinweisen dürfen: Der BSV Rehden war nicht immer der quasi-neunzehnte Verein der Bundesliga, Konkurrent der Riesen, der selbsterklärte »Triplesieger-Bekrieger«, die erste echte Hürde für Trainergott Pep Guardiola, die er, schon die nächste im Blick, so leichtfüßig überspringen wird wie ein Rehkitz einen halb zusammengebrochenen Zaun in den endlosen Mooren des Landkreise Diepholz – der Verein also, der sich heute Abend zur Prime Time, bestaunt von Millionen Fernsehzuschauern, vom FC Bayern zwei- bis dreistellig vom Platz fegen lassen und sich dafür auch noch bedanken wird. Nein, das war er nicht. Muss auch mal gesagt werden. Bei aller Liebe.

Es gab nämlich Zeiten, da konnte der BSV Rehden sich nicht einmal einen eigenen Namen leisten, musste ihn teilen mit zwei anderen Dörfern, er hieß also: SG Rehden-Wetschen-Dickel. Spielgemeinschaften im Jugendfußballbereich gab es zuhauf, damals in den Achtzigern und Neunzigern. Im Angesicht des Pillenknicks überwanden Dörfer ihre Jahrhunderte alten Animositäten, um irgendwie elf gleich alte Jungs zusammen zu bekommen, die annähernd geradeaus laufen und einen Ball von einem Trecker unterscheiden konnten. Ich war selbst in einer solchen aktiv, der TuS Sankt Hülfe-Heede, etwa sechs Kilometer von Rehden entfernt, zehn Minuten mit dem Auto die Bundestraße 214 runter. Beziehungsweise drei Stunden auf dem Zahnfleisch, besoffen, nach dem Schützenfest, zurück nach Hause. 

Als ich »Tutti Frutti« noch nicht empfangen konnte

Auch da waren sie also zusammengepfercht, die Grundverschiedenen: die Sankt Hülfer, die sich so weltläufig gaben, weil ihr Dorf eine Sparkasse und eine Telefonzelle hatte und sogar schon Kabelanschluss, und die Heeder, die nie mitreden konnten, wenn das Gespräch in der Kabine auf »Tutti Frutti« kam, die RTL-Busenparade mit Hugo-Egon Balder, sexuelle Initiation vieler Heranwachsender. Nur eben nicht der Heeder. Und ich kam aus Heede. Ich kannte nur Antje Pieper aus dem »Disney Club«.

Ich war rechter Verteidiger, beweglich wie ein mittelgroßer Sessel zwar, aber immerhin mit einem Stammplatz, und das über Jahre hinweg. Wer sollte mich auch verdrängen? Ich drosch Bälle so weit ins Aus, dass ich dafür regelrecht berühmt war: Wann immer ich ohne Not auf der Seitenlinie klärte, riefen drei Rentner: »Richtig, Giesi!«, und ich träumte von der WM 1998. Dann würde ich zwanzig sein, und was konnte Stefan Reuter, was ich nicht konnte? Ich befand mich auf dem Zenit meiner Selbstüberschätzung. Mittlerweile hatte Heede sogar Kabelanschluss. Nach dem Training schaute ich voller Hingabe »Airwolf«. Vielleicht würde ich eines Tages selbst einen Heli besitzen.

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