Erinnerungen an Ailton

Schampan und Bia brasilian

Vor nunmehr fünf Jahren verließ Ailton den SV Werder Bremen. Seitdem irrt der Bedauernswerte durch die Fußballwelt wie Odysseus einst durchs Mittelmeer. Findet er nun beim KFC Uerdingen endlich seinen Hafen? Erinnerungen an Ailton Was haben wir ihn geliebt, diesen Ailton! Nicht nur wegen seiner Tore, die Werder 2004 die Schale sicherten. Sondern auch und vor allem, weil er sich alle Kindlichkeit bewahrt hat, die wir uns im Laufe der Jahre abgewöhnt haben, in den Redaktionen, Büros, Werkstätten, Schulen, Praxen, Fabrikhallen, Ladengeschäften und wo wir auch immer unser Erwachsenenleben fristen. An den Lohnzettel festgekrallt, fressen wir den Ärger in uns hinein. Ailton hingegen ließ alles raus.

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Gelacht hat er, geweint – und manchmal beides gleichzeitig. So auch im Jubelrausch des Meisterfrühlings, als er das gesamte Gefühlsspektrum eines Menschen auslotete: »Schampan und Bia brasilian musse heute alles alle! Gratulier Werder Brämmän! Diese Saison muss Deutscher Meister!« Sollte heißen: Werder hat toll gespielt und ist geradezu zwangsläufig Meister geworden. Deshalb werden Champagner und brasilianisches Bier heute in Strömen fließen. Noch während er sprach, taten das auch seine Tränen: Ailton weinte hemmungslos. Schuld war der Abschiedsschmerz, all das Heimweh der kommenden fünf Jahre, geballt in diesem einen Moment. Ailton verließ Bremen in jenem Mai, er hatte sich von Schalke-Manager Rudi Assauer zu einem Wechsel nach Gelsenkirchen überreden lassen. Keine Herausforderung für den ausgefuchsten »Stumpen-Rudi«: Er saß am Verhandlungstisch schließlich einem Kind gegenüber.

»Wir helfen Ailton, indem wir ihn bestrafen«

Und dieses Kind erkannte noch im selben Moment, welch historischen Fehler es begangen hatte. Fort von seinem Ziehvater Thomas Schaaf (»Wir helfen Ailton, indem wir ihn bestrafen«), fort von seinem großen Bruder Valerien Ismael (»Man muss ihn nehmen, wie er ist, dann bekommt man alles von ihm«), fort aus der Stadt, in der ihn alle liebten (»Toni! Toni! Toni!«).

Kaum waren seine Tränen an Schaafs Hemdkragen getrocknet, begann Ailton gegen die Stadt im Ruhrgebiet zu schimpfen, dort könne man nicht tanzen, nicht leben, es gebe nirgends »Bia brasilan«. Er werde in Bremen wohnen bleiben und täglich pendeln. Sollte heißen: Bitte helft mir, löst den Vertrag, den ich Idiot unterschrieben habe, wieder auf! Doch es war zu spät – das Kind hatte sich selbst aus dem Paradies vertrieben. Schalke 04, Besikats Istanbul, HSV, Roter Stern Belgrad, Grashoppers Zürich, MSV Duisburg, Metalurh Donezk und der RSC Altach – das waren seit 2004 die Stationen des umherirrenden Exilanten.

Zuletzt kickte er gar für den brasilianischen Zweitligisten Campinense Clube. Von dort empfahl er sich via »Bild«-Zeitung seinem geliebten Ex-Klub als Scout für den Südamerikanischen Raum. Vergeblich. Auch sein Angebot, notfalls für Werder II zu kicken, schlugen die Verantwortlichen aus.

Nun heißt es, Ailton stehe kurz vor einem Engagement beim in die Tiefen des Amateurfußballs gefallenen KFC Uerdingen. Gemeinsam hätten Spieler und Klub ihre Erinnerung an die gute alte Zeit und die ernüchternde Gegenwart. Doch für Ailton zählt bei dem Job wahrscheinlich nur eines: Die Nähe zu seinem geliebten »Brämmän«. Von Krefeld aus wären es nur noch 300 Kilometer bis an die Weser. Mit Bleifuß drei Stunden die A1 runter. Ailton könnte in die Hansestadt pendeln. Auf ein Lachen, ein paar Tränen und ein »Bia brasilian«. Das ginge dann auf uns.

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